Animationsfilm "Toy Story 3": Aufstand der Spielzeug-Rentner

Von

Ab auf den Dachboden oder in die Müllverbrennungsanlage? Im dritten Teil der "Toy Story"-Saga versuchen die alten Spielzeughelden um Cowboy Woody und Astronaut Buzz Lightyear ihrer Entsorgung zu entkommen. Hinter ihrem lustigen Kampf steckt die ernste Frage, wie es sich in Würde altern lässt.

"Toy Story 3": Im Bann der Windelwiderlinge Fotos
Disney/Pixar

Am Ende droht das Höllenfeuer: In einer Müllverbrennungsanlage rutschen der Spielzeug-Cowboy Woody und seine Freunde bedrohlich einem gleißend roten Schlund entgegen - Pixar Animation Studios meets Hieronymus Bosch. Es ist nur eine von vielen Wendungen in diesem dritten und vermutlich finalen Teil der Spielzeug-Saga "Toy Story", die auf bildgewaltige Weise von solch schwierigen Themen wie Existenzangst und Exitus erzählen.

Denn was bleibt einer ramponierten Action-Figur, wenn sie vom groß gewordenen Besitzer fallengelassen wird, anderes als der Tod - oder, vielleicht genauso schlimm, ein Dahinvegetieren auf dem Dachboden? Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge, mit dem sich Cowboy Woody, Space-Ranger Buzz Lightyear und Gummi-Dino Rex zu arrangieren haben, als ihr herangewachsener menschlicher Besitzer Andy aufs College kommt.

Nun geht das Sortieren los: Dachboden oder Müllverbrennungsanlage? Sein oder im Feuer schreien, das ist hier die Frage. Unter den gewohnt schrillen Verfolgungsjagden verbreitet "Toy Story 3" eine zutiefst elegische Stimmung - die sich freilich vor allem auf das erwachsene Publikum übertragen dürfte. Die "Toy Story"-Stammautoren und Pixar-Anführer John Lassater und Andrew Stanton stellen die schwierige Frage: Wie kann ein Spielzeug in Würde altern?

Was steckt noch in den Kunstknochen?

Pragmatiker Woody versucht, der Situation das Beste abzugewinnen: Er malt den Kollegen und Freunden aus, wie sie auf dem Dachboden in einer Art Senioren-WG zusammenleben könnten. Es gebe nicht viel zu tun, der dort ebenfalls abgestellte alte Fernseher würde immerhin für ein bisschen Zerstreuung sorgen. Aber gehört man wirklich schon zum Altplastik - oder steckt nicht doch genug Energie für eine zweite Karriere in der Kinderunterhaltungsbranche in den Kunststoffknochen?

"Toy Story 3" behandelt also wie jedes Pixar-Trickabenteuer zuvor ein grundsätzliches gesellschaftspolitisches Problemfeld. Nachdem man letztes Jahr ausgerechnet mit dem Rentner-Reiseabenteuer "Oben" erstmals in die zukunftsträchtige Technik namens 3D eingestiegen ist, taucht man hier nun mit einem tatsächlich tadellosen dreidimensionalen Spielzeugbudenzauber in eine Diskussion, die jener ähnelt, die seit ein paar Jahren in Deutschland über die verlängerte Lebensarbeitszeit geführt wird. Ein kompliziertes Thema, sieht der eine doch den Aufschub des Pensionsanspruchs ins fortgeschrittene Alter als Betrug am ehrlich arbeitenden Individuum, während der andere ihn als große Chance einer rapide alternden Gesellschaft begreift.

Die Ausgemusterten um Woody begreifen es jedenfalls erst einmal als Chance, als man sie als Spende an eine Kindertagesstätte weiterreicht. Welche Möglichkeiten sich da doch für erfahrene Pädagogik-Fachkräfte wie sie aufzutun scheinen!

Die Hoffnung auf eine würdevolle Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt hält sich allerdings nur so lange, bis die Figuren am eigenen Körper erfahren, wem sie zugeteilt wurden - den Kleinstkindern nämlich, die Spielzeug behandeln wie ihren Karottenbrei: Alles wird in den Mund gestopft und wieder ausgespuckt, die Blessuren nach einem Betreuungseinatz sind erheblich. Kunststoff-Oldies im Krabbelgruppen-Horror.

