Anime-Meisterwerk "Your Name" In dir finde ich mein Glück

An nur zwei Tagen läuft "Your Name", in Japan der bisher erfolgreichste Animationsfilm, auch in Deutschland im Kino. Wer ihn sieht, ist bezaubert.

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Woran merkt man, dass man im Körper einer anderen Person steckt? Für den Teenagerjungen Taki wird es irgendwann zur Gewohnheit, dass er mehrmals in der Woche im Körper des Teenagermädchens Mitsuha aufwacht. Routiniert greift sich Taki deshalb morgens an den Oberkörper. Ist der flach, wird es ein ganz normaler Tag in Tokio: Schule, mit den Kumpels in der Mittagspause abhängen, im Restaurant kellnern, abends zurück zum alleinerziehenden Vater.

Spürt Taki aber Brüste, dann steckt er in Mitsuhas Körper, und es wird ein besonderer Tag in einem Provinzstädtchen nahe eines malerischen Sees: Frühstück mit kleiner, lauter Schwester und Großmutter, Schule, dann Aushelfen bei Handarbeit und Pflege des familieneigenen Schreins. Vollständig zur Routine wird der Körpertausch für Taki aber doch nicht. Wann immer er Brüste spürt, kann er nicht anders, als breit zu grinsen. Trotz lässiger Ponyfrisur und einigem Selbstbewusstsein kommt der Teenager nämlich sonst nicht dazu, in Ruhe Brüste anfassen zu können.

Es ist ein überaus hübscher Dreh, den sich Autor und Regisseur Makoto Shinkai für seinen Anime "Your Name" ausgedacht hat: Statt seine Figuren, wie im Bodyswitch-Film üblich, auf unbegrenzte Zeit im Körper des anderen gefangen zu halten, hält der Zauber bei ihm immer nur einen Tag an. Die Panik, die Taki und Mitsuha bei den ersten Malen befällt, weicht deshalb schnell einer großen Neugier - auf den Körper der anderen, auf das Leben des anderen.

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Fotostrecke: Das Spiel mit den Identitäten

Nicht immer man selbst sein zu müssen, nicht immer im selben Körper zu stecken: Die verzweifelten Wünsche, die einen und eine während der Pubertät plagen können, werden in "Your Name" ernst genommen und erfüllt. Mehr noch: Mit der Erfüllung ist tatsächlich Glück verbunden. Statt mit dem Zeigefinger zu gemahnen, dass man vorsichtig sein sollte, was man sich wünscht, feiert "Your Name" den Switch und das Spiel mit den Identitäten. Nicht auf das eine oder andere festgelegt zu sein - auf Provinz oder Großstadt, Junge oder Mädchen, starke Familientraditionen oder große Freiheiten - ist für Taki und Mitsuha genau das, was sie für ihre persönliche Entwicklung brauchen. Bei aller Grellheit der Zeichnungen und Kicherigkeit des Humors ist "Your Name" deshalb auch eine überaus umsichtige und zeitgemäße Erzählung übers Erwachsenwerden.

Mit dem Gestaltenwandel macht der Film jedoch nicht vor sich selbst halt. Kaum hat man sich in das bezaubernde Geflecht aus Takis und Mitsuhas Leben verstrickt, wandelt sich "Your Name" selbst und streift die Hülle der Coming-of-Age-Komödie ab. Was der Film danach wird, soll hier nicht verraten werden, denn es zu entdecken, gehört zu den schönsten Überraschungen, die man seit Langem im Kino erleben kann. Nicht festgelegt zu sein - auf das eine Genre oder die eine Zielgruppe - ist auch das, was "Your Name" so herausragen lässt.


