Amy Schumer in "Dating Queen" Viel Sex, viel Alkohol, kein schlechtes Gewissen

Bloß nichts Festes! Mit Wucht und derbem Witz mischt Star-Komödiantin Amy Schumer in ihrem Kinodebüt "Dating Queen" die Geschlechterklischees auf: Ihre Heldin pfeift auf Pärchen-Idylle - bis sie ein männliches Mauerblümchen trifft.


Vermutlich steht irgendwo in Deutschland ein automatischer Titelgenerator für romantische Kinokomödien. Gefüllt mit Liedtexten von Abba, alten "Cosmopolitan"-Ausgaben und ein paar Litern Prosecco würfelt diese Maschine dann Kombinationen wie "Dating Queen" aus.

So nämlich heißt "Trainwreck", der Film von Regisseur-Produzent Judd Apatow und Drehbuchautorin-Hauptdarstellerin Amy Schumer, in Deutschland. Das Zugwrack im US-Titel bezeichnet einen Menschen in desolater Lebenssituation. Also etwas komplett anderes als eine ominöse Verabredungskönigin.

Wohl eher unbeabsichtigt passt die flauschige Wortschöpfung dann aber doch: "Dating Queen" funktioniert prima als ironisches Synonym für die sexistischen Rollenzuweisungen, die Comedy-Star Schumer in ihren Stand-up-Programmen und der eigenen TV-Show "Inside Amy Schumer" veralbert.

Fotostrecke

9  Bilder
"Dating Queen": Zugwrack mit Bindungsangst
In "Dating Queen", ihrer ersten Kinohauptrolle, spielt Schumer nun die Journalistin Amy Townsend, eine Frau Anfang 30, die keine festen Bindungen eingehen will, dies selbst aber nicht als Problem begreift. Ein mögliches Motiv für die Beziehungsscheue liefert gleich zu Beginn eine Rückblende in Amys Kindheit: Der ehebrechende Vater Gordon (Colin Quinn) verkündet Amy und ihrer Schwester Kim die bevorstehende Scheidung von der Mutter: Monogamie sei eine Illusion.

Die Zeit reicht für ein paar Affären

23 Jahre später lebt Amy allein, trinkt und kifft regelmäßig und findet neben einer Liebschaft mit dem gutgläubigen Muskelprotz Steven (ein mutiger Auftritt von Wrestling-Profi John Cena) noch genügend Zeit für Sex mit Zufallsbekanntschaften. Weit weniger locker ist ihr Verhältnis zur glücklich verheirateten Schwester Kim (Brie Larson). Vor allem weil die im Gegensatz zu Amy kaum Mitleid für den mittlerweile an Multipler Sklerose erkrankten Vater aufbringt.

Passend dazu arbeitet Amy für ein Männermagazin und überbietet sich mit ihren Kollegen beim Versuch, Chefredakteurin Diana (perfekt als Lifestyle-Diktatorin maskiert: Tilda Swinton) mit provokanten Themenvorschlägen zu beeindrucken. Dabei wird Amy dazu verdonnert, den erfolgreichen, aber wenig sensationsträchtigen Sportmediziner Aaron Connors (Bill Hader) zu porträtieren. Doch schon die erste Begegnung nimmt einen unerwartet dramatischen Verlauf, und am Ende lotst Amy den überrumpelten Aaron ins Bett. Nur hat diese Affäre Konsequenzen: Aaron zeigt sich hartnäckig verliebt und lässt sich nicht abwimmeln.

Der Mauerblümchen-Mann

Voll rühriger Zurückhaltung gibt "Saturday Night Live"-Veteran Bill Hader den Mauerblümchen-Mann. Beistand im Liebeskummer bietet ihm der Casting-Coup des Films: Basketball-Superstar LeBron James spielt sich selbst als Aarons Kumpel und millionenschweren Sparfuchs, der jede gemeinsame Restaurantrechnung penibel halbiert. Den beiden gefühligen Männern fehlt eigentlich nur noch ein Litereimer Eiscreme auf dem Sofa, und ihre Übernahme des weiblichen Parts im RomCom-Klischee wäre perfekt.

Die Umkehrung der Filmstereotypen ist denn auch das zentrale Bindeglied zwischen Amy Schumers offensivem Spiel mit Geschlechterrollen und Judd Apatows menschelnder Komödienschule. Seit "Jungfrau (40), männlich, sucht..." zeigen Apatows Filme liebenswerte, vom Leben überforderte Jungs, die ihre Verunsicherung hinter einem Schwall von Vulgarität und absurden Marotten verbergen.

