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"Nachtblende": Regisseur Andrzej Zulawski gestorben

In seinen Filmen setzte er schöne Frauen wie Romy Schneider, Isabelle Adjani oder Sophie Marceau in Szene, oft provokativ. Mit Marceau war er lange liiert. Nun ist der polnische Regisseur und Schriftsteller gestorben, er wurde 75 Jahre alt.

Zum Tode Andrzej Zulawskis: Wenn Liebe zur Obsession wird Fotos
Corbis

Einen "Cineasten der Leidenschaft" nennt das französische Magazin "Paris Match" den in der Nacht zum Mittwoch verstorbenen Regisseur Andrzej Zulawski. So kann man das wohl sagen. Seine Filme handelten immer wieder von Liebe, die zur Obsession wurde, so radikal gefilmt, dass er mehr als einmal mit den Jugendschutzbehörden in Konflikt geriet.

Andrzej Zulawski wurde 1940 in Lwiw geboren, der ehemals ostpolnischen, heute zur Ukraine gehörenden Stadt. Sein Vater war der Diplomat und weil er als Kulturattaché der polnischen Botschaft in Paris arbeitete, wuchs Zulawski in Frankreich auf und studierte an der Sorbonne. Doch um als Assistent des Regisseurs Andrzej Wada zu arbeiten, ging er in sein Heimatland Polen zurück. Nach zwei Literaturverfilmungen fürs Fernsehen kam dort auch sein erster Spielfilm "Der dritte Teil der Nacht" ins Kino.

Als sein zweiter Film "Der Teufel" in Polen zensiert wurde, emigrierte Zulawski nach Frankreich, wo er 1975 den Film "Nachtblende" mit Romy Schneider drehte. "Ich habe sie benutzt, wie wir sie alle benutzt haben", sagte er später über seine Hauptdarstellerin. Sie verkörpert darin eine Schauspielerin, die ins Porno-Milieu abgeglitten ist. Legendär ist die Szene, in der Schneider mit Tränen in den Augen in die Kamera blickt und sagt: "Keine Fotografen! Ich bin eine Schauspielerin. Ich kann wirklich was." (Hier bei YouTube)

Die Rollen, die Zulawski seinen Starschauspielerinnen auftrug, waren anspruchsvoll, doch sie brachten ihnen Anerkennung ein: Schneider gewann den César für die beste Hauptrolle, und Isabelle Adjani wurde beim Festival von Cannes 1981 als beste Schauspielerin ausgezeichnet für ihre Rolle in dem in West-Berlin gedrehten Film "Possession", der in Deutschland erst 2009 in einer ungekürzten DVD-Fassung auf den Markt kam.

Einen großen kommerziellen Erfolg hatte Zulawski 1984 mit dem Film "Die öffentliche Frau", der aber seinerzeit im SPIEGEL von Hellmuth Karasek verrissen wurde. Die Hauptdarstellerin Valérie Kaprisky werde "auf der Straße vorwiegend so fotografiert, als bestünden Gehsteige nur aus Gullys, in denen Kameramänner lauern", so Karasek. Die Nacktszenen in der "Öffentlichen Frau" dienten "der Aufgeilung, dazwischen setzt es Kulturgeschichte", so Karasek.

Sophie Marceau, die Mitte der Achtzigerjahre ihr Teenie-Star-Image aus "La Boum" abzuschütteln suchte, erschienen die Provokationen des Regisseurs Zulawski perfekt. Sie spielte in den Zulawski-Filmen "Liebe und Gewalt" (1985), "Meine Nächte sind schöner als deine Tage" (1989), "Blue Note" (1991) und "Die Treue der Frauen" (2000).

Marceau und Zulawski waren auch privat ein Paar, 1995 kam ihr gemeinsamer Sohn Vincent auf die Welt. Über die Trennung 2001 schrieb Zulawski der französischen Zeitung "Le Figaro" zufolge zwei Romane, "O niej" und "L'infidélité".

1989 verfilmte Zulawski die Oper "Boris Godunow", mit 45 Millionen Franc luxuriös ausgestattet. Doch gab es Ärger um das knapp zweistündige Werk: Der Dirigent Mstislaw Rostropowitsch, der den Soundtrack beigesteuert hatte, ging vor Gericht: Unmusikalische Zugaben wie lustvolles Stöhnen oder deutlich vernehmbares Pinkeln in einen Eimer würden seinen Geschmack verletzen.

In Polen sorgte 2007 und 2008 Zulawskis Privatleben für Aufsehen, insbesondere seine Verlobung und schlagzeilenträchtige Trennung von der 43 Jahre jüngeren polnischen Schauspielerin Weronika Rosati, der Tochter eines früheren Außenministers. Aus früheren Beziehungen hatte Andrzej Zulawski neben Vincent zwei weitere Söhne, deren älterer, Xawery, ebenfalls Filmregisseur ist. Er machte am Dienstag via Facebook öffentlich, dass sein Vater im Sterben liege.

In der Nacht zum Mittwoch ist Andrzej Zulawski dann gestorben, wie polnische und französische Medien melden. Er wurde 75 Jahre alt.

feb/dpa

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