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Animationsfilm "Cars": Solidarität macht das Rennen

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Wenn Programmierer richtig Gas geben, kommt ein Film wie "Cars" heraus: Das Animationsspektakel von Disney macht Autos zu Leinwandhelden - und zu Vehikeln des amerikanischen Traums.

Zwei Autos, ein Weg: "Cars"-Helden erfahren das Glück
Buena Vista

Zwei Autos, ein Weg: "Cars"-Helden erfahren das Glück

Das Paar genießt den Sonnenuntergang vor der imposanten Naturkulisse des amerikanischen Westens. Es spricht ergriffen von der Schönheit dieses scheinbar in die Ewigkeit gemeißelten Panoramas aus Stein und Himmel - doch die großen Augen sprechen von noch gewaltigeren Aussichten: Freundschaft, Verbundenheit und die Ahnung von Liebe. In diesem perfekten Moment müssten sie sich eigentlich umarmen. Aber das werden sie niemals tun. Denn Er ist ein knallroter Rennwagen und Sie ein Porsche 911 in Blaumetallic.

In die Gänge kommen mit Gefühl

Wie amouröse Autos ihre Gefühle zeigen, davon erzählt "Cars": Der siebte abendfüllende Animationsfilm von Pixar präsentiert die Welt als denkenden und fühlenden Fuhrpark, in dem sich hinter jeder Karosse ein anderer Charakter verbirgt. Unter der Regie von John Lasseter, der 1995 mit "Toy Story" die beispiellose Erfolgsserie Pixars einläutete, definiert das Studio dabei erneut die Grenzen des technisch Machbaren im volldigitalen Erzählkino.

Doch "Cars" setzt nicht nur gewohnt hohe formale Maßstäbe, sondern zeitigt darüber hinaus in Pixars Produktionsgeschichte bisher unbekannte stilistische wie inhaltliche Facetten.

Nicht zuletzt ist es die erste Veröffentlichung seit der fast acht Milliarden Dollar schweren Übernahme Pixars durch den Disney-Konzern zu Beginn dieses Jahres. "Cars" erscheint somit unter dem neuen Label "Disney Pixar", und obschon die Arbeit am Film selbstverständlich Jahre vor der Fusion begann, ist die Geschichte des feuerroten Sportmobils Lightning McQueen von jener unverhohlenen Sentimentalität durchzogen, die einst Markenzeichen von Walt Disneys Mäuseimperium war.

Dass Lightning dringend ein paar erbauliche Lebenslektionen braucht, zeigt sich gleich zu Beginn: Als selbstverliebter Jungstar im Rennzirkus ignoriert er wohlmeinende Ratschläge ebenso achtlos wie er seine loyalen Teamkollegen düpiert. Auf der Reise zum großen Saisonfinale landet der rote Flitzer durch eine Verkettung dramatischer Un- und Zufälle im heruntergekommenen Wüstenstädtchen Radiator Springs.

Nachdem er vom Ortsvorstand Doc Hudson – einer in die Jahre gekommen Hudson Hornet – zur Reparatur der von ihm ruinierten Hauptstraße verurteilt wurde, lernt der Lightning nach und nach die illustren Bewohner des Fast-Autofriedhofs kennen. Darunter den herzensguten Abschleppwagen Mater, die temperamentvollen Import-Fahrzeuge Luigi und Guido mit ihrem italienischen Reifenhandel und Sally Carrera, das selbstbewusste Porschemädchen aus der Großstadt.

Sie und die anderen vom Schicksal verbeulten Dauerparker am Rand der legendären Route 66 träumen von vergangenen, prosperierenden Zeiten in Radiator Springs, bevor eine neue Umgehungsstraße den Touristenstrom verebben ließ.

Von ihnen lernt Lightning, wie man einen Gang zurückschaltet und die Fahrt – welche in diesem motorisierten Märchen das Leben an sich ist – richtig genießt. Im Gegenzug gibt der geläuterte Gast dem eingerosteten Gemeinwesen die notwendige Starthilfe, um einen zweiten Anlauf zu wagen.

Fahren und bewahren

Selbstverständlich glückt dieser ebenso wie die an Lightning vollzogene Herzensbildung einer Maschine. Mühelos akzeptiert man diese wundervoll gestaltete, mobile Gesellschaft, in der die verschiedenen Modelle das US-amerikanische Idealbild einer Common-Sense-Kommune wahrmachen.

Bei aller Verspieltheit und Ironiefähigkeit galt dies schon für Pixars "Toy Story", "A Bug's Life" (1998), "Monsters, Inc." (2001), "Toy Story 2" (1999), "Findet Nemo" (2003) und "Die Unglaublichen" (2004). So unterhaltsam diese Filme kulturelle Vielfalt unter Spielzeugen, Käfern, Alptraumgespenstern, Fischen und Superhelden zelebrieren, so sicher kehren die bunten Freidenker am Ende in den Schoß ihrer erweiterten Familien zurück.

Diese Dynamik aus Ausbruch und Rückkehr, Fortschritt und Rückbesinnung wird nun in "Cars" explizit ausgespielt. Damit greift Lasseters Film tief in den Seelenkasten einer Nation, die stets zwischen dem Glauben an unbegrenzte Möglichkeiten und der religiös verwurzelten Sehnsucht nach Beständigkeit schwankt.

Lightning McQueen und seine vierrädrigen Freunde können diesen Widerspruch scheinbar auflösen: Die Bewegungsmöglichkeiten sind unbegrenzt – zumal Ölknappheit keine Rolle spielt – und der Horizont endlos. Dennoch fahren sie freiwillig im Kreis, um immer wieder zum Wesentlichen zurückzukehren.

Dass diese Utopie ausgerechnet im ersten Pixar-Film ausformuliert wird, der ohne jeglichen Bezug zur Existenz von Menschen auskommt, macht "Cars" beim zweiten Hinsehen zu einem faszinierenden postapokalyptischen Idyll: Eine befriedete Welt, in der gefühlsfähige Maschinen von ihrer Zweckmäßigkeit entbunden sind und selbst die Rolle ihrer Schöpfer simulieren – Chronisten der Mensch-Maschinen wie Isaac Asimov oder Philip K. Dick würden hier sicher gerne auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.

Dennoch hat die physische Abwesenheit des Menschen in "Cars" nichts Bedrohliches, schließlich sind unsere Verhaltensmuster und alten industriellen Träume in den verwaisten Lieblingsgefährten konserviert. Und statt einer Umarmung reiben unsere metallischen Kinder ihre Reifen aneinander, bis sie die gegenseitige Wärme spüren.

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"Cars": Der Renner von Disney und Pixar


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