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10. September 2006, 15:55 Uhr

Andrea Sawatzki

Die Unwahrscheinliche

Ob sie als Kommissarin im "Tatort" auftritt oder als Komödiantin in der RTL-Soap "Arme Millionäre" - Andrea Sawatzki spielt immer am Rande des Abgrunds. Für sie ist Schauspiel Therapie. Ein Porträt.

Fangen wir mit dem Mund an, wo sonst, mit diesem sehr speziellen Mund, der über alles entscheidet, was im Gesicht von Andrea Sawatzki passiert, ihren Mund, den sie zu einem Strich zusammenkneifen kann, wenn sie ihn verstecken will, und der aus ihrem Gesicht herauszutreten droht, wenn sie lacht. Die ganze Geometrie ihres Gesichts ändert sich dann, die Augen scheinen schräger zu stehen, das Kinn wird spitzer, und wenn sich der Mund wieder zusammenzieht, bleibt die gute Laune noch eine Weile wie ein Schatten im Raum stehen.

Andrea Sawatzki: Nie viel vom Psycho-Quatsch gehalten.
AP

Andrea Sawatzki: Nie viel vom Psycho-Quatsch gehalten.

"Man braucht 65 Gesichtsmuskeln, um ein trauriges Gesicht zu machen, und nur zehn, um zu lächeln", ist das Mantra von Adina Gabriel, der Millionärsgattin im Plattenbau aus der RTL-Serie "Arme Millionäre“, die Sawatzki auch in der zweiten Staffel mit überraschender Leichtigkeit spielt, und so wenig dieser Spruch wissenschaftlich haltbar ist, so wenig gilt er für Sawatzki selbst: Zum Lachen reicht ihr ein einziger Muskel, aber wenn es nötig ist, kann sie es vermutlich mit allen gleichzeitig.

Nur schade, daß kaum jemand dieses Lachen kennt. Die meisten nämlich kennen Andrea Sawatzki nur als Charlotte Sänger, als jene seltsame, geistesabwesende "Tatort“-Kommissarin, deren Gemütslage eher zwischen traurig und autistisch schwankt als zwischen froh und munter und die ihre Ermittlungsarbeit fast wie ein spirituelles Medium ausübt. Mit viel Glück entkommt ihr versehentlich mal ein Schmunzeln. Charlotte Sänger ist eine Zumutung unter all den schlagfertigen Kripo-Kollegen, die zwischen München und Münster mit soviel Witz und Temperament zur Sache gehen, eine absolut unwahrscheinliche Kommissarin.

Aber Andrea Sawatzki ist auch eine eher unwahrscheinliche Schauspielerin. Die echte Andrea Sawatzki also sitzt nun auf einem braunen Ledersessel in einer Charlottenburger Presseagentur, sie trägt ein unspektakuläres Top unter einer beigen Strickjacke, Jeans und braune Lederschuhe, die roten Haare wirken heller als im Fernsehen, um ihren Hals hängt ein Gewirr von Ketten, Kreuzen und Symbolen. Für ein paar Tage ist der Sommer nach Berlin zurückgekehrt, draußen verbreitet die Sonne gute Laune. Und drinnen spricht Sawatzki über Schmerzen.

Therapie als Schauspiel

Aber dafür kann sie nichts. Es ist ja nicht ihre Schuld, daß man ihr solche Fragen stellt: Frau Sawatzki, wie spielt man Verletzungen? Frau Sawatzki, wie spielt man Schmerz? Als gäbe es einen Trick für das eindringliche Spiel, das ihr immer wieder gelingt. Manchmal, da guckt sie einen an, nach solchen Fragen, mit einem erwartungsvollen Blick, so, als wollte sie sagen: Kommt da noch was? Ist das wirklich Ihre Frage? Und dann, wenn nichts mehr kommt, nimmt sie sich zusammen, bleibt freundlich und versucht Worte zu finden für ihr Spiel. Sie erzählt von der Angst, als Schauspielerin nicht mehr zu funktionieren, wenn sie zuviel über sich weiß, weil sie dann ihre eigenen Reaktionen nicht mehr überraschen, weil sie dann anfängt, "Knöpfchen zu drücken". "Ich weiß nicht genau, wo der Schmerz sitzt. Das kommt von innen, und ich muß es eben auf die Figur übertragen, und je nachdem entscheide ich dann, ob ich in der Rolle einen Zusammenbruch spiele, weine oder den Schmerz in mir begrabe. Gerade wenn man jemanden mit psychischen Problemen spielt, geht das nicht, ohne wirklich in seinen Fundus zu greifen und das dann so zu mischen, daß man, während man spielt, an der Grenze zur Wahrheit steht. Es ist befreiender, jemanden zu spielen, der viel von sich preisgeben muß. Gute Drehbücher sind dafür allerdings immer wichtig."

