Am Set mit Lars von Trier Shitty in Trollywood

Genial - und extrem schwierig. Regisseur Lars von Trier hatte erstmals überhaupt Journalisten zu einem Drehort-Besuch geladen. In den Wäldern nahe Göteborg boten Darsteller wie Kirsten Dunst und Kiefer Sutherland ein bizarres Schauspiel, bei dem der Regie-Troll mit Fäkalwörtern um sich warf.

Christian Geisnæs

Aus Trollhättan berichtet Mariam Schaghaghi


Dass es ungewöhnlich werden würde, verriet schon der Name des Ortes: Trollhättan, achtzig Kilometer von Göteborg entfernt. Ein Ort, dessen Name klingt, als wäre er von putzigen Fabelwesen bevölkert, die dort wichtigem Business nachgehen; ein Manhattan für Trolle eben. Hier dreht Lars von Trier seinen neuen Film "Melancholia". Angekündigt ist er als "psychologischer Katastrophenfilm". Was man für einen Regisseur, dessen Depressionen ihn zum Teil daran hinderten, seinen letzten Film eigenhändig zu vollenden, ja ganz passend finden kann.

Lars von Triers " Antichrist" hatte im vergangenen Jahr selbst abgebrühten Kritikern die Sprache verschlagen: Kunstwerk und Mist zugleich, so lautete in etwa der Konsens bei den Filmfestspielen von Cannes. Dennoch trug Charlotte Gainsbourg als traumatisierte Mutter und Selbstverstümmlerin die Darsteller-Palme davon. Für das nächste Kunstschandwerk fährt der 54-jährige Trier nun eine fulminante Darsteller-Truppe auf: aus Hollywood Kirsten Dunst und Kiefer Sutherland, aus Frankreich Charlotte Gainsbourg und Charlotte Rampling, dazu das britische Schauspieler-Urgestein John Hurt, Stellan Skarsgaard und seinen Sohn Alexander aus Schweden, schließlich noch der deutsche Hollywoodianer Udo Kier.

Und die Medien sollten erstmals hautnah dabei sein können, ein Novum für Trier. Also: nichts wie auf nach Trollhättan.

Die Landschaft hinter Göteborg lässt befürchten, in den düsteren Wäldern von "Antichrist" gelandet zu sein: sehr grün, sehr waldig, sehr einsam. Das Navigationssystem im Auto verhält sich schräg. Es will unbedingt in die norwegische Hauptstadt Oslo statt in das schwedische Trolldorf. Dort angekommen, trollt es sich ganz. Die Adresse des Filmstudios ist unbekannt, behauptet es.

Vielleicht nach einem Campingbus Ausschau halten? Lars von Trier leidet ja bekanntlich unter Flugangst, so dass er sogar die 1600 Kilometer von Kopenhagen nach Cannes im Wohnmobil zurücklegt. Doch in Trollhättan stehen gleich an jeder Ecke drei Campingbusse. Und die Fahrer ähneln alle dem Regisseur: kräftig, behäbig, eigenbrötlerisch.

Die Charlottes schweigen, Kiefer bleibt Profi

Schließlich findet sich das "Film I Väst"-Studio doch, malerisch an einem Flüsschen gelegen. Im ziegelroten Gebäude hängen an einer Wand Plaketten mit Filmtiteln. Vinterbergs "It's all about love", "Fucking Amal", auch Triers "Dancer in the Dark", "Manderlay" und "Dogville". Jeder wichtige skandinavische Film scheint hier gedreht worden zu sein. "Unser Spitzname lautet ganz offiziell Trollywood", sagt Co-Produzent Peter Aalbaek Jensen stolz.

"Wir drehen gerade eine Hochzeit", verrät er. Heute sei Tag eins im Studio und der dritte Drehtag überhaupt, die Tage zuvor habe man auf einer Burg gedreht. Die Halle verströmt nichts von der Magie einer Nicole Kidman, von Björk oder Catherine Deneuve. Eher erinnert sie an eine Ikea-Lagerhalle - und riecht auch genauso kunstholzig.

Plötzlich steht da Kiefer Sutherland im Smoking, die Grübchen gehören zu Kirsten Dunst, und da ist auch ein ratlos grinsender Mann im roten Hemd - Lars himself. "Everybody happy?" fragt einer der Helfer die Fotografen beim Fototermin. "Me not", schießt es aus Lars von Trier heraus. Dann nehmen die Kombattanten an einer improvisierten Tafel Platz - die Pressekonferenz. Dass es unrund läuft, merkt man schon nach den ersten Fragen und Nicht-Antworten.

Um was es in "Melancholia" ginge, wird Trier gefragt. "Es ist eine Geschichte um zwei Schwestern und einen Planeten", antwortet er knapp. "Aber ich drehe ja Filme, weil man in diesem Medium die Geschichten am besten erzählen kann. Darum versuche ich so wenig wie möglich zu sagen." Ein Kollege gibt zu bedenken, dass man extra aus Deutschland angereist sei, um etwas zu erfahren. Der Regisseur wischt den Einwand beiseite. "Das letzte Mal bin ich nach Deutschland gereist, um diesen verdammten Film zu drehen."

Die Journalisten sind eindeutig enthusiastischer als die Künstler. Die beiden Charlottes bleiben so gut wie stumm. Die eine, Rampling, ringt sich ein "No comment" ab - es sollten ihre einzigen Worte bleiben. Die zweite, Gainsbourg, antwortet irgendwas mit "Lars... immer... Herausforderung". Und eine Antwort später: "Rolle... wieder... Herausforderung." Sonst schaut sie nur unbeteiligt-beleidigt. Einzig Kiefer Sutherland verhält sich professionell: Er spricht im hörbaren Phon-Bereich und schafft mehr als drei Sätze hintereinander. Und Kirsten Dunst immerhin ruft Trier als "den besten Regisseur der Welt" aus. Was der zufrieden schnaubend zur Kenntnis nimmt, schließlich hat er das schon in Cannes von sich behauptet.

