Ang Lees "Gefahr und Begierde" Spione oben ohne

Wollte er ein chinesisches "Vom Winde verweht" inszenieren? Gelungen ist es Ang Lee jedenfalls nicht: Sein Spionagedrama "Gefahr und Begierde" schwelgt in großen Gefühlen - bewegend ist es keinesfalls.

Von Thomas Winkler


"Gefahr und Begierde" ist eine Geschichte von Sinnlichkeit und Obsessionen, von geheimnisvollen Frauen und mächtigen Männern, von Biografien, die mit der Weltgeschichte verschlungen sind, und Verstrickungen, die tragisch enden müssen. "Gefahr und Begierde", das sind prächtige Kostüme und eine detailverliebte Ausstattung, großartige Schauspieler und eine dramatische Überlänge von 156 Minuten. Ein Epos - aber leider auch der bislang schlechteste Film von Ang Lee.



Der in Taiwan geborene, zuletzt aber vor allem in den USA arbeitende Regisseur hat bislang ein beeindruckende Werkliste vorgelegt. Sie reicht von den humorigen Studien des Immigranten-Milieus der so genannten Vater-Trilogie ("Tui Shou", "Das Hochzeitsbankett", "Eat Drink Man Woman") über die kühle Sachlichkeit von "Der Eissturm" und die liebevolle Hommage an das asiatische Fantasy-Kino mit "Tiger & Dragon" bis zum schwulen Cowboy-Drama "Brokeback Mountain", für das er den Regie-Oscar gewann. Für "Gefahr und Begierde", seinem ersten chinesischsprachigen Film seit langer Zeit, hat sich Lee einer Kurzgeschichte der in China geradezu religiös verehrten Schriftstellerin Eileen Chang angenommen.

Ende der dreißiger Jahre, China ist von Japan zum großen Teil besetzt, schließt sich die junge Studentin Wang Jiazhi (Wei Tang) einer Theatergruppe an, deren Agitations-Aufführungen die patriotischen Gefühle der Bevölkerung stärken sollen. Angesichts der andauernden Besatzung radikalisieren sich die Studenten und wollen die Waffe in die Hand nehmen. Sie planen ein Attentat. Zum Ziel wird Herr Yi erkoren, der mit den Japanern kollaboriert und schließlich zum Geheimdienstchef aufsteigt. Um an ihn heran zu kommen, wird Wang eine neue Rolle zugewiesen: Sie soll Yis Geliebte werden.

Idealisten und Zyniker, Romantiker und Kriegsgewinnler sind es, die Ang Lee durch Hass und Liebe, Rache und Verrat, Leidenschaft und Loyalität jagt – und das alles vor dem mächtigen Hintergrund der chinesischen Geschichte. Offensichtlich wollte Lee nichts weniger schaffen als ein chinesisches "Vom Winde verweht". Und endet dann leider mit einer asiatischen Version von Paul Verhoevens "Black Book", auch wenn Lees Blick auf die geheimdienstlich verordnete Liebe dankenswerterweise wesentlich weniger grell ausfällt.

Natürlich arrangiert und analysiert Lee die Beziehungsgeflechte und Gefühlsinstrumentalisierungen – wie man es von ihm gewohnt ist – vorbildlich exakt. Natürlich widmet er sich mit Hingabe wieder einmal seinem Lieblingsthema: Menschen, denen die Gesellschaft oder die Geschichte Rollen zuweisen, aufgrund derer sie ihre Gefühle verleugnen müssen. Natürlich sind die Schauspieler, allen voran der asiatische Superstar Tony Leung als düsterer Herr Yi, ihrer Aufgabe mehr als gewachsen.

Und selbstverständlich folgt die Kamera detailveressen in perfekt ausgeleuchteten Tableaus den kleinen Gesten und großen Gefühlen: Vor allem die Gespräche bei den Mahjong-Spielen der Gattinnen der Kollaborateure sind ein faszinierend inszeniertes Spiel aus Andeutungen und Verlogenheit, ein Ballet aus Mimik und Intrige. Immer wieder legt Ang Lee neue Fallen für den Zuschauer, verwischt Spuren und lockt in Sackgassen, bis der Abdruck von rotem Lippenstift auf einem Weinglas mit einer Bedeutung aufgeladen wird, die der Film schlussendlich nicht tragen kann.

Große Gesten, kleine Wirkung

So kommt es, dass weder die visuellen Überwältigungs-Strategien des Star-Kinos noch seine übergroßen Gefühle und Gesten, so souverän Ang Lee mit ihnen auch hantiert, diesmal wirklich funktionieren wollen. Von den seltsam entleerten Stadtansichten über den sonderbar ungebrochenen Idealismus der jugendlichen Patrioten bis zur weitgehend unerklärlichen Anziehung der beiden tragisch miteinander verstrickten Protagonisten bleibt "Gefahr und Begierde" – ganz im Gegensatz zu dem Gefühlschaos, das er darzustellen versucht – blass und blutleer.

Selbst die expliziten Sex-Szenen, die beim Filmfestival in Venedig, wo der Film den Wettbewerb gewann, vor allem von amerikanischen Journalisten heiß diskutiert wurden, wissen dem langatmigen und überambitionierten Werk kaum Leben einzuhauchen. So drapiert Ang Lee den auch als Bösewicht immer noch ungemein adretten Tony Leung und seine Mata Hari zwar in geometrisch anspruchsvollen Positionen und würzt die Turnübungen mit einer gehörigen Dosis sado-masochistischer Praktiken, findet aber für das Begehren im Angesicht der Todesgefahr nicht wirklich angemessene Bilder. Das Schicksal von Wang lässt einen unberührt.

Nur in einer einzigen Szene rücken die Seelenqualen der Spionin beklemmend in den Mittelpunkt. Bei einem Treffen mit ihrem Führungsoffizier bricht es aus ihr heraus, dass sie fürchtet, dass sich ihr Zielobjekt, die Inkarnation des Bösen, auf Dauer "wie eine Schlange in ihr Herz schleicht". So genau aber wollen es die Auftraggeber auch wieder nicht wissen, geschweige denn die Verantwortung übernehmen: Der Führungsoffizier verbietet ihr den Mund. Diesen grundsätzlichen, politisch-moralischen Konflikt aber lässt Ang Lee brach liegen. Es ist nicht der einzige Idee, die "Gefahr und Begierde" mit großer Geste aufnimmt, nur um sie verkümmern zu lassen.



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