Nicht nur nach diesen Kriterien ist es ein sehr gutes Drehbuch, das dem neuen ARD-Zweiteiler "Helen, Fred und Ted“ zugrunde liegt. Sawatzki spielt Helen Cordes, eine Fachärztin für Psychiatrie, die nach einem Streit um die Behandlungsmethoden der magersüchtigen Lilly ihren Job in der Klinik aufgibt, um als Therapeutin in der Gemeinschaftspraxis ihres ehemaligen Professors Fred Czerny (Friedrich von Thun) zu arbeiten. Daß sich zwischen Helen und Fred, der als Psychoanalytiker der alten Schule arbeitet, und seinem designierten Nachfolger Ted Fröhlich (gespielt von Sawatzkis Ehemann Christian Berkel), der als "Quereinsteiger" mit den unkonventionellen Methoden der systemischen Therapie arbeitet, nicht das abspielt, was man gerne als "turbulente Dreiecksgeschichte" bezeichnet, ist dabei nur eine der Fallen, die Regisseurin Sherry Hormann mutig umgeht. Mit für deutsche Verhältnisse ungewöhnlichem Vertrauen in die Zuschauer riskiert es Hormann, die verschiedenen Spielarten der Psychotherapie auf nahezu akademischem Niveau zu präsentieren – inklusive Foucaultzitate –, ohne dabei in ein diskurslastiges Kammerspiel zu verfallen. Und weil das Ganze natürlich trotzdem manchmal etwas schwer wird, sorgt Gisela Schneeberger zwischendurch als schimpfende Sprechstundenhilfe Traudel für ein wenig Erholung.

Er ist Sawatzki wichtig, dieser Film, nicht nur weil eine Fortsetzung in Aussicht steht, wenn die Quoten stimmen. Sondern weil sie daran glaubt, auf diese Weise helfen zu können: "Bulimie, Burn-out-Syndrom: Das sind ja längst keine extremen Themen mehr. Mein Traum wäre schon, daß sich das Eltern mit ihren Kindern anschauen und über den Film eine Sprache miteinander finden. Gerade an der Geschichte mit dem Kind habe ich gemerkt, wie man Kinder mit falsch verstandener Liebe erdrücken kann."

Schauspiel als Therapie

Sawatzki jedenfalls hat etwas gefunden in diesem Film, in dem nicht nur Therapie als Schauspiel funktioniert, sondern auch Schauspiel als Therapie. Sie habe vorher nicht viel gehalten von diesem Psycho-Quatsch, am wenigsten von der Gestalttherapie, zu der etwa die sogenannte Familienaufstellung gehört. Dort stehen dann die Familienmitglieder als Stühle im Raum, was helfen soll, das seelische Chaos etwas zu ordnen. Dann aber habe sie eine vierstündige Sitzung absolviert, gewissermaßen zur Probe, und als sie dann anfängt, davon zu erzählen, von den Zugängen, die sich ihr öffneten, zu ihrer Kindheit und zu ihrer Mutter, fühlt man sich plötzlich wie ein Voyeur. Am liebsten würde man auf die Uhr schauen und nach den strengen Vorgaben der klassischen Psychoanalyse sagen: 45 Minuten sind um, wir machen mal lieber Schluß für heute.

Vielleicht aber sollte man sich Sawatzkis Rollen genau so vorstellen: als Familienaufstellung. Da steht dann die verhuschte Charlotte Sänger in einer Ecke, in einer anderen die moderne Helen, die starke, sture und latent überforderte alleinerziehende Mutter, und irgendwo dazwischen tummeln sich die anderen leicht hysterischen Sawatzki-Figuren. Und auch Adina Gabriel, die unberechenbare Millionärin, findet irgendwo ihren Platz. Sie ist zwar als komödiantische Rolle eher eine Comicfigur – aber dank Sawatzkis abgründiger Interpretation könnte auch ihr eine Therapie nicht schaden.

Natürlich ist es nicht unbedingt eine Charakterrolle, diese Adina – aber sie ist für Sawatzki in etwa das, was Gisela Schneeberger für "Helen, Fred und Ted" ist: die Pause, die man zum Durchatmen braucht; der Ausweg aus der Ernsthaftigkeitsfalle. Daß man durchaus seine Schwierigkeiten hat, eine ganze Folge von "Arme Millionäre" gleichmäßig gut gelaunt durchzustehen, das liegt vor allem an der mangelnden Entschlossenheit der Serie, die schon damit anfängt, daß die verarmte Hoteliersfamilie zunächst "Heinrich" heißen sollte, in der ersten Staffel dann in "Rafael" umgetauft wurde und jetzt als Familie "Gabriel" wieder auftaucht. Und die mit einer gähnend langweiligen Liebesgeschichte, einem völlig überflüssigen Zugeständnis an das RTL-Soap-Publikum, noch nicht aufhört. Aber so ist das deutsche Fernsehen: Wenn es kurz mal böse wird, muß es sich gleich wieder dafür entschuldigen.

Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn man Andrea Sawatzki einfach immer tiefer rutschen ließe, immer weiter hinein in die Kriminalität und in die Verzweiflung. Womöglich würde das richtig Spaß machen. Harald Staun

"Helen, Fred und Ted" läuft am 13. und 20.9. um 20.15 Uhr im Ersten, "Arme Millionäre" immer freitags um 21.15 auf RTL. Am 18.9. zeigt der NDR noch einmal den "Tatort" "Frauenmorde" aus dem Jahr 2003; der neue "Tatort" "Das große Rennen" läuft Ende Oktober in der ARD.

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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