Kino-Pomp "Anna Karenina" Immer Show, nie Stille

Bretter, die die Weltliteratur bedeuten: Der englische Regisseur Joe Wright gilt als behutsamer Erneuerer des Kostümfilms. Nun präsentiert er seine Kinoadaption von "Anna Karenina" als opulente Theaterrevue - mit einer strahlenden Keira Knightley im Mittelpunkt.

Von Jörg Schöning


Newski-Prospekt heißt die zentrale Achse, die durch St. Petersburg verläuft, benannt nach einem Kloster, zu dem sie hinführt: ein Prachtboulevard, mit allerhand Talmi, und das war wohl schon immer so. Puschkin und Dostojewski haben ihn beschrieben, und natürlich findet er auch Erwähnung in Tolstois Roman "Anna Karenina", der in St. Petersburg spielt. Gogol hat dem Newski-Prospekt eine ganze Erzählung gewidmet, die lapidar mit den Worten endet: "Hier ist alles Trug, alles Traum, alles nicht das, was es scheint."

Worauf aber trifft sein Satz besser zu als auf das Kino? Und so legitimiert ausgerechnet Gogols Resümee die jüngste Tolstoi-Verfilmung: Joe Wrights Adaption des 1200-Seiten-Klassikers dürfte - gefühlt - die 25. Kinofassung sein. In ihr hat der englische Regisseur den Prospekt zum Prinzip erhoben.

Denn einen Prospekt nennt man ja auch ein Bühnenbild, und aufs Bühnenhafte ist hier alles abgestellt. Nach den Literaturverfilmungen "Stolz und Vorurteil" sowie "Abbitte" (beide schon mit Keira Knightley in der Hauptrolle) und seinem Hollywood-Thriller "Wer ist Hanna?" ist Wright damit zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Wrights Eltern betrieben ein Puppentheater, er selbst begann seine Laufbahn in einem Theater-Workshop. Und das Drehbuch zu "Anna Karenina" stammt von dem britischen Dramatiker Tom Stoppard, der eher selten fürs Kino arbeitet ("Shakespeare in Love").

Keine Sekunde des Stillstands

Darum ist es nur konsequent, wenn dieser Film nun in der Garderobe beginnt, wo die Schauspieler, die Textbücher in der Hand, noch einmal schnell ihren Dialog memorieren. Das wirkt am Anfang schon mal extrem verblüffend. Und es kann auch später immer wieder überraschen, wenn beispielsweise der Schnürboden sichtbar wird, aus dem die Kulissen herunterschweben, und erst recht, wenn er selbst zum Handlungsort für die Schauspieler wird.

In dem berühmtesten Liebes- und Ehebruchsdrama der Weltliteratur, in dem der St. Petersburger Ministerialbeamte Karenin (Jude Law) seine um viele Jahre jüngere Ehefrau an den schmucken Kavallerieoffizier Wronski (Aaron Taylor-Johnson) verliert, ist Keira Knightley eine strahlende Anna Karenina - bis sie aus Liebe zu Wronski ihren Mann verlässt, zur verfemten Außenseiterin wird und sich schließlich das Leben nimmt.

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"Anna Karenina": Vor, hinter und in den Kulissen
Anders als das Kino zeigt das Theater das Geschehen in einer Zentralperspektive - und die ist in "Anna Karenina" deutlich zu spüren. Die Nebenhandlung um den Lebensreformer Lewin (Domhnall Gleeson), der fernab gesellschaftlicher Zwänge auf dem Land, unter Bauern, Wege zu einer glücklichen Ehe sucht, gerät zu pittoresker Folklore. Jede Form von Arbeit - sei es auf den Feldern oder im Büro - kriegt der Film immer nur als Ballett in den Griff, weil er sich keine Sekunde des Stillstands gönnt und alle Bewegungen tänzerisch durchchoreografiert sind.

Jeder Lungenzug ein Ehebruch

Das führt zu durchaus großen Momenten: etwa bei einem Pferderennen, bei dem aus einem rhythmischen Schlag mit dem Fächer unversehens Hufgetrappel entsteht und sich die Szenerie auf offener Theaterbühne in ein rasantes Querfeldeinrennen verwandelt. Solche gleitenden Szenenwechsel dynamisieren die Handlung enorm und funktionieren ganz wunderbar dort, wo der Tonfall leicht und frivol zu sein hat - also am besten bei dem sich anbahnenden Liebesverhältnis der beiden Protagonisten.

Nicht als Konkurrent der geschätzten 24 Vorgängerfilme verhält sich Wrights "Anna Karenina", sondern als Rivale der vielen Bühnenadaptionen dieses Stoffs. Die dürften inzwischen schon einen größeren Bekanntheitsgrad haben als der voluminöse Roman selbst, wobei sie in der Regel auf die klassische Kinoversion verweisen. So wie es zum Beispiel Armin Petras in seiner Inszenierung am Berliner Maxim-Gorki-Theater tut: Für die berühmte Rauchwolke, aus der zu Beginn der Dreißiger-Jahre-Verfilmung Greta Garbo tritt, sorgen die Liebenden auf der Bühne durch massiven Zigarettenkonsum - jeder Lungenzug ist dort ein Ehebruch.

