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"American Gangster": Der Teufel mit der weißen Weste

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In "American Gangster" erzählt Regisseur Ridley Scott die Geschichte des schwarzen Drogenbarons Frank Lucas und seines Gegenspielers, einem weißen Polizisten. Kapitalismuskritik, amerikanische Mythen, Blaxploitation-Hommage, Superstars - alles drin. Aber wer ist am Ende eigentlich der Böse?

Ein guter Gangsterfilm nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in das Seelenleben eines Monsters. Martin Scorsese, der Großmeister des Genres, nutzt zumeist das Familienleben des Schurken, um den moralischen Verfall der Figur zu entlarven. Zu Beginn ist man Augenzeuge des hart erkämpften Aufstiegs des Gangsters, man fiebert mit ihm, bringt Verständnis für seine Ziele auf, akzeptiert seine Motive. Später dann, man erinnere sich an die drogen- und gewaltdurchwirkten dritten Akte von "GoodFellas" oder "Casino", rächt sich die kriminelle Karriere mit der Implosion dessen, was der Gangster mit seinen Verbrechen ursprünglich schützen und finanziell absichern wollte: die Seele, das Private, die Familie.

Man muss eine Gangstergeschichte nicht nach diesem Muster erzählen. Aber es lohnt sich. Denn der Zuschauer weiß beim Verlassen des Kinos auch ohne große Moralkeule wieder, an was er glauben soll: Verbrechen mag zwar Glamour, Macht und Profit versprechen, wird am Ende aber doch nur mit Paranoia, häuslicher Gewalt, Knast oder Tod belohnt.

Ridley Scott macht es in seinem neuen Epos "American Gangster" anders - und erliegt prompt dem Charme seiner kriminellen Hauptfigur. Erzählt wird die Geschichte des Drogenbarons Frank Lucas, der in den späten sechziger Jahren von Harlem aus die Drogenszene der USA aufmischte und bis zu seiner Festnahme 1975 zeitweise mächtiger als die Mafia war. Das Besondere an dem heute 78-jährigen Lucas: Er ist schwarz, nicht italienisch, und betrachtete das Drogendealen wie ein ganz normales Geschäft in der legalen Wirtschaft.

Amerikanischer Alptraum

Statt seine Drogen teuer über die örtliche Mafia zu beziehen, suchte sich Lucas den weltweit billigsten Produzenten aus, damals Thailand, machte sich die amerikanische Truppenpräsenz in Südostasien während des Vietnamkriegs zunutze und ließ tonnenweise Heroin in den Särgen gefallener GIs in die USA schmuggeln. Den so gut wie unverschnittenen Stoff konnte er zu Dumping-Preisen auf den Markt werfen, da er keine Zwischenhändler bezahlen musste. "Blue Magic", so der Markenname seines in kleinen blauen Tüten verkauften Produkts, verkaufte sich blendend. Lucas verdiente bis zu einer Million Dollar am Tag.

Basierend auf der Reportage "The Return of Superfly", die der Journalist Mark Jacobson 2000 im "New York Magazine" veröffentlichte, illustriert "American Gangster" den Aufstieg des schwarzen Kleinkriminellen Lucas aus ärmlichen Verhältnissen zum Druglord der Nation - ein amerikanischer Alptraum.

Das Drehbuch von Steven Zaillian ("Schindlers Liste", "Gangs of New York") verwebt die Karriere des Gangsters mit der Story seines Widersachers, dem Polizisten Richie Roberts, der Lucas schließlich zu Fall bringt. Beide Männer, der eine schwarz, schlank und elegant, der andere weiß, übergewichtig und ungehobelt, könnten gegensätzlicher nicht sein, sind in ihrem fast schon krankhaften Ehrgeiz und ihrem latenten Hang zur Gewalt dennoch Seelenverwandte: Die dunkle und die helle Seite der gleichen, uramerikanischen Mentalität.

Erfolg mit Star-Power und Blaxploitation-Hommage

Es ist eine schillernde, faszinierende Geschichte, und Ridley Scott erzählt sie mit dem Ernst und der Gravität, die man aus seinen besten Filmen, darunter "Gladiator", "Blade Runner" und "Black Hawk Down" kennt. Kameramann Harris Savides, der schon in "Zodiac" für bestechende Nostalgie-Effekte sorgte, taucht das New York von 1968 in grobkörnige Bilder und fahles Blaugrau, der Soundtrack zitiert die Blaxploitation-Klassiker der Siebziger: Das Pusher-Dramolett "Superfly" und "Across 110th Street", der große Harlem-Film über ein paar schwarze Gauner, die der Mafia Geld abluchsen, werden ausgiebig bemüht - an Ausstattung und Design lässt "American Gangster" nichts zu wünschen übrig. In den USA spielte das zweieinhalbstündige Epos innerhalb von zehn Tagen bereits 80 Millionen Dollar ein. Rap-Superstar Jay-Z verankerte das Retro-Drama mit einem vom Film inspirierten Album kongenial in der Jetztzeit.

