Regisseur Andrei Konchalovsky "Das Paradies ist ohne Hölle nicht denkbar"

Nicht einfach nur ein Holocaust-Drama, sondern eine Parabel über die menschliche Existenz: "Paradies"-Regisseur Andrei Konchalovsky über Freiheit, Zensur und seine Liebe zur deutschen Kultur.

Alpenrepublik

Ein Interview von Dunja Bialas


SPIEGEL ONLINE: Herr Konchalovsky, in Ihrem Film "Paradies" lassen Sie den SS-Offizier Helmut in einem friedlichen Moment eine Schallplatte von Brahms auflegen. Was soll das zeigen?

Konchalovsky: Mir war es wichtig, meine eigenen Zweifel in den Film zu legen. Brahms ist eines der größten Genies der deutschen Kultur. Die Tatsache, dass der deutsche SS-Offizier Brahms liebt, beweist, dass er äußerst kultiviert ist. Du liebst Menschen nicht deshalb, weil sie gut sind. Du liebst sie, auch wenn sie schreckliche Dinge tun. Das ist ein Mysterium. Die deutsche Figur habe ich genau so angelegt. Ich wollte kein Urteil über den SS-Offizier Helmut fällen. Als SS-Offizier ist er dazu konditioniert, Juden zu hassen. Ich wollte, dass man es nicht erträgt, dass er Juden hasst. Aber ich wollte nicht, dass man ihn hasst. Das Wichtigste für mich war, diese Ambiguität stehen zu lassen. Ich liebe Helmut. Weil ich die deutsche Kultur liebe.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderer kultureller Fixstern ist Tschechow, dessen Bücher in "Paradies" als Beutegut auftauchen, wieder durch Helmut, den deutschen SS-Offizier.

Konchalovsky: Als ich den Film schrieb, hatten mich drei Tatsachen schwer getroffen. Zunächst die wahre Geschichte der russischen Aristokratin und Résistance-Kämpferin Vicky Obolenski, dann Jonathan Littells Roman über einen SS-Offizier und schließlich, dass Tschechows Verlobte [Dunya Efros, 1943 im Alter von 83 Jahren gestorben, Anm. d. Red.] in einem Konzentrationslager ermordet worden war. Ich fand diese drei Elemente so stark, dass ich eine Studie über die Charaktere und die Ereignisse machen wollte. Ich will, dass man verstört wird. Nicht sagen zu können, ah, das ist klar. Nein, es ist komplizierter. Schon allein deshalb, weil das Paradies nicht ohne Hölle denkbar ist.

Zur Person
  • DPA
    Andrei Konchalovsky, 79, ist ein russischer Regisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor. Erste Bekanntheit erlangte er mit der Verfilmung des Tschechow-Stückes "Onkel Wanja" (1970) und den Filmen "Romanze und Verliebte" (1974) sowie "Sibiriade" (1979). Später drehte er in den USA Arhthouse-Filme, darunter "Maria's Lover" (1984) und "Runaway Train" (1985). Danach machte er einen Ausflug ins Mainstream-Fach und drehte unter anderem den Actionfilm "Tango und Cash" mit Sylvester Stallone und Kurt Russell. Zuletzt erschienen von ihm "Die weißen Nächte des Postboten" (2014) und "Paradies" (2016), der den Silbernen Löwen in Venedig gewann. 2017 erhielt er zudem den Ehrenpreis des Friedenspreises des Deutschen Films für sein Lebenswerk.

SPIEGEL ONLINE: Die Hölle, das ist das KZ. Sie haben einen sehr strengen und klaren, dokumentarischen Stil gewählt, der an Interviews, Verhöre oder Beichten erinnert. Weshalb diese Strenge?

Konchalovsky: Weil sie logisch ist. Ein Konzentrationslager in Farbe zu drehen wäre nicht richtig. Das käme einer Oper gleich. Deshalb habe ich das KZ auch nur in wenigen Aufnahmen gezeigt. Was ich zeige, ist die Bürokratie der Hölle. Und das ist erschütternd. Die Hölle kann chaotisch, aber ebenso gut organisiert sein, wie bei Orwell. Das Böse ist nicht leicht zu erkennen. Und dann kann das Böse auch verführerisch sein. Heute gelangen wir langsam, ohne es zu sehen, auf ein neues Level eines gewissen Bösen. Wir sind alle von Tasten abhängig, denen wir unser Gedächtnis anvertrauen. Nicht einmal die Telefonnummer deiner Liebsten erinnerst du noch. Wir müssen heute für das Gedächtnis, die Erinnerung kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: "Paradies" macht die Erinnerung ganz stark: Den Rahmen bilden Erinnerungsgespräche "von jenseits des Grabes". Dabei konzentrieren Sie sich ganz auf die Worte, auf die Gesichter.

Konchalovsky: Ich möchte die Leute daran erinnern, dass kein visueller Effekt, kein Spider Man, kein Iron Man, interessanter sein kann als das menschliche Gesicht. Natürlich hätte ich so einen Film nicht in Hollywood machen können. Aber man taucht tief in das Bild ein durch die einfache Tatsache, dass ein Mensch zu einem spricht, dass man ihm glaubt und seinen Worten folgt. Einem Gesicht zuzusehen ist spannend. Oft spannender als eine Verfolgungsjagd mit zwei Autos.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind von der Sowjetunion in die USA gegangen und haben in den unterschiedlichen Systemen, im Kommunismus und im Kapitalismus, Filme gemacht. Ihr zweiter Film wurde in der Sowjetunion mit einem Aufführungsverbot belegt. Hatten Sie in den USA mehr Freiheiten?

