Animationsfilm über ein Waisenkind Knete zum Herzerweichen

Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Es sei denn, man ist ein Waisenkind wie die Hauptfigur in dem Oscar-nominierten Film "Mein Leben als Zucchini". Der bricht einem das Herz. Und flickt es wieder.

Polyband

Als seine Mutter noch lebte, war nicht viel los mit ihr - meist saß sie vor dem Fernseher, trank Bier, schmiss die leeren Dosen wutentbrannt gegen die Mattscheibe, über die das heile Leben flimmerte, und keifte: "Alles Lügen!" Aber Zucchini war das gewohnt.

In seiner Dachkammer richtete er sich ein Spielparadies ein, in dem aus leeren Bierdosen beeindruckende Kunstwerke entstanden und ein gemalter Superheld auf einem Drachen von inneren Sehnsüchten erzählte. Als die Mutter ihrem Sohn mal wieder Schläge androhte, klappte Zucchini ängstlich die Luke über der steilen Treppe zur Dachkammer zu. Mit weitreichenden Konsequenzen: Die Mutter stürzte in den Tod. Dennoch sagt Zucchini auf die Frage des Polizisten, wie denn das Leben zu Hause war: "Ganz in Ordnung. Sie konnte gut Kartoffelbrei kochen!"

Fotostrecke

8  Bilder
"Mein Leben als Zucchini": Bonbonfarben und tieftraurig

Denn Kinder, das unterstreichen bereits die ersten bestürzenden Minuten von Claude Barras' Stop-Motion-Animationsfilm, der nach einer (Erwachsenen-)Romanvorlage von Gilles Paris entstand, passen sich eben an. Und machen das Beste daraus, selbst wenn einem die Situation als Erwachsener das Herz bricht. Das ist die berührende Prämisse der Geschichte um einen kleinen Jungen, der in einer neuen und schwierigen Situation Mut fassen muss.

"Weißt du, wie selten das ist, dass Kinder in unserem Alter noch adoptiert werden?", wird Zucchini etwas später im Film vom Bewohner eines Waisenhauses, in das der Junge von dem netten Polizisten Raymond gebracht wird, zu hören bekommen.

Denn nachdem Zucchini sich mühsam im Waisenhaus eingewöhnt und sogar in Camille eine Freundin gefunden hat, überlegt er, ob er sich tatsächlich adoptieren lassen und damit wieder an ein neues Leben gewöhnen möchte. Diese Möglichkeit taucht nämlich am Horizont auf. Jetzt, wo er die Chance hat, will er sein Schicksal mitbestimmen und sich aussuchen, wo er lebt. Aber Zucchini ist nicht sicher, was die richtige Entscheidung ist.

Eine erstaunliche und ermutigende Heldengeschichte

Dass der Regisseur Barras und seine 60 Animateure ihre Puppen liebevoll aus dem kneteähnlichen Kunststoff Play-Doh bastelten, ihnen riesige, glänzende Augen, rote Nasen und simple Frisuren in Bonbonfarben verpassten, darf den Zuschauer nicht auf die falsche Fährte locken. "Mein Leben als Zucchini" ist mit all seiner Dramatik, seinen Schicksalen - die anderen Kinder aus Zucchinis Waisenhaus-Clique haben mit Missbrauch, häuslicher Gewalt und elterlichem Drogenkonsum ebenfalls die härtesten Dinge erlebt, die ein Mensch ertragen kann - mehr als ein Kinderfilm, der leidgeprüften Kindern in ähnlichen Situationen helfen könnte.

Es ist die erstaunliche und ermutigende Überlebensgeschichte eines Helden, dessen Heldenhaftigkeit im (kindlichen) Vertrauen in die Menschheit liegt: Anstatt aufzugeben und den Erwachsenen für immer abzuschwören, glaubt Zucchini, dass es wieder besser werden kann. Und indem er sich überhaupt dafür öffnet, gerettet zu werden, weist er seinen Rettern den Weg.


