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Historiendrama "Am grünen Rand der Welt": Zwischen Bett und Business

Von Jörg Schöning

Die Provinz als Keimzelle weiblicher Unabhängigkeit: In der Verfilmung von Thomas Hardys Klassiker "Am grünen Rand der Welt" zeigt eine Landwirtin im viktorianischen Zeitalter Geschäftssinn - und sucht sich ihre Männer selbst aus.

Thomas Hardy war ein Serienautor mit besonders glücklichem Händchen: 14 Romane verfasste der Brite zwischen 1871 und 1896, die nahezu ausschließlich in einem fiktiven ländlichen "Wessex" spielen, das geografisch allerdings ziemlich haarscharf mit seiner Heimatregion Dorset, im Südwesten Englands, übereinstimmt. Mit seinen Büchern, die zunächst als Fortsetzungsgeschichten erschienen, hat er nicht nur die Gefühlswelt seiner vorwiegend weiblichen Leser bereichert. Im folgenden Jahrhundert hat sich auch das Kino mit Begeisterung auf sie gestürzt.

"Die Neue Frau", the New Woman, das war Hardys große Entdeckung; ein feministisches Ideal, das Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert in der männerdominierten Gesellschaft Macht- und Wirkungsraum zusprach.

Mit untrüglichem Gespür für das sinnliche wie geschäftliche Potenzial dieser Schöpfung haben sich Filmproduzenten seitdem Hardys Entdeckung zu eigen gemacht: Hardys früher Bestseller "Far from the Madding Crowd" geriet schon in den Zehnerjahren auf die Kinoleinwand. "Am grünen Rand der Welt" ist nun die vierte Adaption dieses Stoffes, den zuletzt Stephen Frears mit seiner turbulenten Countryside-Komödie "Immer Drama um Tamara" so fulminant in Szene gesetzt hat.

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"Am grünen Rand der Welt": Die Provinz ist nicht provinziell
Anders als Frears' freigeistige Spaß-Verfilmung nimmt der dänische Regisseur Thomas Vinterberg ("Das Fest", "Die Jagd") Hardys bukolisches Treiben tatsächlich ernst. Und daran tut er gut! Wie Polanski mit Nastassja Kinski als "Tess" (1979) und Michael Winterbottom mit Kate Winslet in seiner "Jude the Obscure"-Adaption "Herzen in Aufruhr" (1996) präsentiert auch Vinterberg eine Hardy-Heldin voll auf der Höhe der Zeit.

Eine ausgebuffte Businessfrau

Bathsheba Everdene heißt die von Carey Mulligan mit jeder Faser verkörperte Frau - mythologisch gebildete LeserInnen des 19. Jahrhunderts durften sie sich aufgrund ihres Namens schon mal vorab "im Bade" imaginieren. Der Kinozuschauer von heute begegnet ihr zwar während des Vorspanns im Stall; ebenso sinnlich geht es aber auch hier zu. Die Nähe des Animalischen suchend, bereitet Bathsheba einen Ausritt vor, den sie überwiegend in der Horizontalen absolviert. Der Genuss, den ihr dabei die Zweige der Bäume und Sträucher bereiten, indem sie über ihren rücklings ausgestreckten Leib streichen, bleibt dem Kameraauge ebenso wenig verborgen wie dem heimlich spähenden Schäfer Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts).

Mit dieser berühmten, einst skandalösen Szene des Romans gleich zum Filmanfang ist die eine Dimension des Dramas von vornherein etabliert. Später aber ist Bathsheba auch als ausgebuffte Businessfrau zu erleben, die auf der örtlichen Getreidebörse den Kurs für ihr Korn gewieft in die Höhe treibt. Nicht nur den Respekt des lokalen Großgrundbesitzers Boldwood (gespielt von Michael Sheen) bringt ihr das ein, auch seine Leidenschaft weiß sie durch ihren Witz zu wecken.

Doch zu den Heiratsanträgen beider Verehrer sagt Bathsheba Nein. Stattdessen erhört sie den jungen Sergeant Troy (Tom Sturridge), einen schurkenhaften Stutzer, der schon durch seine feuerrote Uniform als erotischer Eindringling in dieser sonst so biederen Barbour-Welt gekennzeichnet ist. Troys aufreizenden "Säbeltanz" zelebriert Vinterberg als sadomasochistisches Ritual, von dem sich Bathsheba willigst überwältigen lässt - ehe sie später den Mann ihres Lebens dann doch lieber selber auswählt.

