Von Franziska Bossy
Was ist das Beste am Piratenleben? Nicht etwa die blitzenden Entermesser, auch nicht das Brandschatzen - es ist der Schinkenabend! Darauf besteht zumindest der Piratenkapitän im 3-D-Animationsfilm "Die Piraten - Ein Haufen merkwürdiger Typen", dem neuen Werk aus der Erfolgsschmiede Aardman Animations.
Bekannt sind diese britischen Studios vor allem für eine Technik, die sie "Claymation" tauften. Damit erwecken sie Knetfiguren mittels der Stop-Motion-Technik zum Leben. Ihre bislang wohl größten Erfolge feierten sie mit knubbelnasigen Tierfiguren: mit dem intelligenten Hund Gromit aus den oscarprämierten Kurzfilmen "Wallace & Gromit", die im Jahr 2005 auch in einem abendfüllenden Kinofilm die Leinwände eroberten, mit der Serie "Shaun das Schaf", die den Aardman-Machern den US-TV-Preis Emmy bescherte, und mit dem Kassenschlager "Chicken Run - Hennen rennen".
Der Schaffensdrang im Hause Aardman läuft derzeit wieder auf Hochtouren. Mit ihren "Piraten" bringen die Trickfilmer kurz nach der Computeranimation "Arthur Weihnachtsmann" jetzt auch eine Stop-Motion-Produktion in die Kinos, in der sie nicht mehr hauptsächlich auf Tiere setzen. Im Vordergrund steht dieses Mal eine marode Seeräubermeute.
Wer wird Pirat des Jahres?
An Bord des vor Altersschwäche ächzenden Dreimasters leben nämlich keinesfalls gefährliche Freibeuter, sondern friedfertige Freaks, die eben lieber Schinken futtern, als mordend die Weltmeere zu verunsichern. Wenn es im 19. Jahrhundert eine Punk-Bewegung gegeben hätte - diese Seefahrer-Rebellen würden sich ihr anschließen. Denn sie begehren sogar schon mal gegen das Establishment ihrer eigenen Sippe auf. Anders als anderen Piraten sind ihnen alle Schätze der Welt nämlich nicht so wichtig, sobald ihre Freundschaft auf dem Spiel steht. Vor allem, wenn es darum geht, das Maskottchen der Crew zu schützen: den Papagei Polly.
Polly, eigentlich ein vom Aussterben bedrohter Dodo, ist für den Piratenkapitän sowas wie eine Heilige Henne. Wenn er liebevoll seinen fetten Vogel knuddelt, vergisst er schnell, dass er ein böser Räuberboss sein soll. Anders als die satirische Figur des Captain Jack Sparrow aus "Fluch der Karibik" werden die recht harmlosen Witzeleien der Plaste-Piraten vermutlich Kinder mehr amüsieren als Erwachsene.
Auch dieser Piratenkapitän ist allerdings ein wahrer Antiheld. Er hat nämlich einfach kein Glück auf seinen Beutezügen! Mal landet er auf einem Plagenschiff voller Leprakranker, mal auf einem Geistersegler - nirgends aber findet er den heiß ersehnten Goldsegen. Doch den braucht er unbedingt, um sich seinen liebsten Traum zu erfüllen. Er will sich auf Blood Island, der Heimatinsel aller Haudegen, die Anerkennung seiner Zunft sichern.
Entern mit den Ramones
Dafür muss er in einem Wettstreit den Titel "Pirat des Jahres" gewinnen. Die Trophäe aber erhält nur derjenige, der die größten Reichtümer erbeutet. Und da sind ihm seine Konkurrenten - die berüchtigten Freibeuter Black Bellamy, Entermesser Liz und Holzbein Hastings - seemeilenweit voraus.
Aber wäre es nicht viel befreiender, sich dem Druck zu entziehen und das kommerzielle Piraten-Casting in den Wind zu schlagen? Das könnte man jedenfalls leicht glauben, wenn man genau auf die Filmmusik hört. Keine Frage: Nichts spiegelt die Stimmung unter den Seebären nämlich so gut wieder, wie die Punk-Hymnen im Soundtrack.
Wenn die Freibeuter auf Raubzug ihre gruseligste Totenkopf-Flagge hissen, aus der an Spiralen Glubschaugen herauspoppen, welcher Schlachtruf läge da näher als das "Hey! Ho! Let's Go!" der Ramones? Oder, wenn sich die Meeresmeute aufmacht, um mit einer List in die feindliche Hauptstadt des Vereinten Königreichs einzudringen, welche Musik wäre da passender als "London Calling" von The Clash - zumal als Kampfansage gegen die Obrigkeit? Schließlich regiert dort im Jahr 1837, in dem der Film spielt, die Piratenhasserin Queen Victoria.
Punk ist offenensichtlich der Motor für das Aardman-Studio. Es sind die Songs aus den jungen Jahren des britischen Regisseurs Peter Lord, Jahrgang 1953, der Mitte der Siebziger mit seinem Freund David Sproxton, geboren 1954, in einem Hinterhof in Bristol seine Trickfilmschmiede gründete. Zu ihnen gesellte sich etwas später der Filmemacher Nick Park, Jahrgang 1958, dem die Idee für "Wallace und Gromit" zugeschrieben wird. Die musikalische Sozialisierung der Filmemacher hat offensichtlich den subversiven Humor ihrer Werke geprägt.
Auch in Peter Lords 3-D-Spektakel "Die Piraten" wimmelt es jedenfalls wieder vor Anarchos. Aber erst durch die fulminante Filmmusikmischung zeigt sich, dass im Hause Aardman sogar Punks an sonnigen Tagen schon mal eine Schwäche für Britpop haben - etwa für den Hit "Alright" der Band Supergrass. Wer sagt denn, dass auf der Karibik immer ein Fluch lasten muss?
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