Eine Kollegin aus Schweden startet einen zweiten Versuch, Trier etwas zu entlocken. Ob er verraten will, wie der Film aussehen werde? Lars von Trier: "Scheiße. Ich hoffe zumindest, dass er etwas beschissener aussieht als der, den ich zuvor gemacht habe." "Shittier" sagt er im Original. Ein großer Erklärer seiner Filme war der Däne nie.

Die Sache mit dem Schwanz-Test

Wenig konnten Medienvertreter dem Regisseur abringen: Dass Melancholie für ihn mehr bedeute als Depression und in allen guten Dingen zu finden sei. Dass Kirsten Dunst im Film Alexander Skarsgaard heirate, und dass das Hochzeitskleid scheußlich sei. Dass der Planet Melancholia mit der Erde kollidiere, aber nicht viele Menschen sterben werden. Dass der Film kein Happy Ending habe, er aber durchaus finde, dass seine vorigen Filme Happy Endings gehabt hätten. Dass er Frauen in seinen Filmen verstehe, nicht aber im Leben. Und dass er in besserer Verfassung sei als bei "Antichrist".

Ein letztes Aufbäumen. Ein Kollege erzählt eine Anekdote von Willem Dafoe. Trier habe mit ihm vor dem ersten "Antichrist"-Drehtag seine Figur erörtern wollen. Doch dann ging es morgens um acht mit dem Wohnmobil an einen See, in den Trier sprang. Auch Dafoe forderte er auf, sich auszuziehen und schwimmen zu kommen. Was der auch tat, obwohl es März war und der See eiskalt. Und dass Trier zu Dafoe nach dem Bad nur sagte: "Also, bis morgen!" Und ob die Schauspieler jetzt wieder ins kalte Wasser springen müssten.

Die Antwort kommt blitzschnell. "Das habe ich nur gemacht, um Willems Schwanz zu sehen. Der war okay, also war Willem okay für die Rolle. Selbst nach dem kalten Wasser." Der Höhepunkt der Veranstaltung, sowohl in Humorgehalt wie auch Wortanzahl. Nach der Pointe legt der Regisseur dann wieder sein sibyllinisch-schelmenhaftes Lächeln auf.

Nach 29 statt der angesagten 45 Minuten ist Abgang angesagt. Beim "humble dinner" mit Pasta und schwedischen Erdbeeren lässt sich kein "Melancholia"-Mitwirkender mehr sehen. Das alles sei ja nur ein Appetithappen gewesen, versucht der deutsche PR-Mann zu trösten. Das ganze Menü solle es doch erst im Mai nächsten Jahres geben, in Cannes. Die Berufung in den Wettbewerb ist das erklärte Ziel von "Melancholia".

Ein Kollege aus Schweden formuliert es weniger euphemistisch. "Ihr kommt aus Deutschland?! Na, dann seid ihr ja von weit her angereist, um nichts zu erfahren."



insgesamt 14 Beiträge
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tomloew 09.08.2010
1. Gemein und unprofessionell …
… wie da die Filmleute mit den armen "Medienvertretern" umgegangen sind. Keine druckreifen Antworten und obendrein pampige Pasta. Dennoch scheint sich die gepeinigte Journalistin mehr über sich selbst zu ärgern, und das zu Recht. Erlebnishungrig und auf das Extremste gefasst, hat sie sich mit einem dysfunktionalen Navi tief in die skandinavischen Wälder bemüht - und wusste doch schon im Vornherein, dass mit von Trier journalistisch kein Staat zu machen sein würde. Er mag die Presse einfach nicht. Dumm nur, dass seine Filme trotzdem gut sind …
eishockeyoma 09.08.2010
2. cleverle, der von Trier
und obwohl er nichts preisgegeben hat, schafft er es doch glatt, dass der Spiegel berichtet und ihm sogar noch ein Fortum einrichtet. Solange sein Film wieder so gut wird, wie seine Vorgänger, kann er von mir aus mit der Journaillie auch Ringelpitz mit Anfassen machen! genie trifft wahnsinn!
popcornhexe 09.08.2010
3. Professionelle Irritationen
Altmeister von Trier kann halt neben Antichrist auch gut Antimarketing. Was dann bei Intellektuellen als irsinnig cool ankommt. Soviel Irritation kann Freiheit bei Weisungsgebundenen auslösen! Wahrscheinlich hat sich das ganze Set, nachdem die Journalisten weg waren, den Bauch vor Lachen gehalten: "Na, denen haben wir aber mal wieder einen vorgemacht, hö hö!". Journalisten vergessen ja immer gern, dass Schauspieler auch in den Drehpausen Schauspieler sind - und dass auch Interviewsituationen der Regie des Meisters zu folgen haben.
susanneuser 09.08.2010
4. Witziger Artikel
Immerhin ist doch ein witziger Artikel dabei rausgesprungen :-)
k.laus 09.08.2010
5. Trollenberg Terror
Misst! Da hat er mich wieder, der verfluchte Däne. Ich kanns kaum erwarten. Der Artikel ist als Dokument des Scheiterns gar nicht mal schlecht, wobei es von Trier fertigbringt mit Totalverweigerung den vorher maltretierten Journalisten respektvolle Huldigungen abzutrotzen. Unglaublich.
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