Tragikomödie über Heinrich von Kleist Der Emo der Weimarer Klassik

"Madame, würden Sie mit mir sterben wollen?" In "Amour Fou" wird aus dem Doppelsuizid von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel eine köstliche Tragikomödie. Vom Mythos Kleist und der Idee der romantischen Liebe bleibt nicht viel übrig.

Von

SPIEGEL ONLINE

Was können diese dunklen Augen stieren. Kaum hat Heinrich von Kleist (Christian Friedel) das Heim des Ehepaars Vogel betreten, heftet sich sein Blick auf Hausherrin Henriette Vogel (Birte Schnöink). Die blasse junge Frau trägt cremeweiß, ihre Gesichtszüge sind schlicht und ihre Augen wach, ohne geistig besonders rege zu wirken. Mit ihrem Ehemann hat sie zu einer Soirée eingeladen, bei der eine berühmte Sängerin Mozarts Lied "Das Veilchen" nach einem Gedicht von Goethe vorträgt.

Während die kleine Gesellschaft dem Schicksal des "herz'gen Veilchens" lauscht und in Kultiviertheit erstarrt, glotzt Kleist einfach weiter und füllt den Raum nach und nach mit einem Begehren, das so unpassend ist, dass die Szene schließlich ins Komische kippt. Was glaubt der berühmte Dichter und Dramatiker nur in der biederen Hausfrau und Mutter zu erkennen?

Fotostrecke

7  Bilder
"Amour Fou": Weder im Leben noch im Tode vereint
Es ist ein großartiges Spiel der Projektionen, das die österreichische Regisseurin und Autorin Jessica Hausner in "Amour Fou" betreibt. Heinrich von Kleist ist bei ihr ein überspannter Romantiker, der von der Wucht der eigenen Gefühle so begeistert ist, dass er die Damen der Berliner Salons fast wahllos überrumpelt. "Würden Sie mit mir sterben wollen?" Mit diesen Worten bedrängt Kleist im Verlauf der Jahre 1810 bis 1811 gleich mehrere Frauen. Dass es schließlich Henriette Vogel ist, die sich von Kleist am 21. November 1811 am Griebnitzkanal erschießen lässt, bevor er die Pistole gegen sich selbst richtet, erscheint bei Hausner als Folge einer Reihe von fürchterlichen Missverständnissen, deren Tragikomik sie virtuos ausschöpft.

Sehen Sie oben ein Video mit Jessica Hausner, in der sie eine Szene aus "Amour Fou" kommentiert

Dafür, dass sie eine Seelenverwandte sein soll, braucht Henriette Vogel jede Menge Überzeugungsarbeit. Doch Kleist lässt nicht locker und schon bald zeigt seine Unablässigkeit Wirkung. Sah sich Vogel eben noch als treudienende Gattin und Mutter, meint sie plötzlich, genauso lebensmüde zu sein wie er. Der mittellose Dichter, der von seinen Zeitgenossen verkannt wird und kaum mehr ein Auskommen findet, ist ob ihres Sinneswandels zunächst entzückt. Als er erfährt, dass dieser durch die Diagnose einer unbestimmbaren, aber wahrscheinlich tödlichen Krankheit bei Vogel beschleunigt wurde, reagiert er verstimmt. Aus den falschen Gründen soll sie bitte nicht mit ihm sterben wollen.

Wie genau kann man einen Menschen jemals kennen, und wie selbstlos kann man ihn lieben? In "Amour Fou" zeigt Hausner ("Hotel", "Lourdes") zwei Menschen, die begeistert ihre Schicksale miteinander verknüpfen, ohne sich wirklich für einander zu interessieren. Illusionslose Menschen mögen darin eine Reflexion über das Wesen der Liebe an sich erkennen. In jedem Fall ist es eine wunderbar nüchterne Betrachtung von Heinrich von Kleist, die in ihrer Pointiertheit und ihrem perfiden Witz diametral entgegen gestellt ist zu Dominik Grafs dreistündigem Schiller-Epos "Die geliebten Schwestern".

Von Christian Friedel - der demnächst mit Oliver Hirschbiegels "Elser" den Durchbruch erleben dürfte, ihn aber schon mit diesem Film verdient hat - grandios verkörpert, wird Kleist hier zu einer Art Emo der Weimarer Klassik samt fragwürdiger Pony-Frisur. Ihn umgibt die Überheblichkeit eines Teenagers, der anderen vorwirft, das Leben zu verklären, während er selbst den Tod überhöht. Birte Schnöink, Ensemblemitglied am Hamburger Thalia Theater, setzt ihm eine herrlich betuliche Henriette Vogel entgegen, die stets zwischen bodenständig und substanzlos schwankt und dadurch eine eigentümliche Sphinxhaftigkeit entwickelt.

Umgeben von einem wunderbaren Ensemble (unter anderem Stephan Grossmann, Sandra Hüller, Peter Jordan, Paraschiva Dragus) werden die beiden von Hausner in starren Tableaus preußischer Bürgerlichkeit platziert. Wird nicht gerade musiziert, lassen sich die Herrschaften bei Kaffee und Kuchen aus dem postrevolutionären Frankreich berichten. Steuern für alle sollen dort eingeführt worden sein, aber warum nur? Ist die Ständegesellschaft nicht im Interesse aller?

Aus dieser geistigen wie räumlichen Enge herauszubrechen, erscheint als Imperativ. Doch wohin soll es danach gehen? "Amour Fou" zeigt Heinrich von Kleist als brillanten Kopf, der die intellektuellen Beschränkungen seiner Zeit überwunden hat - nur um sich danach umzubringen. Ein tragischer Tod? Gewiss. Aber auch ein dämlicher.

Video
Amour Fou
AT/LUX/D 2014

Buch und Regie: Jessica Hausner

Darsteller: Christian Friedel, Birte Schnöink, Stephan Grossmann, Sandra Hüller, Paraschiva Dragus

Produktion: Coop 99, Amour Fou Luxembourg, Essential Filmproduktion

Verleih: Neue Visionen

Länge: 96 Minuten

Start: 15. Januar 2015

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
diderot_2013 14.01.2015
1.
Kleist als "Weimarer Klassiker": so ein Unsinn! Aber das macht nichts. Die meisten Leser werden ebenso ahnungslos sein wie die Autorin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.