Animationsfilm "Persepolis" Vom Leben gezeichnet

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Trotzgesicht. Mit ihren autobiografischen Comics kam die Iranerin Marjane Satrapi zu Weltruhm. Die kongeniale Verfilmung verdient ähnlichen Erfolg - sie verzaubert nicht allein mit süßen Mandelaugen.

Von Birgit Glombitza


Die Welt besteht aus ein paar Strichen und Punkten. Und sie ist schwarzweiß. Weiß sind die Jasminblüten, die sich die Oma jeden Tag frisch in den Büstenhalter legt, und die Stiefel, die die ABBA-Frauen Anafried und Agneta auf dem "Dancing Queen"-Cover tragen. Weiß ist auch der Totenkopf, den einer auf einem Wandbild über das Gesicht der Freiheitsstatue gemalt hat. Schwarz sind die Kopftücher und die Bärte der muslimischen Männer. Schwarz sind aber auch die Rollkragenpullover existenzialistisch angehauchter Debatierheinis in einem muffigen Wien.

Doch schwarz ist nicht gleich schwarz und weiß ist noch lange nicht das Gegenteil in den autobiografischen Comics von Marjane Satrapi, die die gebürtige Iranerin zusammen mit Vincent Paronnaud nun in dem Animationsfilm "Persepolis" zusammengefasst hat. Vier Bände dieser Graphic Novel, mit denen die Comic-Künstlerin vor allem in Frankreich bekannt wurde, sind bislang erschienen. Sie wurden in 25 Sprachen übersetzt und millionenfach weltweit verkauft.

Exzentrisch mimende Gestalten, verzerrte Kulissen

Sie zu verfilmen lag nahe, und nachdem Satrapi in Paris die abstrusesten Angebote in den Briefkasten flatterten, wie zum Beispiel das, aus dem Stoff eine amerikanische Fernsehserie wie "Beverly Hills, 90210" zu schnitzen, oder gar einen Kino-Blockbuster mit Brad Pitt und Jennifer Lopez in den Hauptrollen, entschied sie sich, die Sache lieber gleich selbst in die Hand zu nehmen.

Und das mit großem filmischem Ehrgeiz, der sich bis in die Schnitttechnik, in ganzen Choreographien und liebevoll gewählten Kameraperspektiven niederschlägt. Es ist schon erstaunlich, wie viel unterschiedliche Grautöne und Schattierungen sich dem bewusst holzschnittartigen und naiv gehaltenen Stil abtrotzen lassen, in dem Satrapi ihr eigenes Leben nach dem Muster eines Entwicklungsromanes ins gezeichnete Bild setzt.

Wie viel Tiefe sich in eine flächig gezeichnete Kulisse bringen lässt, wie viel Spannung im Spiel von Vorder- und Hintergründen liegt! Der deutsche expressionistische Film, seine exzentrisch mimenden Gestalten und alptraumhaft verzerrten Kulissen haben dabei ebenso Pate gestanden wie der italienische Neorealismus, der das Schicksal seiner Geschöpfe im dramatischen Wechsel aus individualisierten Nahen und gesellschaftsspiegelnden Totalen erzählte.

In Rückblenden rollt "Persepolis", der in Cannes in diesem Jahr mit der Goldenen Palme geehrt wurde, die Geschichte seiner Schöpferin auf, begleitet sie durch eine schwierige Adoleszens, auf der Suche nach kultureller Identität, nach einer zweiten Heimat weit weg von der eigenen Familie. Marjane Satrapi wird in der Animation zu einem stupsnäsigen, trotzigen Strichmädchen mit hübschen Mandelaugen, die zu gefährlich flackernden Strichen werden können, wenn sie wütend ist, oder, nach dem Vorbild von Edward Munchs "Der Schrei", zu paralysierten Kreisen, traumatisiert von den Verbrechen des Iran-Irak-Krieges.

"Stifi Wönder", "Jickael Mackson" und "Iron Maiden"

1969, zu Schah-Zeiten, wird die Protagonistin in Teheran als Kind moderner, aufgeschlossener und äußerst wohlhabender Eltern geboren. Als die Ayatollahs während der islamischen Revolution die Macht übernehmen, schickt die Familie das selbstbewusste, aufmüpfige Mädchen in den Westen nach Wien. Zu Marjanes Sicherheit, aber auch zur ihrer eigenen. Schließlich ist bereits der Lieblingsonkel, ein marxistisch-leninistisch geschulter Querdenker, in den Folterstuben des Schahs ums Leben gekommen.

Unter der islamistischen Führung mutiert nun die halbe Nachbarschaft zu Spitzeln und Denunzianten. Marjanes Mutter wird von einem Fundamentalisten auf offener Straße erniedrigt und gedemütigt, weil ihr Kopftuch nicht richtig sitzt. Und die kleine Marjane stapft trotzig in Jeans, mit Nike-Turnschuhen und einem selbstgemalten "Punk is not ded" auf der Jacke durch die frauenleeren Straßen der iranischen Hauptstadt, in der sich alles vor der geistlichen Führung des Landes zu ducken scheint. Westliche Musik wird unter den Jugendlichen illegal wie harte Drogen auf der Straße vertickt. "Stifi Wönder" raunt es da von der Seite, oder "Jickael Mackson". Bei "Iron Maiden" wird der Teenie schwach und entdeckt eine neue rebellische Welt, die ihr in ihrer autoritären Heimat eine Menge Scherereien einbringen soll.

Parfümiertes Politgeplänkel und Salonrevolutionen

Im Wiener Exil, für Satrapi der "exotischste Ort" im ganzen Film, trifft die 14-Jährige keinesfalls auf westliche Idyllen des freien Denkens, sondern auf das unsinnige, strenge Regelwerk eines katholischen Mädcheninternats, auf parfümiertes Politgeplänkel und Salonrevolutionen, auf dumme, blasierte Punks und auf eine erste große Liebe, die zugleich die erste große Lebenskrise mit sich bringt. Sie kehrt zurück in den Iran, studiert Kunst, heiratet, lässt sich wieder scheiden und zieht nach Frankreich, wo sie später auf eine Gruppe Comic-Künstler stoßen wird. Aber das liegt bereits außerhalb des Filmplots.

Satrapi gilt seit ihren Bucherfolgen im Westen als weibliche Galionsfigur für einen modernen, toleranten, aufgeschlossenen Iran. Als politische, gar feministische Vorkämpferin sieht sie sich selbst jedoch nicht. "Persepolis" sei dementsprechend auch kein politisches Statement, keine Provokation der iranischen Regierung, die auf die Vorführung und die Preisvergabe in Cannes mit Protestbekundungen reagierte, sondern vor allem eine Liebeserklärung an die eigene Familie.

Eine, die bei allem Charme, aller Rührung und aller schönen Selbstironie doch von einer feinen Melancholie ist. Von einer unstillbaren Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies aus Kindheit und einem fernen, fernen Land.



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