Konchalovsky: Der Punkt ist, dass wir den Begriff von Freiheit idealisieren oder zu hoch bewerten. Freiheit unterliegt derselben Illusion wie wirtschaftlicher Erfolg. Beides erscheint uns als Synonym von Glück. Und das ist ein großer Fehler. Wirtschaftlicher Erfolg macht Menschen nicht glücklicher. Dann beginnt man sich zu fragen: Kann man vollkommen frei sein?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Konchalovsky: Die Antwort ist: Von was? Dann muss man antworten: Von der Zensur. Dann sagt man: Wenn du frei bist von der Zensur, was bringst du hervor? Ein Meisterwerk? Die Antwort ist: Nein, du bist nur frei. Wenn man sich die Kulturgeschichte ansieht, wird man sehen, dass viele Meisterwerke unter dem großen Druck der Zensur hervorgebracht wurden. Darin liegt ein innerer Widerspruch der Freiheit: Sie garantiert weder, dass man glücklich wird, noch dass man ein Meisterwerk erschafft.

SPIEGEL ONLINE: Aber trägt Freiheit nicht zum Glück bei?

Konchalovsky: Was macht glücklich? Es ist wie bei einem Kind. Auch wenn ein Kind alle Spielsachen der Welt hat, ist es womöglich sehr unglücklich. Andererseits kannst du ein Kind sehen, dass mit kleinen Holzstücken spielt, und es ist glücklich. Hier kommt mein Relativismus ins Spiel. Freiheit ist erst mal nichts, was allein schon die Menschen glücklich macht. Auch kann ein Künstler nicht frei sein, er trägt eine ganze Zensurbehörde in sich. Denn was liegt Zensur zugrunde? Ethik. Was heißt Ethik? Kultur. Was ist Kultur? Tradition. In diesem Sinne wird Kultur aus Pflichten gebildet. Ein Deutscher bleibt an einer roten Ampel stehen, obwohl er weitergehen will.

SPIEGEL ONLINE: Dann kann Kultur also nicht frei sein?

Konchalovsky: Das wichtigste für einen Künstler ist, sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Sich so zum Ausdruck zu bringen, dass er frei ist von Vorschriften. Nicht aber komplett frei zu sein. In diesem Sinne will ich nicht frei sein. Heute möchte ich in meinen Filmen verstehen: Hören wir etwas in der Stille? Nichts ist Gott näher als die Stille. Worte belegen, dass es die Stille gibt. Gäbe es keine Worte, gäbe es auch keine Stille.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit der Stille, die durch Zensur entsteht?

Konchalovsky: Zensur, die durch das Geld ausgeübt wird, wirkt viel stärker als Zensur aus ideologischen Gründen. Ich kann nicht sagen, dass wir in Russland künstlerisch nicht frei gewesen seien. Andrei Tarkovski hätte in Hollywood "Andrej Rubljow" nicht machen können, denn es war echtes Cinéma d'auteur. Mein Film "Assjas Glück" wurde verboten, ja, aber er wurde gemacht. Der Unterschied ist: In der Sowjetunion konnte man einen Film machen, der verboten wurde. In Hollywood hättest du den Film nicht einmal machen können. Ich glaube, dass Zensur nicht das schlechteste für einen Künstler ist. Völlige Freiheit bringt nicht viele Meisterwerke hervor. Der Wert von Kunst ist, die Schwerkraft zu überwinden. Die Schwerkraft, das ist die Zensur. Sie mag in dir liegen, wie dein ethisches Empfinden, dein Glaube. Wenn es keine Schwerkraft gibt, entwickelt man keine Muskeln. Muskeln sind da, wo es Widerstand gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind viel gereist, waren an gegensätzlichen Punkten der Welt beheimatet. Auch die Filme, die Sie in Ihrer Zeit in Hollywood gemacht haben, führen immer wieder zurück in die russische Kultur. Ist Russland so etwas wie die Schwerkraft in Ihrem Werk?

Konchalovsky: Ja! Ich bin von meiner Kultur her Russe, das ist wie eine Nabelschnur, die sich nicht durchtrennen lässt. Und ich bin ein Weltenwanderer. Ich habe die Sowjetunion verlassen und kam nach Russland zurück. Was aber ist Heimat? Heimat ist dort, wo man dich liebt. Wo deine Familie ist. Und wo du gebraucht wirst. Ich fühlte mich immer mehr in Russland gebraucht. Ich kann freier über meine Ideen sprechen, wenn ich für die Welt ein Russe bin.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
micheleyquem 31.07.2017
1. Ganz hervoranger Mann!
Endlich mal ein Interview mit einem intelligenten, selber denkenden Menschen. Wusste gar nicht dass es in diesre Welt voller Zombies sowas noch gibt. Endlich mal wiedre ein Film der das Anschauen lohnt.
fakiman 01.08.2017
2. einer der nachdenkt...
..
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