Dokumentarfilm über Amy Winehouse Verzweifelt privat

Was hat Amy Winehouse zu Fall gebracht? Das Doku-Porträt "Amy" über die Ausnahmesängerin zeigt Privataufnahmen und Tagebucheinträge. Der Frau hinter der Tragödie kommt es trotzdem nicht nah.


Klar, 1998 hat man es noch nicht geahnt. Da sieht man nur ein 14-jähriges Mädchen mit dunklen Haaren und großer Klappe in angemessener Pubertäts-Kicher-Laune; und man hört die beeindruckende Stimme, mit der es einer Freundin in diesem Homevideo ein Geburtstagsständchen bringt.

Jenen Digicam-Ausschnitt aus dem Leben von Amy Winehouse an den Anfang zu stellen, impliziert dennoch schon, was folgt und was jeder kennt: Die klassische Heldengeschichte vom Aufstieg und Fall einer Frau, deren drogeninduzierter Tod Tausende von Menschen berührte, weil eine berühmte Sängerin viel zu früh im Alter von 27 Jahren starb.

Der britische Regisseur Asif Kapadia hat seine Protagonistin nie live erlebt, weder im Konzert noch im Interview. In seinem Dokumentarfilm "Amy" mit dem nichtssagenden Untertitel "The Girl behind the Name" hat er meterweise Filmmaterial aus dem familiären, freundschaftlichen und beruflichen Umfeld der Soulsängerin zusammengeflochten. Er zeigt Filmbilder von Amy als frechem Teenybopper, dessen stimmliche Durchschlagskraft sich in beiläufigen Dudeleien vor der Kamera ankündigt. Es gibt Teile aus öffentlichen Interviews in verschiedenen Stufen ihrer Prominenz, Gespräche mit ihrem Ex-Mann Blake Fielder-Civil, ihrem Manager, Freunden. Kapadia hatte zudem Zugang zu Tagebuch- und Notizbucheintragungen und Originaltexten.

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"Amy": Großes Talent, böse Umstände
Der Film hangelt sich dabei chronologisch klassisch an der Entwicklung Amys zum Star entlang: Er lebt von privaten Aufnahmen, die vermutlich nie zur Veröffentlichung geplant waren. Entdeckt wurden sie von Winehouses gutem Freund Nick Shymansky, der sich übrigens auch an Kapadia ("Senna") gewandt und diesen für den Film vorgeschlagen hatte.

Eine Abschiedsparty mit Beehive

Amy und Nick im Taxi, Amys besoffene Stimme auf Nicks Anrufbeantworter, Amys mit Kringelchen verzierte i-Punkte auf (anscheinend?) Original-Textentwürfen zu "Tears dry on their Own", Fotos von Amy als kleinem pausbackigen Frechdachs, dessen Herz ihrem - laut Eigenaussage - nie anwesenden Daddy gehört.

So verzweifelt privat will Kapadia bleiben, dass er seinen Film aufbereitet wie ein Moodboard zum Thema "Gefallenes Mädchen". Die laufenden und stehenden Bilder und O-Töne, die weder beschriftet noch eingeordnet werden, verschwimmen zu einer großen, traurigen Abschiedsparty mit Beehive und wachsenden Tattoos am sich verdünnisierenden Amy-Körper.

Dass man nach dem Film mit einem ähnlichen Gefühl der Verständnislosigkeit wie direkt nach ihrem Tod sitzenbleibt, liegt an der Eindimensionalität, mit der Kapadia seine Bilderpalette zu Amy anordnet: Großes Talent, böse Umstände, dramatischer Fall - das war's.

Kapadia versäumt es, vielleicht absichtlich, vielleicht aufgrund fehlender Einsicht, Amy auch noch über die ohnehin allseits bekannten Tatsachen (musikalisches Ausnahmetalent, hörige Liebe zu einem drogenaffinen Mann) zu zeigen. Fast ein wenig langweilig wirkt die große Sängerin in dem stimm- und stimmungsstarken Porträt - als ob es über die Musik hinaus, die ja nicht wirklich die ihre war, sondern vor allem von der großen Liebe zu ihren Vorbildern aus den Sechzigern zeugte, nichts gegeben hätte, was sie interessierte.

Woher kam der Hang zur Selbstzerstörung?

Stimmt das? Eventuell hätten enge Freunde wie Nick Shymansky oder der ambivalent auftretende Ex-Ehemann Fielder-Civil, dessen teilweise symbiotische Beziehung zu seiner Frau immerhin lange Zeit eine - bei allen Drogen-Ups-and-Downs - starke Konstante darstellte, Amy auch noch über andere Eigenschaften definieren müssen: Welche Leidenschaften hatte sie neben der Musik? Wie stark war sie sich ihrer Essstörung bewusst? Woher kam der Hang zur Selbstzerstörung?

