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Animationsfilm "Madagascar": Born to be mild

Von Daniel Haas

Wer sich im Großstadtdschungel langweilt, kann es ja mal auf freier Wildbahn versuchen. Im Animationsfilm "Madagascar" verschlägt es vier herzige Zootiere aus New York auf die afrikanische Insel, wo sie eine familienfreundliche Erfahrung machen: Mild ist besser als wild.

"Madagascar"-Stars Alex, Marty, Melman, Gloria: Mehr Herz als Biss

"Madagascar"-Stars Alex, Marty, Melman, Gloria: Mehr Herz als Biss

Das Leben hinter Gittern kann so schön sein. Vor allem, wenn man ein Star ist wie der Löwe Alex, die Attraktion des New Yorker Zoos. Alex darf vor begeisterten Besuchern posieren, wird als Merchandise gehandelt und abends mit Steaks à la carte versorgt.

Oder Melman, die hypochondrische Giraffe. Weil für den Langhals das Höchste der Gefühle ein gut sortierter Medikamentenschrank ist, kommt ein anderer Wohnort als "Zoo York" gar nicht in Frage. Und auch Gloria, die patente Nilpferdfrau, ist mit ihrem Zuhause zufrieden. Alles hat seine Ordnung - und das dolce far niente seinen Preis.

Dieser Preis, das ist die Freiheit, auf die Marty, das Zebra nicht mehr verzichten will. Deshalb überredet er seine Freunde zur Flucht - schließlich haben die Pinguine es bereits vorgemacht. Die befrackten Gesellen mögen äußerlich knuddelig wie Spielzeugpuppen sein, innerlich sind sie taff wie eine Truppe Mafiosi. Entsprechend kaltblütig planen die antarktischen Gesellen auch den Ausbruch, der allerdings in einer Bahnhofshalle endet, wo die Polizei sowohl die coolen Frackträger als auch Alex und seine Freunde gefangen nimmt.

Weil man den Ausbruchsversuch als kulturkritischen Affront missversteht, wird das Quartett in ein Wildgehege nach Afrika verschifft. Der Gourmet, der eingebildete Kranke, das gutherzige Schwergewicht, der humorige Traber auf freier Wildbahn? Das kann nicht gut gehen.

Natürlich geht am Ende alles gut, aber bis zum Happy End müssen die Vierbeiner lernen, sich gerade zu machen: für die Freundschaft, für die Zivilisation und - Paradox der meisten Tiergeschichten - für die Menschlichkeit. Denn hier, am Ende der Welt, das dem Familienmovie gemäß als kunterbunter Wirrwarr aus Phantasiepflanzen und neckischen Pelztieren gestaltet ist, gerät ausgerechnet Alex, der Salonlöwe, in einen wahrhaft ontologischen Konflikt.

Vierbeiner auf der Flucht: Erst erwischt, dann verschifft
Dreamworks Animation

Vierbeiner auf der Flucht: Erst erwischt, dann verschifft

Er, der Steak-Verwöhnte, entdeckt jenseits kulinarischer Verköstigung das Tier im Löwenmanne. Fallen die Fesseln der Sublimierung, weicht das Korsett des Über-Ichs, dann hat die Zookatze auf einmal Biss - und Hunger auf Frischfleisch. Konsequent also, wenn Alex seine Freunde plötzlich als sprechende Steaks erscheinen. Wer einmal das Tierische der eigenen Natur entdeckt hat, der hat eben auch seinen Nächsten zum Fressen gern.

Wer bin ich? Was ist mein wahres Naturell? Vielleicht sind dies Fragen, die sich auch die New Yorker immer wieder stellen müssen, vor allem im Angesicht der jüngeren Geschichte. Sind wir Angsthasen, die Terrorkatastrophen, Kriminalität und Umweltverschmutzung in die Stadtflucht treiben? Oder bleiben wir selbstbewusste Stadtneurotiker, für die noch so viele Attentate nichts am Stolz ändern können, ein Bewohner des Big Apple zu sein?

"Madagascar" ist vor allem im ersten Drittel ein höchst amüsantes Plädoyer für die Widerborstigkeit des Großstädters, der mit einer Mischung aus Arroganz und Sarkasmus sein stressiges Dasein fristet. "Tom Wolfe ist heute Abend im Lincoln Center", sagt am Anfang ein Schimpanse zum andern. "Natürlich bewerfen wir ihn mit Kacke." So kunstsinnig kann sich nur zum Affen machen, wer ein tierisches Selbstbewusstsein hat.

"Madagascar"-Figuren Gloria, Melman, Marty: Dschungelstress im Paradies
Dreamworks Animation

"Madagascar"-Figuren Gloria, Melman, Marty: Dschungelstress im Paradies

Im Gegensatz dazu zerfallen zweites und letztes Drittel des Films in eine Folge von mäßig amüsanten Abenteuern, bei denen ein Lemuren-Volk vor einer Gruppe Hyänen gerettet werden und letztlich allen zur Einsicht verholfen werden muss: Das multikulturelle Miteinander ist nur um den Preis des Triebverzichts zu haben. Und: Die im Großstadtdschungel erworbene soziale Kompetenz sollte nicht gleich beim erstbesten Schiffbruch über Bord gehen.

Nur die Pinguine dürfen atavistischen Gelüsten frönen: Für sie gilt nicht Born to be mild, sondern Du bist, was du isst. Wenn die schwarzweißen Haudegen am Ende also eine Platte Sushi vertilgen, ist die Nahrungskette wieder korrekt aufgefädelt. Dazu haben die produzierenden Dreamworks-Studios dem Konkurrenten Pixar/Disney kokett die Mittelflosse gezeigt: Die Macher von "Toy Story" und "The Incredibles" haben auch "Findet Nemo" produziert - den niedlichsten Happen der Animationsfilmgeschichte.


"Madagascar"

USA 2005. Regie: Eric Darnell, Tom McGrath. Buch: Mark Burton, Billy Frolick, Eric Darnell, Tom McGrath. Sprecher der US-Orginalfassung: Ben Stiller (Alex, der Löwe), Chris Rock (Marty, das Zebra), Jada Pinkett Smith (Gloria, das Nilpferd), David Schwimmer (Melman, die Giraffe). Deutsche Sprecher: Bastian Pastewka (Melman), Rick Kavanian (Marty), Jan Josef Liefers (Alex), Die Fantastischen Vier (Pinguine). Produktion: DreamWorks SKG, Pacific Data Images (PDI), DreamWorks Animation. Verleih: UIP. Länge: 86 Minuten. Start: 14. Juli 2005.

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