"Mein Leben als Zucchini"
Schweiz, Frankreich 2016
Regie: Claude Barras
Drehbuch: Céline Sciamma

Synchronstimmen (deutsche Fassung): Linus Püttmann, Louisa Fuchs, Felix Lange, Helmut Gauß, Noah Liebscher, Victoria Waldau, Moritz Müller, Sarah Josse
Produktion: Rita Productions, Blue Spirit Animation, Gébéka Films, KNM
Verleih: polyband Medien GmbH
FSK: keine Einschränkung
Länge: 66 Minuten
Start: 16. Februar 2017
Offizielle Website zum Film


Der Film bleibt dabei auf kindlicher Augenhöhe - und spart dennoch nicht mit Erkenntnissen, die in prägnanten, reduzierten Szenen und Nebensträngen aufblitzen: So läuft Beatrice, ein Mädchen aus Zucchinis Waisenhausclique, jedes Mal zur Tür und ruft "Mama!", wenn sie das Geräusch eines vorfahrenden Autos hört. "Beatrices Mutter wurde nach Afrika abgeschoben", hatte der Rabauke der Gruppe, Simon, Zucchini vorher erklärt.

Als Beatrices Mutter jedoch eines Tages tatsächlich auf der Matte steht, versteckt sich das Mädchen erschrocken im Haus. Once bitten, twice shy - wer einen gravierenden Verlust hinnehmen musste, wird sich hüten, das Risiko noch mal einzugehen, noch mal jemandem seine Zuneigung zu schenken. Und die sichere Umgebung des Waisenhauses, das untypisch als freundlicher Ort mit einer kinderlieben und mitfühlenden Leiterin gezeichnet wird, gegen eine unsichere Zukunft mit einer Mutter einzutauschen, die ja vielleicht - denn hier durchschauen weder der erwachsene noch der kindliche Mensch die Entscheidungen einer zynischen Asylpolitik - wieder abgeschoben werden kann.

Im Video: Der Trailer zu "Mein Leben als Zucchini"

Polyband

"Mein Leben als Zucchini" ist 2016 mit einem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet worden, er war in Cannes nominiert und ist im Rennen um den Oscar für den "Besten animierten Spielfilm". Eine Kategorie, in der seit 2002 US-Filme neben internationalen Produktionen stehen, wenn auch erst zweimal (2003 mit "Chihiros Reise ins Zauberland" und 2006 mit "Wallace und Gromit") nicht amerikanische Werke die Trophäe gewannen. Nominiert sind auch die polynesische Geschichte "Vaiana", der in Japan spielende "Kubo" und die französisch-belgisch-japanische Koproduktion "Die rote Schildkröte". Die Welt des Animationsfilms scheint die lange geforderte Diversität längst umarmt zu haben.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rroseselavie 17.02.2017
1. knete
kein einziges gramm knete in diesem film. egal. wer kann, sollte den film im original sehen. die sprachaufnahmen sind einzigartig entstanden. an stelle wie sonst üblich in einer sprecherkabine wurden die szenen alle real vorgespielt, dadurch entstanden aufnahmen unnachahmlicher innigkeit und autentizität. das schafft keine synchronisation.
weltraumschrott 17.02.2017
2. Play-doh kann man doch getrost als Knete bezeichnen...
Zitat von rroseselaviekein einziges gramm knete in diesem film. egal. wer kann, sollte den film im original sehen. die sprachaufnahmen sind einzigartig entstanden. an stelle wie sonst üblich in einer sprecherkabine wurden die szenen alle real vorgespielt, dadurch entstanden aufnahmen unnachahmlicher innigkeit und autentizität. das schafft keine synchronisation.
... oder welches Material wurde Ihrer Kenntnis nach verwendet? Falls Sie nähere Informationen haben, bitte teilen Sie sie uns mit!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.