Animationsfilm "Cars 2" Viel Gas, wenig Spaß

Spione! Italien! Der internationale Rennzirkus! Der zweite Teil von "Cars" drückt mächtig aufs Gas, doch den Abenteuern rund um den Rennwagen Lightning McQueen fehlt der übliche Charme von Pixar-Produktionen. Wandelt sich das Studio jetzt zur seelenlosen Animationsfabrik?


Als Pixar vor fünf Jahren mit "Cars" die Abenteuer eines Rennwagens in einem vergessenen Kaff an der alten Route 66 präsentierte, zogen manche die Augenbrauen hoch: Autos? Als Figuren eines Animationsfilms? Aber das Projekt war ein Steckenpferd von Pixar-Chef John Lasseter, der als Sohn eines Autoteile-Händlers aufgewachsen war und meinte, an dem legendären Highway mit den vielen dort gestrandeten Oldtimern den passenden Rahmen für eine langerträumte Autostory gefunden zu haben. Man sah's ihm nach - zwar war "Cars" der erste Pixar-Film, der bei den Kritikern durchfiel. Kommerziell räumte er aber ab: Mit "Cars"-Spielzeug und anderem Merchandise hat Pixar seither mehr als acht Milliarden Dollar umgesetzt.

Nun schiebt Lasseter, der wieder als Autor und Co-Regisseur an Bord ist, mit "Cars 2" eine Fortsetzung hinterher, die sich dem Publikum lautstark aufdrängt: Spione! Italien! Der internationale Rennzirkus! Rennflitzer Lightning McQueen lässt sich diesmal von einem großmäuligen Formel-1-Boliden namens Francesco Bernoulli zum Duell beim vom Ölmagnaten Miles Axelrod ausgerichteten "World Grand Prix" herausfordern, und mit seinem einfältigen, bisweilen geradezu peinlichen Kumpel Hook (im Original Mater) schlägt er auf der internationalen Rennszene auf. Dort sind mit einem eleganten Aston Martin-Hybrid namens Finn McMissile und einem attraktiven Jaguar namens Holley Shiftwell auch britische Spione und, mit einem Waffenschmied namens Professor Zündapp, deutsche Bösewichte unterwegs. Bald sind sowohl Hook als auch Lightning in eine Verschwörung bondschen Ausmaßes verstrickt.

Eigentlich stand mit "Cars 2" nichts zu befürchten. Pixars kreatives Genie schien mit jedem Film weiter zu wachsen. Und der hinreißende dritte Teil von "Toy Story" im vergangenen Jahr unterstrich, dass das Studio noch die Fortsetzung einer Fortsetzung zum Kunstwerk machen konnte. Doch bei "Cars 2" konnte Lasseter der Versuchung nicht widerstehen, alle Register auf einmal zu ziehen - und das rächt sich.

Hat uns Pixar zu Snobs verzogen?

Zu geschwätzig, laut und bunt ist das Stück, das seiner Geschichte an fünf Schauplätzen nachjagt. Zu den sprechenden Autos gesellen sich hier Boote und Flugzeuge, die Figuren rasen von einem Rennparcours zum nächsten: London, Paris, Monaco (im Film: Porto Corsa), Tokio, allesamt hinreißend in Szene gesetzt. Überhaupt protzt der Film mit Glamour und Geschwindigkeit. Aber es ist ein bisschen wie der Weihnachtsabend aus der Kindheit, als man mit fiebriger Ungeduld ein Geschenk nach dem anderen aufriss: Man ist überwältigt statt beglückt, erschöpft statt erfüllt.

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Animationsfilm "Cars 2": Pixar kommt unter die Räder
Freilich ist Lasseter einer, der mit seiner kindlichen Begeisterungsfähigkeit schon eine ganze Industrie umgekrempelt hat. Nach seinem Rausschmiss bei Disney Animation 1983 - seine Chefs konnten der damals schrägen Vision computeranimierter Hintergründe nichts abgewinnen - baute er mit dem Computer-Crack Ed Catmull erst unter der Ägide von George Lucas, dann unter der von Steve Jobs mit Pixar ein kleines Hollywood-Wunder auf: ein unabhängiges Studio, in dem Filmemacher, nicht Manager den Ton angaben, das elf Meisterwerke in Folge produzierte und Disneys traditionsreiche Zeichentrickstudios aussehen ließ wie einen ideenlosen Wochenend-Zeichenverein.

