"Am Tag, als Bobby Ewing starb" Urschreitherapie beim "Dallas"-Gucken

Einmal Brokdorf und zurück: Lars Jessens charmante Kino-Komödie "Am Tag, als Bobby Ewing starb" entlarvt die Anti-Atomkraftbewegung der frühen achtziger Jahre als Dabattierclub humorbefreiter Kuscheldiktatoren. Der Filmemacher verbrachte seine Jugend selbst inmitten von Ökofreaks.

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Szene aus "Am Tag, als Bobby Ewing starb" (mit Luise Helm, Franz Dinda): Sozialarbeiterin mit Poppersohn
DDP / Jetfilm

Szene aus "Am Tag, als Bobby Ewing starb" (mit Luise Helm, Franz Dinda): Sozialarbeiterin mit Poppersohn

Bedrohlich rückt die Staatsmacht mit dem Wasserwerfer vor. Doch statt den harten Wasserstrahl auf die Gegner zu richten, ertönt aus den Lautsprechern eine höhnische Ansage: Die Demonstranten dürften gerne noch weiter vor dem Werkstor ihre Lieder singen, die Lieferung, die sie eigentlich blockieren wollen, sei allerdings längst durch den Hintereingang eingetroffen. Brokdorf Mitte der Achtziger: Die Schlacht um den Atommeiler ist längst geschlagen, ein paar Versprengte leisten weiter Widerstand. Einheimische reichen den Demonstranten zur Erfrischung Cola und Mezzo Mix, die Dose für drei Mark.

Der Hamburger Regisseur Lars Jessen, Jahrgang 1969, hat einen Film über die Anti-Atomkraftbewegung gedreht. Es ist ein Komödie geworden, und wie das in Komödien meist so ist: Die Hauptakteure machen keine gute Figur. Man wird Jessen, der seine Kindheit zum Teil selbst in einer Landkommune in Brokdorf verbracht hat, Verrat vorwerfen. Aber das ist Humbug. Sein Film "Am Tag, als Bobby Ewing starb", in Saarbrücken unlängst mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, ist keine Abrechnung mit den politischen Zielen der Anti-AKW-Generation geworden, dafür aber eine kritisch-humorige Bilanz ihrer sozialen Irrtümer.

Wenn Jessen über Fehler und historische Schuld einstiger Alternativsysteme spricht, tut er das mit Vehemenz. Sein größter Vorwurf: "Diese Humorlosigkeit!" Das Wort fällt immer wieder. "Es gab diese Regeln, die wurden durchgezogen. Das hatte was Doktrinäres. Alles war politisch, nichts wurde nur so aus Spaß gemacht. Diese Verquickung von Privatem und Politischem war lebensfeindlich."

Das Humordefizit von einst nun komödiantisch zu kompensieren, erscheint da nur konsequent. Doch aus der drolligen Rekonstruktion der vermeintlich enthierarchisierten Öko-Lebenswelt, ihren Gemeinschaftstoiletten und Flokatiteppichfummelwiesen, arbeitet Jessen einen perfiden autoritären Mechanismus hervor. Alles wird diskutiert, aber am Ende gewinnt, wer am längsten und am besten redet. So funktioniert die Kuscheldiktatur.

Szene mit Gabriela Maria Schmeide und Peter Lohmeyer: Alles wird diskutiert
DDP / Jetfilm

Szene mit Gabriela Maria Schmeide und Peter Lohmeyer: Alles wird diskutiert

In "Am Tag als Bobby Ewing starb" manifestiert sich die verdeckte Machtstruktur in einem überschaubaren Soziotop: Im "Alternativen Wohnkollektiv Regenbogen" leben die verbliebenen Anti-AKW-Kämpfer zusammen mit ein paar Gestrandeten. Man finanziert sich über Gelder vom Sozialamt, der autoritär-antiautoritäre Peter (Peter Lohmeyer) lenkt das menschliche Sammelsurium. Die frisch geschiedene Sozialarbeiterin Hanne (Gabriela Maria Schmeide) und ihr 17-jähriger Poppersohn Niels (Franz Dinda) werden aus ihren bürgerlichen Verhältnissen auf die Öko-Ranch gespült. Es wird wahnsinnig viel debattiert und auch die eine oder andere Urschreitherapie absolviert, aber keiner versteht so recht den anderen. Die größtmögliche Einigkeit - imperialistisches Schweinefernsehen hin oder her - wird beim gemeinsamen "Dallas"-Gucken erreicht.

Regisseur Jessen kennt den Kosmos, den er da mit patent zusammengetragener Flohmarktausstattung in Szene gesetzt hat, genau: Er war zehn, als er mit seiner Mutter Ende der Siebziger selbst in eine Kommune bei Brokdorf gezogen ist. Wie die Gruppe im Film finanzierte man sich über Sozialarbeit. "Letztendlich", sagt Jessen, "wurden da alle aufgesammelt, die aus anderen Heimen rausgeflogen waren. Die wohnten dann mit mir in einem Zimmer. Das Projekt scheiterte bald, weil man sich weigerte, getrenntgeschlechtliche Toiletten einzurichten. Man sagte damals: Wir beugen uns nicht dem Diktat des Staates!"