"Your Name: Gestern, heute und für immer"
Japan 2016

Originaltitel: "Kimi no na wa"
Drehbuch und Regie: Makoto Shinkai
Darsteller: Ryûnosuke Kamiki, Mone Kamishiraishi, Ryô Narita
Produktion: Amuse, Answer Studio, The, CoMix Wave Films et al.
Verleih: Universum Film (UFA)
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 106 Minuten
Start: 11. Januar 2018


In seiner Heimat Japan ist der Film folgerichtig zum bislang erfolgreichsten Anime überhaupt geworden - noch vor den Meisterwerken des Studio Ghibli. Das hat auch Hollywood aufhorchen lassen. J.J. Abrams ("Star Trek", "Star Wars: The Force Awakens") ist bereits dabei, eine Live-Action-Version des Stoffs zu entwickeln. Noch Schlimmeres als bei seinen verzagten Franchise-Neuauflagen ist dabei zu befürchten, denn "Your Name" lebt auch davon, wie japanische Ikonografien und Traumata mit der Geschichte von Taki und Mitsuha verflochten werden. Ein Grund mehr also, die zwei Termine in dieser Woche, an denen das Original "Your Name" bundesweit läuft - am Donnerstag und am Sonntag - zu nutzen und Makoto Shinkais neuen Anime-Klassiker im Kino zu sehen. An "Your Name" wird man sich noch lang erinnern.

Eine Übersicht mit den Terminen, an denen "Your Name" gezeigt wird, finden Sie hier.


Im Video: Der Trailer zu "Your Name"

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
betaknight 09.01.2018
1.
Schade, dass der Film in den Kinos nur kurz anläuft. Im Gegensatz zu einigen eher fragwürdigeren Produktionen. Wenn der Film gefallen sollte, dem ist auch 'A silent voice' zu empfehlen, wenn die Thematik dort auch eine fast gänzlich andere ist.
Chuuei 09.01.2018
2.
Wirklich ein guter Film und der Empfehlung diesen Anzuschauen kann ich nur zustimmen. Die im Artikel angedeutete Wendung nach der komödienhaften Einführung funktioniert richtig gut und plötzlich befindet man sich in einem emotionalen Wechselbad der Gefühle und aus der ursprünglichen, einfachen Körpertausch Prämisse ist eine viel vielschichtigere Erzählung geworden die wunderschöne und ebenso dramatische Momente bereithält. Bei der westlichen Adaption durch J.J. Abrams ist durchaus viel Skepsis angebracht. Könnte natürlich ebenfalls ein guter Film werden der hoffentlich etwas Aufmerksamkeit auch auf das Original lenkt, aber es ist auch so leicht den Charme zu verlieren und mit allzu westlichen Ansichten die Funktionsweise des Originals komplett zu zerstören.
leander_hausmann 09.01.2018
3. Danke,
für diese wunderbare kritik. Ich finde es super, dass der Anime ins hiesige Kino kommt. Hoffentlich auch auf japanisch mit deutschem oder englischem sub. :D Was Real-Film-Umsetzungen angeht: Die erreichen niemals das Original. letztes jahr war ja auch ghost in the Shell da und hat sich blamiert. Man sollte Anime so stehen lassen, in dem Medium, wie es ist. Menschen können gar nicht die Messages vermitteln, die die Zeichner schaffen. ;D
asdf01 09.01.2018
4.
Zitat von leander_hausmannfür diese wunderbare kritik. Ich finde es super, dass der Anime ins hiesige Kino kommt. Hoffentlich auch auf japanisch mit deutschem oder englischem sub. :D Was Real-Film-Umsetzungen angeht: Die erreichen niemals das Original. letztes jahr war ja auch ghost in the Shell da und hat sich blamiert. Man sollte Anime so stehen lassen, in dem Medium, wie es ist. Menschen können gar nicht die Messages vermitteln, die die Zeichner schaffen. ;D
In den Cinestar-Kinos, in denen es läuft, gibt es scheinbar überall drei Vorstellungen (1x Donnerstag, 2x Sonntag), davon ist eine OmU. Beispiel: https://www.cinestar.de/kino-berlin-tegel/veranstaltung-best-of-anime-your-name
juliaz 09.01.2018
5. Nett
Hab den Film grad auf Amazon Prime geschaut - da gibt es ihn in englischer Synchro oder im Original mit englischen Untertiteln. Teilweise ein bißchen albern, und mit einem massiven Loch im Plot, aber trotzdem schön. Hab mir auch den Soundtrack gekauft, der ist nämlich gute-Laune-Macher!
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