Entsprechende Bilder für das moralisch Diffuse des romantischen Paars besitzt Wrights Verfilmung nicht. Alles ist hier in einem rauschhaften Fluss, alles wird hier zur prächtigen Zeremonie - vom Gesellschaftstanz bis zum Geschlechtsakt. Hinter diesen theatralen Mitteln, mit denen der Film allerdings jede Bühnenadaption weit hinter sich lässt, stecken die Überrumpelungsmaßnahmen des Musicals. Wenn aus herabrieselnden Papierschnipseln tatsächlich eine Schneelandschaft wird, ist das nur ein "Oh"- und "Ah"-Effekt in einer Welt des schönen Scheins: "Alles Trug, alles Traum."

Mit ihr zelebriert Wright eine Form von Entertainment, wie man es auf Kreuzfahrtschiffen pflegt, ein bisschen verrucht ist es schon, aber im Grunde blitzblank. Zumal an dessen glamourösen Höhepunkt, das Farewell-Dinner, erinnert diese "Anna Karenina" - ein Film, der schon ein bisschen wie eine illuminierte Eisbombe wirkt. Ganz gewiss schlägt er groß ein.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
dovid 04.12.2012
1.
Ich liebe das Buch und freue mich schon auf den Film.
lizard_of_oz 04.12.2012
2. Momentan etwas unpassend
Zitat von sysopFocus FeaturesBretter, die die Weltliteratur bedeuten: Regisseur englische Joe Wright gilt als behutsamer Erneuerer des Kostümfilms. Nun präsentiert er seine Kinoadaption von "Anna Karenina" als opulente Theaterrevue - mit einer strahlenden Keira Knightley im Mittelpunkt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/anna-karenina-keira-knightley-brilliert-in-joe-wrights-kino-adaption-a-870075.html
Wenn ich Krise haben will, dann lese ich Zeitung. Die brauch ich nicht auch noch im Kino. Und ganz abgesehen davon ist es heute nicht mehr gut angesehen, sich vor einen Zug zu werfen. Denn das ist rücksichtslos gegenüber dem Zugührer, der die ganze Aktion quasi aus erster Reihe mitverfolgt sowie gegenüber den Fahrgästen, die das auch nicht unberührt lässt und die dadurch allesamt zu spät kommen. Wenn sich in Hamm einer vor den Zug wirft, dann zieht sich das mit den Verspätungen bis nach Düsseldorf, das muss man nicht noch extra im Film zeigen.
qvoice 04.12.2012
3.
Zitat von lizard_of_ozWenn ich Krise haben will, dann lese ich Zeitung. Die brauch ich nicht auch noch im Kino. Und ganz abgesehen davon ist es heute nicht mehr gut angesehen, sich vor einen Zug zu werfen. Denn das ist rücksichtslos gegenüber dem Zugührer, der die ganze Aktion quasi aus erster Reihe mitverfolgt sowie gegenüber den Fahrgästen, die das auch nicht unberührt lässt und die dadurch allesamt zu spät kommen. Wenn sich in Hamm einer vor den Zug wirft, dann zieht sich das mit den Verspätungen bis nach Düsseldorf, das muss man nicht noch extra im Film zeigen.
Niemand möchte Ihnen Ihre Zeitung wegnehmen. Gehen Sie doch in Ihren James Bond oder Harry Potter und lassen Sie uns in Ruhe. Ich freue mich jedenfals schon auf den Film.
Tom Joad 04.12.2012
4. Spoiler
Zitat von lizard_of_ozWenn ich Krise haben will, dann lese ich Zeitung. Die brauch ich nicht auch noch im Kino. Und ganz abgesehen davon ist es heute nicht mehr gut angesehen, sich vor einen Zug zu werfen. Denn das ist rücksichtslos gegenüber dem Zugührer, der die ganze Aktion quasi aus erster Reihe mitverfolgt sowie gegenüber den Fahrgästen, die das auch nicht unberührt lässt und die dadurch allesamt zu spät kommen. Wenn sich in Hamm einer vor den Zug wirft, dann zieht sich das mit den Verspätungen bis nach Düsseldorf, das muss man nicht noch extra im Film zeigen.
Was das Vor-den-Zug-Werfen angeht, kann man Ihnen nur Recht geben ("Verspätung wegen eines technischen Defekts", ja ja ...). Man "muss" aber auch nicht das Ende eines Films verraten. Es soll schließlich Leute geben, die die 1.200 Seiten des Romans noch nicht durchgearbeitet haben. Die in "Stolz und Vorurteil" so liebliche Keira Knightley wird den Kinobesuch schon wert sein.
Tom Joad 04.12.2012
5. Frage
Ist es richtig, dass der Name "Karenina" auf der zweiten Silbe betont wird? (Nur an Leute, die es wirklich wissen!)
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