Dass nun ausgerechnet Lasseter seinem Studio einen ersten Kratzer im Lack beifügt, ist bitter. "Cars 2" einen schlechten Film zu nennen, wäre zwar falsch. Er ist unterhaltsam inszeniert und großartig animiert. Doch die Enttäuschung lässt sich begründen: Lasseters Leute haben ihr Publikum in den vergangenen 15 Jahren verwöhnt, vielleicht sogar zu Snobs verzogen. Filme wie "Toy Story", "Ratatouille" und "Wall-E" entwarfen auf hinreißende Weise ganze Universen und malten sie aus ungewöhnlicher Perspektive aus.

"Cars 2" dagegen nimmt sich der weithin bekannten Welt der Formel 1 an und kann ihr nichts hinzufügen. Mit Ausnahme von Hook, der eine Existenzkrise bewältigen muss, bleiben die Figuren sprechende Karossen. In einer Szene in Italien stellt der Film diese Schwäche leichtsinnigerweise aus: Als Mama Topolino den PS-Helden ein italienisches Festmahl bereiten will, besteht es aus Motoröl und Benzin. Deutlicher könnte man kaum machen, dass den Blechhaufen jegliche Poesie und Sinnlichkeit fehlt. Der leichthändige Charme, der die menschliche Seele in Spielzeugen und Fischen, Robotern und Monstern, alternden Superhelden und miesepetrigen Rentnern zutage brachte - in "Cars 2" gerät er unter die Räder.

Bislang war Pixar als Produktionsstätte großartiger Filme bekannt und nicht als profitorientierte Animationsfabrik. Mit dem seelenlosen "Cars 2" könnte sich das jetzt ändern.



insgesamt 22 Beiträge
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fahlers 28.07.2011
1. Kritik?
Die sachliche Kritik kann ich verstehen, aber das sollte er (der Autor) mal meinem Sohn erklären ! "Cars" ist offenbar das Größte, was die Comic-Industrie erschaffen hat...
Henson222 28.07.2011
2. Einmal darf...
Einen Ausrutscher werden wir Pixar verzeihen. Mit Monster AG 2 und Brave haben sie nochmal Chancen wiederzukommen.
dasgroßeganze 28.07.2011
3. ?
Weil Pixar jetzt einen Film macht, der nicht den hohen Standard der letzten Produktionen erfüllt, wird es jetzt zur "seelenlosen Animationsfabrik"? Und mit Blick auf den ersten Teaser zum nächsten Pixar-Film "Brave" ist das wohl auch klar zu verneinen: http://www.youtube.com/watch?v=tYg0VgPy6Uk
myspace 28.07.2011
4. .
Zitat von fahlersDie sachliche Kritik kann ich verstehen, aber das sollte er (der Autor) mal meinem Sohn erklären ! "Cars" ist offenbar das Größte, was die Comic-Industrie erschaffen hat...
Das ist vielleicht das Problem, daß es ein reiner Kinderfilm geworden ist - bislang gehörten ja auch Erwachsene zur Zielgruppe - ich war jedenfalls ein ganz großer Fan. Aber nach Pixar von Disney aufgekauft wurde, war schon zu befürchten, dass sie kommerzieller werden.
thinktwice, 28.07.2011
5. Natürlich...
...nach einem Dutzend konkurrenzloser, bahnbrechender und maßstäbesetzender Kurz- und Spiefilme muss man die Frage stellen, ob dieser eine Film den Anfang vom Ende bedeutet! Antwort: Nö. Und übrigens hat wohl eher Pixar Disney vor dem Untergang gerettet.
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