Angelina Jolie als Regisseurin Auf Oscar-Kurs. Vorerst.

Angelina Jolie hat in Berlin ihr Kriegsdrama "Unbroken" vorgestellt. Der Film soll ihr den Durchbruch als Regisseurin bringen - und am besten auch gleich noch den wichtigsten aller Filmpreise. Eindrücke einer Oscar-Kampagne.

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Die Frage nach der Oscar-Nominierung als beste Regisseurin kommt kurz nach der Hälfte der Pressekonferenz. Alles, was signalisiere, dass sie diesem Mann und seinem Leben gerecht geworden sei, würde sie sehr freuen, sagt Angelina Jolie ohne zu zögern, aber mit wohl austarierter Bescheidenheit.

Anlass der Pressekonferenz ist die Präsentation von Jolies zweiter Regiearbeit "Unbroken" in Berlin. Der Film erzählt die wahre Geschichte von Louis Zamperini, der 1936 bei den Olympischen Spielen als Langstreckenläufer für die USA antrat und im Zweiten Weltkrieg als Artillerist im Pazifik diente. Während seines Kriegseinsatzes wurde Zamperinis Flugzeug abgeschossen, und er überlebte über zwei Monate in einem Floß auf dem freien Meer - nur um dann in japanische Kriegsgefangenschaft zu geraten und dort der Willkür eines besonders sadistischen Campleiters ausgesetzt zu sein.

Dieser Film, für den Jolie plötzlich im Gespräch für den Regie-Oscar ist, ist noch nirgendwo gestartet. Er lief auf keinem Festival, ja, es gibt noch nicht einmal gute Vorabkritiken: Für Journalisten, die - wie die Autorin dieses Textes - den Film bereits in Pressevorführungen sichten konnten, wurde eine Sperrfrist bis Anfang Dezember verhängt. Erst dann dürfen sie inhaltlich über den Film urteilen.

Zu Weihnachten eine versöhnliche Botschaft

Dass Angelina Jolie nun trotzdem wie selbstverständlich über eine mögliche Oscar-Nominierung redet, sagt viel über ihren Ausnahmestatus als Weltstar aus - und über die Macken der Oscars, bei denen der eigentliche Film manchmal nur die Nebenrolle spielt.

Wegen der versöhnlichen Botschaft des Films habe sich Universal, das Studio hinter "Unbroken", auf Weihnachten als Starttermin in den USA festgelegt, erklärt Jolie die ungewöhnliche PR-Tour des Films. Am 17. November machte der "Unbroken"-Werbetross seinen ersten Halt in Sydney - denn in Australien wurde der Film hauptsächlich gedreht. Danach folgte am 25. November London - weil Hauptdarsteller Jack O'Connell ("Skins", "'71") aus England stammt.

Berlin ist nun der dritte Stopp einer Kampagne, deren vorrangiges Ziel es ist, Jolie als ernst zu nehmende Regisseurin zu etablieren. Bereits zum Auftakt in Sydney hatte die 39-Jährige verkündet, dass sie über kurz oder lang ganz ins Regiefach wechseln will. Doch so, wie die Tour aufgezogen ist, werden Künstlerin und Werk paradoxerweise voneinander getrennt. Erst Wochen, nachdem Zeitungen, Fernsehsender und Internetportale die gewohnt glamourösen Bilder von Jolie und Team vor Weltstadtkulisse gezeigt haben, werden die ersten Kritiken zu "Unbroken" erscheinen. Bis dahin kann sich der Phantom-Oscar-Buzz halten.

Erst einmal bitte Aufmerksamkeit für mich und danach erst für meinen Film - das kann sich im globalen Filmgeschäft noch nicht einmal George Clooney leisten. Aber tut sich Jolie damit wirklich einen Gefallen?

Kein Vergleich mit der Konkurrenz

Mit ihrem ersten Film "In the Land of Blood and Honey" (2012) konnte sie ihrem künstlerischen Anspruch als Regisseurin noch nicht gerecht werden: Das Liebesdrama vor dem Hintergrund des Bosnienkrieges wurde überwiegend negativ aufgenommen und nur dank der Promi-Affinität von Festivalchef Dieter Kosslick im Rahmen der Berlinale gezeigt - und dort nur außerhalb des Wettbewerbs.

Mit "Unbroken" ist Jolie nun ganz dem Vergleich mit anderen Filmen und Regisseuren ausgewichen. Noch nicht einmal beim Filmfestival von Toronto, wo historische Biopics mit überschaubarem Anspruch gewohnheitsmäßig zu Oscar-Favoriten hochgejubelt werden, lief der Film.