Amys Vater, vom Regisseur als selbstsüchtiger Geschäftsmann porträtiert, der die Gesundheit seiner Tochter dem eigenen Geltungswillen unterordnet und den Goldesel zu früh aus dem Entzug nach Hause holt, war natürlich gegen diesen Film. Die übrigen virtuellen Messerstiche wurden der Sängerin in Kapadias Inszenierung von "den Medien" versetzt, die gnadenlos jeden torkelnden Schritt Amys verfolgten und veröffentlichten.

Dass Kapadia diese Szenen in all ihrer Drastik wiederaufbereitet, ist schade: Die Tatsache, dass er keine eigenen Bilder gefunden hat, macht den Film trotz aller guten Absicht letztlich genauso oberflächlich wie jede kreischende Berichterstattung in der Yellow Press. Er zeigt nicht wirklich "The Girl behind the Name", sondern bleibt doch wieder beim Namen hängen.

Sehen Sie hier den Trailer von "Amy"

"Amy"

    Großbritannien 2015

    Buch und Regie: Asif Kapadia

    Mitwirkende: Amy Winehouse, Mark Ronson, Tony Bennett, Pete Doherty, Blake Fielder-Civil

    Produktion: Focus Features, Universal Music France

    Verleih: Prokino

    Länge: 127 Minuten

    FSK: ab 0 Jahren

    Start: 16. Juli 2015

  • Offizielle Website zum Film

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
01099 13.07.2015
1.
Tja, einem manisch-depressivem Menschen kann man auch nur schwerlich "nahe kommen". Man kann nur zusehen, wie seine Stimmungen wechseln und er von einem Extrem ins andere rutscht. Mit all den Begleiterscheinungen.
Marvel Master 13.07.2015
2. Was hat Amy Winehouse zu Fall gebracht? A:
> Was hat Amy Winehouse zu Fall gebracht? Vermutlich fehlende Erziehung beim Umgang bzw. Ablehnung mit Drogen, kombiniert mit extremen Erfolg, Zugang zu allem was der Planet so hergibt und der Feststellung, mit Drogen kann man temporär Spass haben. Danach drifftet man immer weiter ab. Fazit ist doch. Als Musiker ist man entweder bis 30 tot oder man schafft die 30 und kommt dann so bis 60. Dann stirbt man halt doch relativ früh, weil man durch exzessiven Raubbau am Körper betrieben hat. Oder man hat halt Alzheimer etc, weil das Gehirn einfach zermatscht ist. VG Marvel
deegeecee 13.07.2015
3.
Zitat von Marvel Master> Was hat Amy Winehouse zu Fall gebracht? Vermutlich fehlende Erziehung beim Umgang bzw. Ablehnung mit Drogen, kombiniert mit extremen Erfolg, Zugang zu allem was der Planet so hergibt und der Feststellung, mit Drogen kann man temporär Spass haben. Danach drifftet man immer weiter ab. Fazit ist doch. Als Musiker ist man entweder bis 30 tot oder man schafft die 30 und kommt dann so bis 60. Dann stirbt man halt doch relativ früh, weil man durch exzessiven Raubbau am Körper betrieben hat. Oder man hat halt Alzheimer etc, weil das Gehirn einfach zermatscht ist. VG Marvel
Deshalb der Verweis aus die vielleicht einzige Chance: Sie in den Entzug zu schicken, bevor sie (mit "Back to Black") weltberühmt wurde... um den Preis, dass sie dann wahrscheinlich nicht (in der Art) berühmt geworden wäre. Ihr Vater und ihr damals neuer Manager haben das verhindert. Das ist Teil der Geschichte.
fridolin115 14.07.2015
4. das
"Tja, einem manisch-depressivem Menschen kann man auch nur schwerlich "nahe kommen". Man kann nur zusehen, wie seine Stimmungen wechseln und er von einem Extrem ins andere rutscht. Mit all den Begleiterscheinungen" mag stimmen ABER der Film ist wirklich grottig auf Paparrazi/Bildzeitungsniveau - ich hab ihn gestern gesehen und bin fast schon erzürnt darüber, dem Reiz erlegen zu sein und dafür mein Geld gezahlt zu haben - diese aussergewöhnliche Musikerin ist gnadenlos an die Wand gefahren worden und mit diesem Film erscheint diese Tatsache fast wie eine Fortsetzung durch eben denselbigen. Übrigens hatte ich im Kino schwer den Eindruck nicht der einzige gewesen zu sein dem es fast unangenehm wurde ungefragt zum Voyeur zu werden. Und nur weil jemand eine zum Teil sicher sehr extrovertierte Persönlichkeit hat sollte das niemandem das Recht dazu geben, damit weiterhin post mortrem Geschäfte zu machen - meine bescheidene Meinung. Ganz abgesehen davon - ein unfassbares Talent. Um einen solchen musikalischen output zu haben muss man wahrscheinlich emotional sehr ungefiltert durch die Welt gehen und das ist vermutlich gefährlich
kasam 15.07.2015
5. Man kann jetzt rätzeln,
war es eine Hinrichtung in Raten, oder ein Selbstmord in Raten oder Beides.---und-----Hatte sie überhaupt eine Chance?
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