Doku über Münchner Amoklauf "Alle miteinander haben wir Terror gemacht"

Im Juli 2016 tötet der Schüler David S. neun Menschen in einem Münchner Einkaufszentrum - Terrorangst brach aber auch in der Innenstadt aus. Warum? Eine Doku sucht Antworten.

BR/ Südkino

Von Katharina Koerth


Ein stumpfes Klopfen hallt durch die Straße, kurz darauf bricht Glas. Die Handykamera filmt, wie drei Männer nacheinander aus dem zerschlagenen Fenster des Münchner Hofbräuhauses klettern. Einer gestikuliert wild, sie scheinen sich nicht einig, in welche Richtung sie laufen sollen. Ein anderer hält sich den Ellenbogen, er hat sich geschnitten. Kurz darauf postet der Journalist Christoph Kürbel ein Foto des Schauplatzes auf Twitter, an den zerbrochenen Fenstern sind Blutspuren zu sehen: "Zeugin hat Schüsse gehört. Ein anderer nicht. Panik und Flucht der Gäste durchs Fenster", schreibt er dazu.

Die Doku "München - Stadt in Angst", gedreht vom Südkino in Koproduktion mit Bayerischer Rundfunk, versucht sich zwei Jahre nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum an einer Aufarbeitung der Ereignisse: In den Stunden nach den Schüssen entsteht - befeuert durch die Verbreitung von ungeprüften und falschen Informationen in den sozialen Medien - eine Terrorangst, in deren Folge 32 weitere Menschen verletzt werden. Über 4000 Notrufe erreichen die Polizei, 310 Anrufer wollen weitere "Terroranschläge" mitteilen.

Dass das passierte, liegt auch am Verhalten des Täters: Nachdem David S. im und vor dem Einkaufszentrum auf Menschen geschossen hat und auf ein Parkdeck gelaufen ist, verschwindet er. Zweieinhalb Stunden lang ist er nicht auffindbar. Währenddessen ist für die Polizei noch unklar, wie viele Täter sie sucht. Das "schlimmstanzunehmende Szenario" sei eingetreten, sagt der Pressesprecher der Münchner Polizei, Marcus da Gloria Martins, im Interview.

Sehen Sie hier einen BR-Beitrag über die Doku:

BR/ Südkino



Unmittelbar nach den Schüssen am OEZ kommt Terrorverdacht auf. Das Attentat im Bataclan und der Anschlag von Nizza vor wenigen Wochen sind noch stark präsent. Zu 71 "Phantomtatorten" wird die Polizei gerufen. Augenzeugen berichten laut da Gloria Martins von zwei "fremdländisch aussehenden Männern", die zu einem roten Auto gerannt und mit quietschenden Reifen weggefahren seien. Das sei den Beobachtern verdächtig vorgekommen, sie hätten das Verhalten "mit 'Täter' assoziiert".

Hier könnte die Doku an eine Debatte über Täter-Stereotype anknüpfen, die Möglichkeit nutzt sie nicht. Thematisiert wird nur, was direkt mit der Terrorangst zu tun hat. Darunter leidet auch die Verständlichkeit: So erklärt der Sprecher des Landeskriminalamts Bayern, Ludwig Waldinger, an keiner Stelle, welches "Feindbild" er genau meint, nach dem David S. sich seine Opfer gezielt ausgesucht habe. Das Wissen, dass er vor allem Jugendliche tötete, die für ihn aussahen, als hätten sie einen Migrationshintergrund, wird vorausgesetzt. Dabei streiten Gutachter immer noch, ob es sich um einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag oder die Tat eines psychisch Kranken handelte.

Unbeantwortete Fragen

Dafür fangen die Filmemacher eindrücklich ein, wie es zum Ausnahmezustand kam: Tweets und Chatprotokolle werden gezeigt, in denen die Münchner ihre Angst ausdrücken. Betroffene reflektieren, wie die Panik das Hofbräuhaus und die Innenstadt ergriff. "Ich hab gelernt, was Todesangst ist. Es gab ja keine echte Bedrohung, aber die Angst war ja echt", sagt Susanne. In zahlreichen Handyvideos sind schreiende Menschen zu sehen. Regisseur Stefan Eberlein setzt sie in Kontrast zu Standbildern von leeren Plätzen der Großstadt.

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Dokumentation über OEZ-Amoklauf:: Wie in München eine Terrorhysterie entstand

Auch Medien trugen zur Verbreitung der Angst bei: Journalist Christoph Kürbel beschreibt, wie sein Foto erst von Onlinenachrichtenseiten "geklaut" und danach ohne den einordnenden Text weiterverbreitet wurde - zu sehen waren also nur die Blutspuren am Fenster des Münchner Hofbräuhauses.

"Alle miteinander haben wir Terror gemacht", sagt BR-Reporter Martin Breitkopf, der damals live berichtete. "Die Leute, die auf Facebook gepostet haben. Wir, die Medien. Die Polizei, die nicht gesagt hat: 'Nein, es ist kein Terror', in gewisser Weise auch". Auch Polizeisprecher da Gloria Martins - der zusammen mit seinen twitternden Kollegen für ihre souveräne und gelassene Krisenkommunikation viel Lob bekam - zeigt sich selbstkritisch.

Bei all der Aufarbeitung, die die Dokumentation leistet, lässt sie Fragen unbeantwortet, die zwei Jahre nach der Tat interessant wären: Wie bereitet sich die Polizei auf künftige Szenarien vor, in denen die sozialen Medien eine Eigendynamik entwickeln könnten? Und was könnte jeder Einzelne tun, online oder vor Ort, um Hysterie gering zu halten und da zu helfen, wo Not besteht? Eine Antwort immerhin gibt ein Paar, das in der Innenstadt wohnt: Während Stephanie sich für ihr Sicherheitsgefühl ein Hotelzimmer bucht, öffnet ihr Freund panischen ausländischen Touristen die Tür - ins Handeln kommen beide und finden so einen Weg aus der Angst.


Die Doku "München - Stadt in Angst" ist am 18. Juli um 22:45 Uhr im Bayerischen Rundfunk zu sehen. Sie kann schon jetzt in der Mediathek abgerufen werden.



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