Missbrauchsdrama "Am Sonntag bist du tot" Die Sünden der anderen

Einem irischen Priester wird verkündet, dass er stellvertretend für alle Kirchenmänner, die Kinder missbraucht haben, sterben muss. "Am Sonntag bist du tot" ist ein erschütternder Film über Schuld und Vergebung.

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Gleich vorweg: Der saloppe deutsche Verleihtitel "Am Sonntag bist du tot" führt auf die falsche Spur. Wer "The Guard - Ein Ire sieht schwarz", den ersten Film von John Michael McDonagh, noch in Erinnerung hat, könnte auf die Idee kommen, es handle sich hier um die nächste schwarze Komödie. Das aber entpuppt sich noch während des ersten Aktes als Irrtum, so komisch viele Szenen und Momente mitunter auch sind. Der Originaltitel, "Calvary", trifft es besser. Der Kalvarienberg gilt dem Christen als der Ort vor den Toren Jerusalems, an dem Jesus gekreuzigt wurde.

Und "Calvary" beginnt tatsächlich mit einem Todesurteil. James Lavelle (Brendan Gleeson), der Priester eines kleinen irischen Ortes an der Küste vor Sligo, nimmt die Beichte ab, und ein für den Zuschauer nicht identifizierbarer Sünder erzählt seine Geschichte. Jahrelang sei er als Kind von einem Priester missbraucht worden, und nun würde er Lavelle töten, nächsten Sonntag sei es so weit.

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"Am Sonntag bis du tot": Ein Priester sucht Vergebung
Die Wahl des Opfers wirkt auf den ersten Blick abstrus, auf den zweiten hat der angekündigte Mord eine zwingende Logik: Einen Kirchenmann umzubringen, der Kinder vergewaltigt hat, würde niemanden schockieren, der Tod eines unschuldigen Priesters wie Lavelle hingegen schon; dieser Mord träfe keinen individuellen Täter, sondern wäre die Rache an der katholischen Kirche als Ganzer.

John Michael McDonagh, der auch das Drehbuch verfasst hat, thematisiert als einer der ersten irischen Regisseure den in seinen Dimensionen kaum zu fassenden Kindesmissbrauch in den katholischen Einrichtungen des Landes, und er tut dies in einer denkbar grundsätzlichen Weise. Ausgehend von der zerstörerischen Gewalt, die den Schutzbefohlenen angetan wurde, kreist sein Film um die Frage, was Glaube und Ethik in der Moderne noch bedeuten.

Welche Autorität hat die Kirche noch?

Die Frage, wer hinter der Morddrohung steckt, tritt bald in den Hintergrund. Stattdessen erzählt "Calvary" seine Geschichte episodisch. Reihum trifft der Priester die manchmal latent, manchmal gänzlich schief in die Welt gestellten Menschen seiner Gemeinde, während der Sonntag unaufhaltsam näher rückt. Die Serie von meist konfrontativen Gesprächen entpuppt sich als eine Art filmisches philosophisches Seminar - nur packender.

Gleich, ob der Priester mit der Witwe spricht oder dem sexuell glücklosen jungen Mann, mit der Ehebrecherin, dem soziopathischen Finanzspekulanten, dem Serienmörder oder dem misanthropischen Pathologen - immer geht es darum, wie ein gutes Leben aussehen kann, was Schuld und Sühne bedeuten und um die Frage, ob man sich über all das von einem Angehörigen einer Kirche belehren lassen will, deren Vertreter über Jahrzehnte hinweg in epidemischem Ausmaß Kinder missbrauchen konnten.

"Calvary" allerdings tut genau das Richtige und vermeidet die allzu naheliegende Religionskritik. Stattdessen stellt McDonagh einen Priester ins Zentrum, der auch für überzeugte Atheisten als Autoritätsfigur funktionieren kann. Brendan Gleeson spielt hier die Rolle seines Lebens. Sein Father James ist ein auf den ersten Blick in sich ruhender, auf den zweiten aber seelisch erkennbar zerfurchter Koloss, der mit leiser Stimme sagt, was nötig ist - und trotzdem zweifelt. Das schlimmste Urteil, das er über einen Menschen fällen könnte, erklärt Lavelle freundlich, aber bestimmt einem rückgratlosen Kollegen, sei, dass einer keine Integrität habe.

Ohne Ironie, aber mit bitterem Witz

"Calvary" stellt einen gläubigen Menschen ins Zentrum, der der Welt nicht enthoben ist, sondern mit ihr und der eigenen Trauer ringt und, wenn es hart auf hart kommt, im Pub schon mal besoffen den Revolver schwenkt - um dann ausgerechnet von einem Buddhisten mit dem Baseballschläger verdroschen zu werden.

"Calvary" verhandelt den rapiden Glaubwürdigkeitsverlust einer Institution, die in Irland eine ungleich prägendere Rolle spielt als in den übrigen westeuropäischen Ländern. Damit ist aber noch nicht geklärt, warum der Film auch Agnostiker, die mit Irland nichts am Hut haben, ungemein berühren kann. Vielleicht, weil hier tatsächlich endlich einmal wieder ein Regisseur einen Weg gefunden hat, ohne Ironie (wenn auch nicht ohne bitteren Witz) existenzielle Fragen aufzuwerfen.

Die Antworten, die "Calvary" kommuniziert, bleiben ambivalent. Am Ende entsteht aber in zumindest einem Punkt eine verstörende Klarheit. Zwar leuchtet die Vermutung des Priesters, dass viel zu viel über die Sünden und viel zu wenig über Vergebung gesprochen würde, unmittelbar ein. In den letzten Minuten insistieren die Bilder dann aber doch mit aller Wucht darauf, dass das einmal Zerstörte niemals mehr geheilt werden kann. Und das gilt für die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche genauso wie für ihre Opfer.

Die Toten kommen nicht zurück.

Am Sonntag bist du tot

IRL/UK 2014

Originaltitel: Calvary

Buch und Regie: John Michael McDonagh

Darsteller: Brendan Gleeson, Chris O'Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen, M. Emmet Walsh

Produktion: Reprisal Films, Octagon Films

Verleih: Ascot Elite Filmverleih GmbH

Länge: 105 Minuten

Start: 23. Oktober 2014

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
cheeriolads 04.11.2014
1. moin
Guter artikel. Sie machen einen kategorischen fehler, unwissend schätze ich es geht um theologie und nicht philosophie. Der Film spielt die passion Christi nach, die letzten 7 Tage bis Golgatha. Und ob das ganze dann nicht eher eine Verteidigung des Glaubens und der Kirche ist, hängt davon ab ob das Mädchen dem Mann am Ende vergibt. Sie haben glaube ich nicht verstanden, warum die Christen sich die Mühe machen, Jesus für Gottes Sohn zu halten. Weil die Menschen in Erinnerung an ihn zu anderen werden. Denken sie nochmal über die Tochter nach.
dirkruss 22.11.2014
2. naja
schlechter film, vollkommen nichtssagend & 2-dimensional, weder berührende Tragik noch unerwartete Katharsis, leider noch nicht mal witzig, reine Zeitverschwendung...
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