Unterjocht von einem Plüsch-Despoten

Ja, jedem vernünftigen Spielzeug muss es angesichts der Behandlung durch die gesichtslosen Windelwiderlinge gruseln. Folgerichtig also, dass Regisseur Lee Unkrich ("Findet Nemo" und "Die Monster AG") sich bei seiner Inszenierung des Kleinkinderkosmos beim einschlägigen Genre bedient: Die Kita, hier wird sie ganz nach den Regeln des Horror-Kinos ins Bild gesetzt.

Denn in "Sunnyside", so der irreführende Name der Kinderresidenz, regiert der Plüsch-Despot Lotso, ein lila Teddybär, der alle anderen Stoff- und Plastikwesen unterjocht. Einst wurde er traumatisiert, weil seine kleine Besitzerin ihn aussortierte; jetzt herrscht er mit zynischem Kulleraugenblick über die Kindertagesstätte, die sich unter seinem Wüten von der "Sonnenseite" in eine düstere Festung verwandelt hat.

Regisseur Unkrich zitiert kunstvoll alte britische Hammer-Produktionen oder amerikanischen Horrortrash wie "Chucky - Die Mörderpuppe". Und dieser Gothic-Touch korrespondiert bestens mit dem existenziellen Drama der Helden, die unentwegt grausamen Szenarien der Ausmusterung, Zerlegung und Einäscherung zu entgehen versuchen, um endlich wieder in kompetente Kinderhände zu gelangen.

