Zum Tode von Andreas Schmidt Der Radikal-Humanist

Hallodris, Proleten, Gewaltmenschen: Andreas Schmidt spielte Anti-Figuren mit größter Zärtlichkeit. Über einen, der die Menschen noch liebte, wenn sich alle anderen schon abgewandt hatten.

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Was auffiel, wenn man ihn in seinen Filmen sah: Wie schnell die Figuren, die er spielte, austickten, wie schnell sie all jene unter ihrer maßlosen Wut begruben, die sie am meisten liebten. Was auffiel, wenn man ihn persönlich traf: wie sanft er auch über die schwierigsten Probleme sprach, wie bemüht er war, allen Menschen in seinem Umfeld gerecht zu werden. Was für ein freundlicher, aufgeschlossener, zärtlicher Kerl.

Andreas Schmidt besaß eine Gabe, die in Schauspielerkreisen gerne vollmundig beschworen wird, obwohl sie doch oft nicht wirklich vorhanden ist: Empathie. Und das ermöglichte ihm, sich in Menschen reinzudenken, in die man sich eigentlich gar nicht reindenken will. In verantwortungslose Herumtreiber, Schläger, Soziopathen. Dass er besonders schmal gebaut war, verlieh den Ausbrüchen seiner Figuren eine umso verstörendere Dynamik.

1998 drehte Schmidt mit dem irischen Regisseur Eoin Moore für ein paar tausend Mark das Handkameradrama "Plus-minus Null" inmitten der damaligen Baustellen am Potsdamer Platz; er mimte einen Hilfsarbeiter, der so ziemlich alle hängenlässt, die ihn mögen.

Mit dem Filmemacher Moore verband ihn nach diesem kleinen billigen Meisterwerk eine langjährige, fruchtbare Freundschaft. Wie Schmidt einmal erzählte, lag sie auch in ihrer ähnlichen Herkunft begründet: Der irische Arbeitersohn und der im rauen Märkischen Viertel von Berlin Aufgewachsene kannten die Hallodris und Haudraufs, über die sie ihre Filme drehten aus ihren eigenen Biografien.

Im düstersten Winkel versehrter Seelen

2002 drehten die beiden gemeinsam das Gewaltdrama "Pigs Will Fly": Schmidt spielt einen Polizeibeamten aus dem - genau! - Märkischen Viertel, der immer wieder seine Ehefrau krankenhausreif schlägt. Ein auf den ersten Blick netter Kerl, in dem unendliche Wut schlummert, die fast ohne jede Vorwarnung ausbricht. Und 2014, in Moores Rostocker "Polizeiruf"-Folge "Familiensache", ließ Schmidt einen Familienvater ein grausames Vernichtungsprogramm abspulen an denen, die er über alles liebt. Fürsorge, pervertiert: Man folgte dem Schauspieler stets in die düstersten Winkel desaströs versehrter Seelen.

Schmidt war ein unerschütterlicher Humanist: Er liebte auch und gerade jene Menschen, von denen sich alle anderen längst abgewandt hatten.

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Andreas Schmidt gestorben: Markantes Gesicht in starken Rollen

Bei der rigorosen Härte der Filme, für die er stand, konnte man leicht übersehen, dass er auch über enormes komisches Talent verfügte. Das brachte er zum Beispiel in der Heinz-Strunk-Verfilmung "Fleisch ist mein Gemüse" von 2008 (Deutscher Filmpreis als bester Nebendarsteller) zur Wirkung. Oder in der Tragikomödie "Ein guter Sommer" aus dem Jahr 2012, wo er als verhinderter Selbstmörder in blendender Laune anderen Leute auf die Nerven fällt.

Wunderbar, wie der Schlacks mit den Segelohren seinen Figuren auch immer wieder ein eigentümlich heiteres Sexappeal verlieh. Etwa dem Fernfahrer Ronald in Andreas Dresens Überraschungshit "Sommer vorm Balkon", der mit einem Faible für gestelzte Worte und Dosenbier, für Pornos und pragmatischen Lifestyle zum Helden des Kinosommers 2005 avancierte. Wie wir diesen Proleten doch ins Herz schlossen!

Zuletzt amüsierten wir uns mit unseren Kindern bei Dresens "Timm Thaler"-Neuverfilmung über Schmidt. Da lümmelte und lautmalte er sich neben Axel Prahl gnadenlos komisch in Frauenkleidern durch das herzerwärmende Erweckungsstück, das ja auch sein Lebensmotto vermittelte: Bloß nicht das Lachen abkaufen lassen!

Am Donnerstag starb Andreas Schmidt, der wie kein Zweiter in Deutschland Gewaltmenschen mit Zärtlichkeit und Witzbolde mit Sexappeal verkörpern konnte, an den Folgen einer längeren Krankheit. Er wurde nur 53 Jahre alt.

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