"Anomalisa" von Charlie Kaufman Ey Puppe, liebst du mich?

Unsympathische Puppen im mittleren Alter mit Bauchansatz: Charlie Kaufman hat mit "Anomalisa" einen schmerzhaft ehrlichen Film über die Liebe gedreht. Ein Meisterwerk.

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Charlie Kaufman nimmt Dinge gern wörtlich. Die Frage, wie es wohl im Kopf von John Malkovich aussieht, beantwortete er mit einem Film, in dem die Leute direkt in den Kopf von John Malkovich klettern konnten. In seinem neuen Film "Anomalisa", dessen Drehbuch er verfasst und das er zusammen mit Duke Johnson als Puppenanimation inszeniert hat, setzt er nun die Binse, dass Schönheit im Auge des Betrachters liege, buchstäblich um.

Für den liebeshungrigen Michael Stone, aber auch den Zuschauer sehen alle Menschen gleich aus, weil alle Puppen das gleiche Gesicht haben. Nur nicht seine Zufallsbekanntschaft Lisa, die individuelle Gesichtszüge hat - sie ist eine Ausnahme, eine Anomalie. Oder wie es Michael im Liebesrausch sagt: Sie ist Anomalisa.

Eine Abweichung mit menschlichem Antlitz - das ist auch dieser Film. Bekannt geworden ist Charlie Kaufman mit seinen wunderbar verqueren Drehbüchern, die Michel Gondry ("Vergiss mein nicht!") und Spike Jonze ("Being John Malkovich") kongenial umgesetzt haben. Die Geschichte von "Anomalisa" hat Kaufman dagegen als Theaterstück aufgeschrieben und 2005 im Rahmen von Carter Burwells Reihe "Theater of the New Ear" inszeniert.

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"Anomalisa": Die Einzige unter vielen
Wer oder was den skeptischen Kaufman schließlich dazu gebracht hat, den Stoff doch noch in einem Film umzusetzen, ist unklar. Ihm oder ihr gebührt jedoch großer Dank, denn einen so verblüffenden, entlarvenden, schmerzhaft ehrlichen Film über die Liebe gibt es ganz selten zu sehen.

Bei der Idee mit den identischen Gesichtern bleibt es nämlich nicht. Der verstörende Effekt wird akustisch verstärkt, indem in der englischen Originalversion alle Figuren außer Michael und Lisa von einem einzigen Sprecher, nämlich Tom Noonan, gesprochen werden. Den Hauptfiguren verleihen Jennifer Jason Leigh ("The Hateful Eight") und David Thewlis (Remus Lupin aus den "Harry Potter"-Filmen) ihre Stimmen. Die drei waren auch schon bei an der Uraufführung des Theaterstücks beteiligt.

Ein Popstar und sein Groupie

Ebenso verstörend wie die Manipulation der Stimmen und Gesichter dürfte auf Kaufman-Fans das Setting von "Anomalisa" wirken. Der Film spielt größtenteils in einem anonymen Business-Traveller-Hotel in Cincinnati. Michael steigt dort ab, weil er am nächsten Tag einen Vortrag auf einer Konferenz zu Kundenservice halten soll. Der gebürtige Brite lebt mittlerweile in Los Angeles mit Frau und Kind. Sein Buch "How Can I Help You Help Them?" hat ihn zu einem Popstar in der Service-Branche gemacht, und Kundenberaterin Lisa ist eines seiner Groupies. Sie hat viel zu viel Geld und Urlaubstage aufgebraucht, um für Michaels Vortrag anzureisen.

Dass sie auf seine Annäherungsversuche überaus dankbar reagiert, ist ebenso absehbar wie unangenehm zu beobachten. Zuvor hat sich Michael nämlich als mieser Zeitgenosse erwiesen, dem schon der Smalltalk des Taxifahrers auf der kurzen Fahrt vom Flughafen zum Hotel zu viel wird; der sich generell schwer damit tut, Anstand zu beweisen. Dass alle anderen Menschen für ihn gleich aussehen, liegt womöglich daran, dass er sich selbst für einzigartig hält.

Michael wird damit zum unzuverlässigen, aber auch unausweichlichen Erzähler, denn man sieht die Welt nur mit seinen Augen. Das hat einen irren Effekt: Der Film zwingt einem seine Sicht auf, stößt einen durch seine Handlungen aber gleichzeitig ab. In diesem Dilemma gefangen, muss man sich durch den Film navigieren. Keine kleine Herausforderung, aber eine unbedingt lohnenswerte, denn Kaufman und seinem Co-Regisseur Johnson gelingt es, im Verlauf einige sehr grundlegende Fragen über die Liebe aufzuwerfen: Was erkennen wir eigentlich in einem Menschen, wenn wir uns in ihn verlieben? Oder genauer: Was glauben wir, in ihm zu erkennen?

Die Antworten, die einem der Film nahelegt, sind wie sein Setting von der vertrackten Romantik von Kaufmans früheren Filmen, speziell von "Vergiss mein nicht!", sehr weit entfernt. Wo zuvor Kate Winslet mit bunt gefärbtem Haar als "Manic Pixie Dream Girl" wirbelte und Jim Carrey schwerherzig durch den Schnee tapste, stehen sich nun ein arroganter Service-Guru mit Bauchansatz und eine verschüchterte Kundenberaterin mit nicht existentem Liebesleben gegenüber. Auch filmisch ist der 57-jährige Kaufman damit im mittleren Lebensalter angekommen. Im Gegensatz zu seinen Filmfiguren Michael und Lisa weiß er damit aber bestens umzugehen und liefert mit "Anomalisa" ein unerwartetes Meisterwerk ab.

Im Video: Der Trailer von "Anomalisa"

"Anomalisa"

USA 2015

Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson

Drehbuch: Charlie Kaufman nach seinem gleichnamigen Theaterstück

Mit den Stimmen von: David Thewlis, Tom Noon, Jennifer Jason Leigh

Produktion: Paramount Animation, Starburns Industries

Verleih: Paramount

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 21. Januar 2016

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