So losgelöst vom Festivalzirkus funktionieren eigentlich nur noch Superheldenfilme - oder Lars von Trier. Nach dem Eklat in Cannes 2011 hat der Däne die Weltpremiere seines neuen Films "Nymphomaniac" einfach im vergangenen Winter in seiner Heimatstadt Kopenhagen abgehalten und sich seitdem auf keiner Pressekonferenz dazu blicken lassen.

Ein ähnliches Vertrauen in ihren Film - nämlich dass "Unbroken" auch ohne ihre Präsenz für sich sprechen könnte - hat Jolie offensichtlich nicht. Sie setzt voll auf PR-Wirbel und entspricht damit ganz den Erwartungen der Academy, die für eine Oscar-Nominierung ausgiebig umworben werden will. Mit einer Nominierung für die beste Regie könnte es also für Jolie klappen. Aber mit der Etablierung als anspruchsvolle Regisseurin? Das dürfte erst was werden, wenn Jolie als verantwortliche Künstlerin und nicht als schmückendes Beiwerk ihrer eigenen Arbeit auftritt.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
optism 27.11.2014
1.
Der genannte Film wird wohl ein Erfolg werden, es ist alles drin was man in Hollywood dafür braucht. Abenteuer, Krieg und böse Feinde, die Amerikaner quälen. Das ganze garniert mit ein wenig "american dream". Außerdem...war wirklich ein kluger Schachzug von Frau Jolie, sich ihre Brüste abnehmen...äh, ich meine durch größere ersetzen zu lassen. Hat ihrer Figur genutzt und gleichzeitig hat sie der gesamten Öffentlichkeit bewiesen, wie arm sie doch dran war/ist. Im Ernst, seit dieser Sache ist die Frau bei mir unten durch. Wer andere Frauen, die wirklich Brustkrebs hatten und ohne Brüste leben müssen, so vorführt gehört nicht bewundert, sondern mit Ignoranz gestraft. Schöne grüße an die Zensurabteilung, ihr lest das hier wahrscheinlich eh als einzige.
erasmus89 27.11.2014
2. Ich würde sagen,
ein Verriss erster Klasse.
BlauesBienchen 27.11.2014
3. Mehr als eine mögliche Nominierung
In der englischsprachigen Presse wird seit längerem darüber berichtet, dass Miyavi (Takamasa Ishihara) als Oscar-Nominee für den besten Nebendarsteller gehandelt wird. Für einen Rockstar (nicht Pop), dessen erste Hollywoodrolle dies ist, nicht schlecht.
hemithea 27.11.2014
4. Ihr erster Film...
hat mich umgehauen. Klar, wusste ich, welche Verbrechen in den Balkankriegen begangen worden sind, theoretisch...In dem Film wurde das aber dem Zuschauer unzensiert und ehrlich in die Fresse geschlagen. Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich kriege auch immer noch so ein grauenvolles beklemmtes Gefühl, wenn ich an die Bilder denke. So grausam ehrlich und verstörend. Ich fand diesen Film grandios, aber ich könnte ihn mir nicht noch mal ansehen. Dieser Film hat entgegen Hollywood-Manier nichts beschönigt, verklärt oder aufgebauscht. Das war eine trockene Chronik des Krieges, sogar überwiegend wartungsfrei, sodass der Zuschauer jederzeit zu jeder Szene und jeder Person und jeder Handlung seine eigene Meinung bilden musste. Es war kein Blockbuster, da war kein Happy End und sonstiges Hollywood - Gesülze.
Karbonator 27.11.2014
5.
Zitat von optismDer genannte Film wird wohl ein Erfolg werden, es ist alles drin was man in Hollywood dafür braucht. Abenteuer, Krieg und böse Feinde, die Amerikaner quälen. Das ganze garniert mit ein wenig "american dream". Außerdem...war wirklich ein kluger Schachzug von Frau Jolie, sich ihre Brüste abnehmen...äh, ich meine durch größere ersetzen zu lassen. Hat ihrer Figur genutzt und gleichzeitig hat sie der gesamten Öffentlichkeit bewiesen, wie arm sie doch dran war/ist. Im Ernst, seit dieser Sache ist die Frau bei mir unten durch. Wer andere Frauen, die wirklich Brustkrebs hatten und ohne Brüste leben müssen, so vorführt gehört nicht bewundert, sondern mit Ignoranz gestraft. Schöne grüße an die Zensurabteilung, ihr lest das hier wahrscheinlich eh als einzige.
Ich bin mir nicht sicher, was mich mehr erstaunt... Ihre Unverschämtheit, aus der Ferne über die krankheitsbedingten Entscheidungen anderer Menschen herzuziehen... oder die Tatsache, daß solche Beiträge dann von der Moderation durchgelassen werden, während absolut harmlose Kommentare oft genug an den Mauern der Moderation zerschellen.
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