Zu verdanken ist der für einen düsteren Gangsterfilm eher überraschende Erfolg sicher auch der schauspielerischen Dynamik des Hauptdarstellerduos, das sich berechtigte Hoffnungen auf Oscar-Nominierungen machen kann. Denzel Washington spielt Frank Lucas mit zurückhaltenden Gesten und legt den Furor seines für den Erfolg brennenden Charakters in sparsam dosierte Mimik und einen Furcht erregenden, kalt glühenden Blick. Es macht dem Oscar-Preisträger ("Training Day") offensichtlich Spaß, den Bösewicht zu spielen. Sein Lucas ist mehr Buchhalter und Businessman als glamouröser Gangster. Tugenden wie Leistung, Bescheidenheit und Effizienz sind ihm wichtiger als Status-Symbole und BlingBling-Protzerei seines publicitywütigen Gegenspielers Nicky Banks. Washington, der zu Recherchezwecken viel Zeit mit dem echten Lucas verbrachte und dem Alt-Kriminellen nach Abschluss der Dreharbeiten ein Haus schenkte, reflektiert mit seiner Rolle den smarten, zynischen Typ Geschäftsmann, der eine Profit-Gelegenheit nicht aus bloßen moralischen Bedenken in den Wind schlägt.

Richie Roberts scheint zunächst das krasse Gegenteil von Lucas zu sein: Russell Crowe spielt den aufstrebenden Detective mit vorgeschobenem Kinn und vorwärts drängender Körpermasse als Berserker von Recht und Gesetz. Auch Roberts kommt aus mickrigen Verhältnissen und hält sich eisern an seine Prinzipien. Gemeinsam mit seinem Partner stößt er auf eine Million Dollar in unmarkierten Scheinen, die anscheinend bei einem geplatzten Drogendeal auf der Strecke blieben. Wohl wissend, dass korrupte Polizisten an der illegalen Aktion beteiligt waren, entscheidet er sich dafür, das Geld offiziell bei der Dienststelle abzugeben, statt es zwischen sich und seinen Kollegen aufzuteilen.

Späte Ohrfeige

Durch die Anstands-Tat wird er zum Paria des Reviers, geächtet und gemieden von allen. Natürlich kann nur einer wie er, der einzig unbefleckte Cop in New Jersey, den Kampf gegen die neue New Yorker Drogen-Organisation sowie die korrupte Drogenfahnder-Gang um den schmierigen Trupo (Josh Brolin) aufnehmen. Doch auch Roberts muss Opfer bringen für seine Integrität: Je verbissener er sich in seinen Kampf gegen das Verbrechen vergräbt, desto mehr geht sein Privatleben vor die Hunde. Er wird, ähnlich wie sein Gegenspieler Frank Lucas, zum getriebenen Soziopathen, mit dem es keiner mehr länger als nötig aushält. Weder Freunde, noch Frauen.

Washington und Crowe sind großartig in ihren Porträts dieser amerikanischen Archetypen, doch auch sie können mit all ihrer Star-Power eine entscheidende Schwäche des Films nicht überstrahlen: Der in den Siebzigern auf den Straßen von Harlem kultisch verehrte Gangsterboss, so sehr sein Verfall auch angedeutet wird, bleibt bis zum Ende die einzige Heldenfigur des Films, so dass die eigentliche Botschaft des Films - Kapitalismus geht über Drogenleichen - auf der Strecke bleibt. Da können in dramatisch-hektischen Schnittfolgen noch so viele Nadeln in schwarze Armbeugen gestochen werden. Die wahren Gangster in "American Gangster", so suggeriert der Film, sind die käuflichen Cops, gegen die sowohl Roberts, als auch Lucas kämpft.

Spät im Film ist es Lucas' Mutter, eine alte, runzlige Südstaaten-Dame, gespielt von der Bürgerrechts-Aktivistin Ruby Dee, die ihren Sohn mit einer schallenden Ohrfeige für seine Sünden rügt, aber da hat sich der Zuschauer längst auf die Seite des smarten bad guys geschlagen, der von Ridley Scott in gewagten Konstruktionen mal in die Nähe der Box-Ikone Muhammad Ali, in einer Szene sogar an Martin Luther King herangerückt wird. Verbrechen, Gewalt, tausende Drogentote, geschändete Soldatenleichen - alles okay, nur weil der Gangsterboss ein Schwarzer ist? Das nennt man wohl falsch verstandenes Plädoyer gegen Rassendiskriminierung.

Glorifizierung von Gangstern ist ein Ur-Thema des amerikanischen Kinos, und nichts kitzelt mehr als eine vorübergehende Liaison mit der Faszination des Bösen. Von diesem Gangsterfilm jedoch, der eigentlich alles hat, was ein großes Genre-Drama braucht, bleibt nicht viel mehr übrig als das ungute Gefühl, sich ohne Aussicht auf Erlösung mit einem Monster eingelassen zu haben. Scorsese, übernehmen Sie.

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