Ein Versuchsfeld sittlicher Modernisierung

"Mistress, not Master", "Herrin, nicht Herr" - so stellt sich Bathsheba als Bäuerin ihrem Landvolk vor. Den Unterschied arbeitet Vinterbergs Film klar heraus. In späteren Romanen hat Hardy die Industrialisierung des ländlichen Raumes beschrieben. Hier aber geht es um etwas anderes - Hardy entwickelt in seinem Roman ein Versuchsfeld sittlicher Modernisierung.

Nur sehr bornierte Großstädter können ja übersehen, dass Revolutionen immer an der Peripherie, far from the madding crowd, ihren Anfang nehmen. Vinterberg entdeckt in der scheinbaren viktorianischen Idylle die Anfänge eines umfassenden globalen Umbruchs, der mit einer Ananas unter dem Weihnachtsbaum seinen schönsten bildhaften Ausdruck erhält. Die "Provinz" ist eben nicht provinziell.

Für steten Wandel stehen im Film auch die wechselnden Jahreszeiten, die Vinterberg mithilfe der gesamten Farbpalette William Turners und anderer englischer Landschaftsmaler akkurat illustriert, auch Bildmotiven des Westerns bedient er sich. Die Besetzung Bathshebas mit der eher zarten, androgynen Carey Mulligan ("An Education", "Drive") weckt sichtlich gewollt Assoziationen zu einer spektakulären Nachfahrin dieser schollenverbundenen Frau - Scarlett O'Hara, die "Herrin von Tara" in "Vom Winde verweht" (1939).

Aus den USA wird übrigens schon die nächste Verfilmung des Hardy-Romans in Aussicht gestellt, diesmal als Western, unter dem Titel "North of Cheyenne". Es sieht so aus, als wolle Thomas Hardy jetzt wirklich noch einmal in Serie gehen.

Sehen Sie hier den Trailer von "Am grünen Rand der Welt"

"Am grünen Rand der Welt"

Originaltitel: Far From the Madding Crowd

Großbritannien, USA 2015

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: David Nicholls nach einem Roman von Thomas Hardy

Darsteller: Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts, Michael Sheen, Tom Sturridge, Juno Temple, Jessica Barden

Produktion: DNA films, Fox Searchlight Pictures

Verleih: Fox Deutschland

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 16. Juli 2015

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
schwarzrotgold 14.07.2015
Auf amerikanisch: "Chick Flick", auf deutsch: "Liebesschnulze". Na, wem's gefällt...
2. Du liebe Güte!
artusdanielhoerfeld 14.07.2015
""Am grünen Rand der Welt" zeigt eine Landwirtin im viktorianischen Zeitalter Geschäftssinn - und sucht sich ihre Männer selbst aus." Natürlich ist das historisch gesehen blanker Blödsinn. Aber die Frauen von heute träumen sich halt gerne in eine Märchenwelt...
3.
merokutt 15.07.2015
Zitat von schwarzrotgoldAuf amerikanisch: "Chick Flick", auf deutsch: "Liebesschnulze". Na, wem's gefällt...
Eher nicht - wenn sich der Film an die Vorlage hält. Nicht jeder Film, in dem es auch um Beziehungen von Männern und Frauen geht und eine Frau die Hauptrolle spielt, ist eine Liebesschnulze (siehe etwa "Das Piano", wobei ich von diesem Film nicht so etwas erwarte).
4.
merokutt 15.07.2015
Zitat von artusdanielhoerfeld""Am grünen Rand der Welt" zeigt eine Landwirtin im viktorianischen Zeitalter Geschäftssinn - und sucht sich ihre Männer selbst aus." Natürlich ist das historisch gesehen blanker Blödsinn. Aber die Frauen von heute träumen sich halt gerne in eine Märchenwelt...
Der Roman erschien 1874, was hat das denn bitte mit "Frauen von heute" und "Märchenwelt" zu tun?
5.
schwarzrotgold 15.07.2015
Zitat von merokuttDer Roman erschien 1874, was hat das denn bitte mit "Frauen von heute" und "Märchenwelt" zu tun?
Vielleicht wurde der Roman 1874 im Bereich "Fantasy" geführt und stand gleich neben Jules Verne? So aus dem Bauch heraus (wirklich nicht mehr) würde ich sagen, dass weibliches Unternehmertun zu der Zeit eher nicht üblich waren. Also Märchenwelt damals wie heute?
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