Oscar-Kandidat "American Sniper" Scharfschütze im Kreuzfeuer

"American Sniper" spaltet Amerika. Der Film verklärt den US-Scharfschützen Chris Kyle zum heroischen Kreuzzug-Killer - und löst einen neuen Kulturkrieg aus.

Von , New York


"Your call", krächzt die Stimme über Funk. Deine Entscheidung. Der Scharfschütze blinzelt durchs Periskop. Im Fadenkreuz ein Junge, der auf einen US-Konvoi zurennt. Was hat er in der Hand? Eine Granate? Der Scharfschütze atmet tief durch. Abdrücken und das Kind töten? Oder nicht abdrücken - und damit den Tod der Kameraden riskieren?

So beginnt Clint Eastwoods US-Kinohit "American Sniper". Er erzählt die Geschichte des legendären Navy-Seal-Scharfschützen Chris Kyle (Bradley Cooper), der 2013 selbst von einem Veteranen ermordet wurde. Die Auftaktszene, eine zugespitzte Momentaufnahme aus dem Irak, verdichtet die moralische Kernfrage des Films, des Krieges und von Kyles Leben auf zwei Minuten: Sind Berufskiller wirklich Helden?

Amerika liebt "American Sniper". Der Film, der auf Kyles gleichnamiger Autobiografie beruht, staubte sechs Oscar-Nominierungen ab und spielt Rekordsummen ein - vor allem dank der Fans im Süden und mittleren Westen, wo der Patriotismus blüht: "Sniper" bietet ihnen einen Lichtblick in einem der dunkelsten Kapitel der US-Geschichte.

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Oscarkandidat: Auf dem Kreuzzug
Zugleich ist "Sniper" der kontroverseste Hollywoodfilm seit Jahren. Er spaltet das Land. Er zelebriert Blutvergießen. Er zementiert Vorurteile. Er verrührt Wahrheit und Lüge zu einer skrupellosen Dramaturgie, die den Mythos amerikanischer Einzigartigkeit glorifiziert - und zerreißt.

"Oscar-Anwärter der Kulturkrieger"

Schon hat die Website "Daily Beast" die Produktion, die in Deutschland am 26. Februar anläuft, zum "kulturellen Phänomen" erhoben. "Oscar-Anwärter der Kulturkrieger", so Bloomberg-Kolumnist Dave Weigel.

"Scharfschützen sind keine Helden", twitterte Filmemacher Michael Moore, dessen Onkel im Zweiten Weltkrieg von einem Scharfschützen getötet wurde. Der Film erinnere ihn an Nazi-Propaganda, sekundierte der Schauspieler Seth Rogen, dessen eigene Nordkorea-Klamotte "The Interview" gerade erst wochenlang für Schlagzeilen gesorgt hat.

Verteidigt wird "Sniper" von den üblichen Verdächtigen - von Newt Gingrich bis zu Sarah Palin, die mit Kyle befreundet war: "Hollywoods Linke spucken auf die Gräber der Freiheitskämpfer." Aber auch VIP-Pazifisten wie Jane Fonda, die "Sniper" als würdigen Erben ihres eigenen Antikriegsfilms "Coming Home" von 1978 sieht. Selbst Vizepräsident Joe Biden will feuchte Augen bekommen haben.

Kriegsfilm? Antikriegsfilm? Es ist bezeichnend, dass "Sniper" Raum lässt für beide Deutungen. Er erzählt eine "wahre Geschichte", aber nur so wahr, wie sie ins patriotische Drehbuch passt. Vielmehr ist "Sniper" die fiktionalisierte Version einer fiktionalisierten Version einer Realität, die auch ohne diese doppelte Zuspitzung traurig genug wäre.

Der Sniper als Bestseller

Mit 160 verbrieften "Kills" war Kyle der tödlichste Scharfschütze in der Geschichte des US-Militärs. "Ich bedauere nur, nicht noch mehr Feinde erschossen zu haben", prahlte er in seiner Autobiografie von 2012.

Das Buch wurde zum Bestseller und Kyle zum Star. 1,6 Millionen verkaufte Exemplare, eine TV-Dokusoap, Bronzestatuen in der Provinz. Da störte es wenig, dass das Werk voll von Klischees war, dass es eine Fabel von gerechten Killern und "Bestien" war, die ihren Tod allesamt verdienten.