Die Vergangenheitsbewältigung in eigener Sache führt zum Porträt einer Generation, deren Verfehlungen bis ins Hier und Jetzt wirken. Das verleiht "Am Tag, als Bobby Ewing starb" eine gewisse politische Brisanz. "Es ist ein Film über eine Bewegung", meint Jessen. "Ich sehe da eine Gruppe von Leuten, die sich alle ein Stückchen zu viel vorgenommen haben. Klar, sie erreichen einiges; es werden nicht so viele Atomkraftwerke gebaut wie geplant. Gleichzeitig hat diese Generation für eine unheimliche Politikverdrossenheit gesorgt. Ich sage: Guckt Euch an, was ihr mit Eurer überbordenden Moral angerichtet habt. Mit welcher usurpatorischen Energie ihr der nachfolgenden Generation alle Entwicklungsmöglichkeiten geraubt habt."

Szene aus "Am Tag, als Bobby Ewing starb": Cola und Mezzo Mix für drei Mark
DPA / Jetfilm

Szene aus "Am Tag, als Bobby Ewing starb": Cola und Mezzo Mix für drei Mark

In den letzten Jahren gab es gleich eine ganze Flut von deutschen Filmen, in denen man die Achtziger wieder aufleben lassen hat. Doch mehr als Zauberwürfel-Nostalgie kam dabei meist nicht heraus. Jessen geht ein bisschen weiter. Er macht nachvollziehbar, wie der versiegende Aktionismus der Elterngeneration den aufkeimenden Hedonismus ihrer Kinder bedingte. Die Spaßtyrannei der Achtziger - nach Jessens Lesart vor allem eine Folge des Spaßverbots in den Siebzigern.

Die Dekade als transitorische Phase darzustellen, in der Politbewegtheit und Genussorientierung einander bedingten, gelang zuvor nur Stefan Krohmer und Daniel Nocke in ihrem Skihütten-Selbstzerfleischungsszenario "Sie haben Knut". Ingo Haeb, Titeldarsteller des 2003 leider ein bisschen untergegangenen Kinofilms, hat bezeichnenderweise auch an "Am Tag, als Bobby Ewing starb" mitgeschrieben. Der Unterschied: Während in "Sie haben Knut" en detail die psychosozialen Dynamiken der Jahrzehnts nachgezeichnet werden, kippt "Am Tag, als Bobby Ewing starb" schon mal ins Zotige.

Regisseur Jessen, Ehefrau: "Diese Humorlosigkeit!"
DDP

Regisseur Jessen, Ehefrau: "Diese Humorlosigkeit!"

Doch auch wenn die Satire streckenweise als Müsli-Maskerade daherkommt, unterwirft Lars Jessen sie nicht völlig dem Zwang zur Pointe. Die Geschichte kulminiert in der Katastrophe von Tschernobyl und den heute absurd anmutenden Sicherheitsvorkehrungen, mit denen man sich gegen mögliche Strahlungen zu schützen versuchte. Ein Stück kollektives Bewusstsein, für das es im fiktionalen Bereich hierzulande bislang kaum Bilder gibt. Am Rande streiften zwar Hans-Christian Schmids Paranoia-Thriller "23" und Achim von Borries Flüchtlingsdrama "England!" den Super-Gau, ausführlicher aber kam er im deutschen Film nicht vor. Jessen zeigt nun in lakonischen Impressionen, wie Supermärkte leer gekauft und Beete flächendeckend mit Kunststoffplanen überspannt werden. Über allem schwebt die Frage: Kommt die Wolke?

Interessanterweise konnte die Anti-AKW-Bewegung aus dem Super-Gau in Tschernobyl, der ja die Notwendigkeit ihres Protests im Nachhinein unmissverständlich deutlich machte, keinen neuen Elan entwickeln. Die Akteure verließen die Höfe um Brokdorf. Einige gingen nach Spanien, um Zitronenbäume pflanzen, andere begannen ihren Weg durch die Institutionen. Einige wurden sogar Kulturmanager.

Trotzdem oder gerade deshalb musste Jessen so lange um sein Projekt kämpfen. Sechs Jahre insgesamt. Erst sollte er es als Dokudrama konzipieren, dann als TV-Zweiteiler, schließlich als Teenager-Romanze nach dem Motto "Romeo und Julia in Brokdorf". Es gab fünf Stoffentwicklungsansätze und rund 30 Drehbuchentwürfe. "Das hat damit zu tun", glaubt Jessen, "dass die Leute, die in den entsprechenden Instanzen saßen, der Generation der Atomkraftgegner entstammen. Die witterten Verrat und sagten: Da gibt es doch gar nichts zu lachen."


Am Tag, als Bobby Ewing starb

Deutschland 2005. Regie: Lars Jessen. Buch: Ingo Haeb, Kai Hensel, Lars Jessen. Darsteller: Peter Lohmeyer, Gabriela Maria Schmeide, Franz Dinda, Nina Petri, Richy Müller. Produktion: Neue Mira Filmprodukion, Radio Bremen, NDR, Arte. Verleih: Jetfilm. Länge: 89 Minuten. Start: 2. Juni 2005



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