Das ist die ernste Botschaft hinter dem schreiend komischen Selbstbehauptungskampf der Fell-, Gummi- und Plastikfiguren: Wer seine Existenz nicht mit Sinn füllen kann, ist schon so gut wie tot. So lässt sich "Toy Story 3" durchaus als Plädoyer für ein Recht auf Arbeit lesen. Denn nur ein schwitzendes Spielzeug ist ein glückliches Spielzeug.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Diskussion zwecklos.....
alexl1966 28.07.2010
Zitat von sysopAb auf den Dachboden oder in die Müllverbrennungsanlage? Im dritten Teil der "Toy Story"-Saga versuchen die alten Spielzeughelden um Cowboy Woody und Astronaut Buzz Lightyear ihrer Entsorgung zu entkommen. Hinter ihrem lustigen Kampf steckt die ernste Frage, wie es sich in Würde altern lässt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,708725,00.html
....wo PIXAR draufsteht ist auch PIXAR drin. Ich war noch nie von einem PIXAR-Film enttäuscht (lediglich Cars hat mich nicht so begeistert); die Jungs haben es einfach drauf. Obwohl ich 1995 mehr als skeptisch war, als der erste Teil von Toy Story angekündigt wurde. Ein Trickfilm zu 100% aus dem Rechner, das konnte doch nur seelenloser Müll sein. Ich (und viele andere wahrscheinlich auch) wurde eines besseren belehrt. Die Technik ist hier nicht, wie in vielen anderen Produktionen, Selbstzweck, sondern immer nur Mittel zum Zweck. Mit immer ernsthaften Themen im Hintergrund, strickt Pixar liebevoll eine geist- und witzreiche Geschichte drumherum und gerade die computeranimierten Spielzeuge aus Toy Story haben mehr Potential zum Charakterdarsteller als so mancher Hollywoodstar. Fazit: Über Pixar gibt es nichts zu diskutieren, die sind einfach nur gut!
2. Neue Aufgaben für die Alten...
Chris-Gardner 28.07.2010
...ich habe den Film noch nicht gesehen, aber aus Ausschnitten habe ich entnehmen können, dass die Toys ihrer Entsorgung zuvorkommen, indem sie Kinder bespaßen und so doch noch einen Zweck erfüllen. Das wäre doch ein Modell für eine generationengerechte Gesellschaft, in der es mittlerweile als selbstverständlich gillt, dass beide Elternteile arbeiten!
3. Naja
Fuchser 28.07.2010
Zitat von alexl1966....wo PIXAR draufsteht ist auch PIXAR drin. Ich war noch nie von einem PIXAR-Film enttäuscht (lediglich Cars hat mich nicht so begeistert); die Jungs haben es einfach drauf. Obwohl ich 1995 mehr als skeptisch war, als der erste Teil von Toy Story angekündigt wurde. Ein Trickfilm zu 100% aus dem Rechner, das konnte doch nur seelenloser Müll sein. Ich (und viele andere wahrscheinlich auch) wurde eines besseren belehrt. Die Technik ist hier nicht, wie in vielen anderen Produktionen, Selbstzweck, sondern immer nur Mittel zum Zweck. Mit immer ernsthaften Themen im Hintergrund, strickt Pixar liebevoll eine geist- und witzreiche Geschichte drumherum und gerade die computeranimierten Spielzeuge aus Toy Story haben mehr Potential zum Charakterdarsteller als so mancher Hollywoodstar. Fazit: Über Pixar gibt es nichts zu diskutieren, die sind einfach nur gut!
Überschätzt triffts meiner Meinung nach eher. "Toy Story 3" wird zwar von allen Seiten mit viel Geseiere in den Himmel gelobt, was ihn aber nun so einzigartig macht, ist mir nicht klar. Auch mit "Oben" konnte ich nicht viel anfangen, obwohl ein ähnlicher Hype vonstatten ging. Noch schwächer in meinen Augen war "Wall-E". Die Menschen brauchen halt Dinge, die sie verehren können, die für sie unantastbar sind und an die sie sich klammern können. Für die einen ist es das Image von Apple, für die anderen die Qualität von Pixar und für den einfallslosen Rest wohl die Religion.
4. ...
Mindbender 28.07.2010
Zitat von alexl1966....wo PIXAR draufsteht ist auch PIXAR drin. Ich war noch nie von einem PIXAR-Film enttäuscht (lediglich Cars hat mich nicht so begeistert); die Jungs haben es einfach drauf. Obwohl ich 1995 mehr als skeptisch war, als der erste Teil von Toy Story angekündigt wurde. Ein Trickfilm zu 100% aus dem Rechner, das konnte doch nur seelenloser Müll sein. Ich (und viele andere wahrscheinlich auch) wurde eines besseren belehrt. Die Technik ist hier nicht, wie in vielen anderen Produktionen, Selbstzweck, sondern immer nur Mittel zum Zweck. Mit immer ernsthaften Themen im Hintergrund, strickt Pixar liebevoll eine geist- und witzreiche Geschichte drumherum und gerade die computeranimierten Spielzeuge aus Toy Story haben mehr Potential zum Charakterdarsteller als so mancher Hollywoodstar. Fazit: Über Pixar gibt es nichts zu diskutieren, die sind einfach nur gut!
Sie sind der Kunde, den das Kino braucht.
5. Pixar - Qualitätssiegel!
Jupe 28.07.2010
Zitat von FuchserÜberschätzt triffts meiner Meinung nach eher. "Toy Story 3" wird zwar von allen Seiten mit viel Geseiere in den Himmel gelobt, was ihn aber nun so einzigartig macht, ist mir nicht klar. Auch mit "Oben" konnte ich nicht viel anfangen, obwohl ein ähnlicher Hype vonstatten ging. Noch schwächer in meinen Augen war "Wall-E". Die Menschen brauchen halt Dinge, die sie verehren können, die für sie unantastbar sind und an die sie sich klammern können. Für die einen ist es das Image von Apple, für die anderen die Qualität von Pixar und für den einfallslosen Rest wohl die Religion.
Klar, die meisten Filme von Hitchcock, Kubrick, Lynch, Fincher werden ebenso überschätzt wie viele von Spielberg, den Coen-Brüdern, Weir, Welles, Forman, Eastwood, Scorsese, Jackson, Chaplin, Altman, Capra, Coppola, Ford, Allen und Zinnemann. Schauen wir uns doch am besten gar keine Filme mehr an. Alles überschätzt. Oder TV - nur Schrott! Oh ja, war klar, dass Apple noch kommt... Kaufen wir einfach keine Produkte mehr. Alles Markenwahn, nur gut fürs Image. Ein Leben als Aussteiger - ja, das wär was! Wobei... selbst das ist ja was fürs Image... mist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare
Toy Story 3

USA 2010

Regie: Lee Unkrich

Buch: John Lasseter, Andrew Stanton

Produktion: Pixar Animation Studios

Verleih: Disney

Länge: 103 Minuten

Start: 29. Juli 2010

Offizielle Website zum Film