In diesen Erzählungen ist es zumeist an hellsichtigen Frauen, eine gebrochene Männlichkeit beziehungsfähig zu formen. Durch Schumer wird dieses Muster nun entscheidend variiert. Denn Amy Townsend darf in ihren Fehlleistungen genauso gewinnend sein wie die verpeilten "Bromance"-Protagonisten. Und ebenso wie ihre männlichen Spiegelbilder braucht sie nicht nur Sex, sondern vor allem einen Partner auf Augenhöhe.

Auf einer Linie mit "Girls"

In den besten Momenten gelingt "Dating Queen" so eine befreiende Egalisierung der Geschlechter- und Machtverhältnisse. Trotzdem: So amüsant die Eskapaden Amy Townsends sind, so eklatant unterentwickelt bleibt das biografische Drama der Figur. Ihr problematisches Verhältnis zum Vater, das Schicksal der verlassenen Mutter und vor allem der Konflikt mit der geliebten und zugleich argwöhnisch beäugten Schwester - alles purzelt auf Nimmerwiedersehen durch das grobmaschige Drehbuch.

Das ist tragisch bis unerklärlich angesichts Amy Schumers persönlichen Investments in die Geschichte: Sie selbst ist ein Scheidungskind, ihr Vater erkrankte ebenfalls an MS.

Doch trotz der Versäumnisse überwiegt nach zwei Stunden im Kino die Dankbarkeit: für einen Film, der zeitweilig hochkomisch die verlogene Ironisierung von Sexismus entlarvt. Der weiß, dass sentimentale Verklärung von Vergangenem aufrichtigen Gefühlen im Weg steht. Der jedoch vor allem Amy Schumer als kreative Größe etabliert, mit der in Zukunft zu rechnen sein wird.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Dating Queen"

Dating Queen

USA 2015

Originaltitel: Trainwreck

Regie: Judd Apatow

Drehbuch: Amy Schumer

Darsteller: Tilda Swinton, Bill Hader, John Cena, Brie Larson, Colin Quinn, Mike Birbiglia, Jon Glaser, Vanessa Bayer, Ezra Miller, LeBron James, Method Man, Norman Lloyd, Randall Park

Produktion: Apatow Productions, Universal Pictures

Verleih: Universal

Länge: 124 Minuten

FSK: Ab 12 Jahren

Start: 13. August 2015

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Celegorm 11.08.2015
1.
Ich habe nie verstanden, wieso ausländische Filme in Deutschland regelmässig mit alternativen englischen Titeln "eingedeutscht" werden müssen, die oft genug mit dem ursprünglichen Titel oder dem Inhalt nichts mehr zu tun haben, einfach schlecht sind oder gar kein richtiges Englisch sind. Wieso dann nicht einfach ein deutscher Titel, wenn man das Ganze schon durchsynchronisiert und eindeutscht? Ob sich das Zuschauerpotential dadurch verbessert, muss man jedenfalls schwer bezweifeln. "Trainwreck" klingt ja nun selbst ohne Englischkenntnisse irgendwie dramatischer und spannender als eine "Dating Queen", welche hinter dem Titel irgendeine seichte Reality-Show vermuten lässt..
geando 11.08.2015
2. Standartplot statt Aufmischen
Hm. Ich verstehe nicht, in wie weit diese neue Komödie "Klischees" aufwühlt- es sei denn es sind die Klischees der 50er Jahre gemeint. Der Plot entspricht doch vielmehr zu 100% allen anderen "Beziehungskomödien" der Gegenwart, von Matthias Schweighöfer über Sex and the City bis zu Elyas M'Barek. Es ist doch mittlerweile Standard, das eine "um die 30 Jährige" Protagonistin, die irgendwas mit Medien macht, irgendwelche lebensunfähigen Pantoffel-Männer aus ihrer lächerlichen Existenz befreien muss. Gähn.
schwarzrotgold 11.08.2015
3.
Diese Filmbesprechung liest sich jedenfalls besser, als das, was kürzlich hier auf SPON zum Film gesagt wurde, als man den angeblichen Feminismus in Schumers Film hochleben ließ. Das Ganze ist, wie richtigerweise gesagt, "Romantic Comedy". Und das war's dann auch schon. Insgesamt eher zum Gähnen.
benmartin70 12.08.2015
4.
Naja dafür rennen bei uns immer die selben Nasen in schlechten Filmen rum. Also ich schalte eher bei deutschen Produktionen erst gar nicht EIN. Obwohl die auch noch durch unser Geld gefördert werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.