Ebenso wenig störte es, dass Kyle manche Episode erfunden hatte. Etwa die zwei Autoräuber, die er in Texas erledigt haben wollte. Oder die 30 Plünderer in New Orleans, nach Hurrikan "Katrina" von einem Dach aus abgeschossen. "American Liar", empörte sich "Slate". Die tollste Lüge war, dass Kyle den Ex-Navy-Seal, Ex-Wrestler und Ex-Gouverneur Jesse Ventura in einer Kneipe k. o. geschlagen habe - als Strafe für despektierliche Äußerungen über die Truppen. Ein Gericht sprach Ventura fast 1,9 Millionen Dollar Schadensersatz zu. Dem Verlag HarperCollins droht nun ein weiterer, noch teurerer Prozess.

Eastwood porträtiert Kyle als gequälte Figur - und überhöht ihn so erst recht zum Hollywood-Helden. Auch seinen sinnlosen Tod blendet er aus. Das Kinopublikum erfährt davon schriftlich, vor dem Abspann. So können die Konservativen ihr schlichtes Weltbild bestätigt sehen und ihre Fantasien erhalten. Selbst Moore und Rogen haben ihre Kritik seither relativiert: "Ich mochte 'American Sniper'", stellte Rogen klar.

Am 11. Februar beginnt der Prozess gegen Eddie Routh, den Killer des Killers Kyle. Sein Anwalt Warren St. John fürchtet, dass die Filmversion auch hier die Realität überstrahlen könnte. "Kann es einen fairen Prozess geben?", fragte er im Branchenblatt "Hollywood Reporter".

Fair vielleicht nicht. Aber kinoreif auf jeden Fall.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
Wassup 21.01.2015
1. Der Dschihadist...
Warum wird nicht einmal ein Film gemacht über einen orientierungslosen Jugendlichen aus einem westlichen Land, der sich radikalisieren lässt? Der radikalisierte Jugendliche lässt sich von einem Warloard instrumentalisieren, er zieht in den Krieg, viele seiner Kameraden kommen um. Man kann die Story sogar noch ausschmücken: - Der Dschihadist bekommt eine Sklavin zugeteilt, die aber nicht mit ihm Sex haben möchte. - Seine Eltern versuchen ihn zurück zu holen Die Sniper Story? Langweilig!
flushbush 21.01.2015
2. Das war doch noch ein Anfaenger
Auf die Frage was er "gefuehlt" haette wenn er abgedrueckt hat sagte er nur "Den Rueckstoss", harter Junge Simo "Simuna" Häyhä (Finnish pronunciation: [ˈsimɔ ˈhæy̯hæ]; December 17, 1905 – April 1, 2002), nicknamed "White Death"
hartmund 21.01.2015
3.
schwierig über einen Film zu reden, der erst in in ein paar Wochen in die Kinos kommt...
Pixopax 21.01.2015
4. eklig
Wie kann man so einen Film machen? Irgendwie gibt es in letzter Zeit nur noch Kill-Filme, Filme in denen möglichst viele Leute umgebracht werden. Kein Film in dem nicht ein Mensch mit Messer, Knüppel oder Schusswaffe um die Ecke gebracht wird. Die Menschen verrohen dadurch immer weiter, unsere Kinder auch, ich merke es direkt wenn sie solche Filme schauen. Die FSK-Einstufungen sidn mitlerweile ein Witz, Lucy z.B. soll ab 12 sein, da werden haufenweise Menschen gefoltert und umgebracht. Dann gibt es Serien wie Walking Dead, wo Kindern in den Kopf geschossen wird, der Kopf platzt auf usw. Ich kenne 12-Jährige die das auf Sky schauen. Game of Thrones, unzählige Tote mit spritzendem Blut, alle mit Schwertern und Messern dahin gemeuchelt. Tarantinos Filme sind der Höhepunkt des Gemetzels. Kriegsfilme ab 2000 sind kaum noch anschaubar, überall fliegen Körperteile umher. Je blutiger desto besser. Ich bin viel gewohnt, wende mich da aber mitlerweile immer öfters ab. Mit meiner Frau brauche ich solche Filme gar nicht schauen. Und dann kriegt so ein Film auch noch 6 Nominierungen. Wofur denn? Bestes Blutspritzbild? Beste Kopfplatzer?
Hans_Mustafa_Schimanski 21.01.2015
5. Ich harbe dies nie verstanden
Wieso wird ein sogenannter "Schnipper" (Das wort kommt vom Zu schnappen des Abdrück-Harns an der Waffe) so glorificiert wird. Diese Taktik ist hinter Rücks, feig', und unehrlich. Der Schnipper ist der Wolf der Kamftruppen.
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