SPIEGEL ONLINE: Herr Emmerich, von Ihnen erwartet der Kinogänger Katastrophenfilme und Popcornkino im ganz großen Stil, aber kein Historiendrama über die Identität von William Shakespeare. Haben Sie mal überlegt, den Film als "Anonymus" herauszubringen, um niemanden abzuschrecken?
Emmerich: Das hatte ich mir tatsächlich mal überlegt, denn es ist ja unglaublich, was in den Köpfen der Leute vorgeht, wenn sie wissen, von wem ein Film ist. Deswegen haben wir letztlich die Titel ans Ende gesetzt, man erfährt also erst ganz zum Schluss, dass der Film von mir ist.
SPIEGEL ONLINE: Eine knifflige Situation: Einerseits ist "Anonymus" Ihr Herzensprojekt, das zehn Jahre auf seine Realisierung warten musste. Andererseits steht Ihr Name einem unbefangenen Blick auf den Film im Wege.
Emmerich: Als ich einem guten Freund von der Überlegung erzählte, den Film anonym ins Kino zu bringen, sagte der: 'Bist du wahnsinnig? Du weinst mir vor, dass keiner den Film machen will, und jetzt willst du ihn nicht unter deinem Namen veröffentlichen?' Außerdem wurde mir klar: Wenn ich den Film als "Anonymus" gemacht hätte, dann hätte man mich viel zu sehr als die Hauptfigur Edward de Vere gesehen, und das wollte ich nicht. Der Earl of Oxford hat nichts, überhaupt nichts mit mir zu tun.
SPIEGEL ONLINE: Die Frage ist ja auch, ob man so etwas in heutiger Zeit überhaupt noch geheimhalten kann.
Emmerich: Das kann man nicht. Letztlich haben mein Name und meine Rückkehr nach Deutschland, um den Film hier in Babelsberg zu drehen, ja auch bei der Finanzierung geholfen. Dafür muss man dann auch dankbar sein.
SPIEGEL ONLINE: Sie mussten mit rund 30 Millionen Dollar auskommen, gemessen an Ihren früheren Filmen ein Mini-Budget.
Emmerich: Ja, aber es wird gerne vergessen, was für eine Menge Geld das immer noch ist. Wir sind sehr stolz darauf, wie der Film aussieht, gemessen an dieser Summe. Für weniger war der Film aber auch nicht herzustellen. Netto waren es sogar nur 26 Millionen.
Emmerich: Ach was, mit so viel Computertechnik spart man letztlich ja auch irre viel ein: Man kann drei, vier große Szenen am Tag drehen, statt nur eine. Als wir den Film in den USA präsentierten, war auch der Herausgeber von "Cinefex" anwesend, dem größten US-Magazin für visuelle Effekte. Normalerweise würde ein Film wie "Anonymus" bei denen nie vorkommen, aber die waren echt beeindruckt: Sie hätten noch nie etwas für so wenig Geld so gut gesehen. Die Effekte an sich haben aber nur 3,6 Millionen Dollar gekostet.
SPIEGEL ONLINE: Was den Einsatz von Technik betrifft, sind Sie sich also bei allem Stilwechsel treu geblieben.
Emmerich: Ja, das war auch das Wichtigste daran. Ich wollte unbedingt diese Totalen von London haben, den Begräbniszug Elizabeths am Ende!
SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie nicht in den Fingern gejuckt, doch noch hier oder da eine Brücke in die Luft zu jagen? Der Theaterbrand am Anfang zum Beispiel, hätten Sie den nicht noch gerne spektakulärer gestaltet?
Emmerich: Ich habe am Ende sogar Actionszenen rausgeschnitten. Und das Theater hat übrigens nie richtig gebrannt. Das ging ja gar nicht, denn das brauchten wir später noch. Da waren alle ganz schön nervös: Bloß nicht abfackeln!
SPIEGEL ONLINE: Ist der Historienfilm "Anonymus" denn nun die Neuerfindung des Roland Emmerich?
Emmerich: Es zeigt eine neue Facette von mir. Ich bin ja auch schon seit Jahren geradezu besessen von einem Film über Tutanchamun. Man muss aber auch sagen, dass es bisher nicht möglich war, so etwas kostengünstig zu drehen, in Ägyten, mit großen Schlachten und so weiter. Das hätte 100, 120 Millionen Dollar gekostet. Aber jetzt nicht mehr.
SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?
Emmerich: Weil ich mit "Anonymus" bewiesen habe, dass ich Tutanchamun auch für 50 Millionen machen kann, wenn es nur irgendwo ein passendes Studio im arabischen Raum gibt, ob nun in Dubai oder in Tunesien, denn ich brauche viele Araber als Statisten. Das ist das wahre Geheimnis von "Anonymus": Durch die digitale Technik, dadurch, dass man aus dem Nichts ganz kleine Visual-Effects-Departments gründen kann, hat es eine kleine Revolution gegeben. Gerade für geschichtliche Filme ist das natürlich großartig! Heute kann man schon auf einem Laptop eine vernünftige Bildmischung erstellen. Dadurch kann man jetzt auch einen kleinen Historienfilm wie "Anonymus" super groß aussehen lassen.
SPIEGEL ONLINE: Im Film illustrieren Sie die unter Experten höchst umstrittene These, dass der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, der wahre Verfasser der Shakespeare-Stücke war. Glauben Sie daran tatsächlich?
Emmerich: Das passt jetzt weder zu der Geschichte, die wir im Film erzählen, noch zu der Vorlage von John Orloff, aber meine Meinung ist, dass Shakespeare ein Synonym für mehrere Schreiber und Oxford eine Art Redakteur war, der umgeschrieben und redigiert hat, sozusagen die letzte Instanz. Er muss viele von diesen Stücken aber auch selbst geschrieben haben. Da ist eine gewisse Linie drin, und die muss von ihm stammen. Er war die Hauptfigur - aber natürlich ist die ganze Geschichte viel komplexer als wir sie darstellen konnten.
SPIEGEL ONLINE: Shakespeare selbst wird von Ihnen als Witzfigur dargestellt, als debiler Draufgänger. Haben Sie schon Morddrohungen von Stratfordianern erhalten?
Emmerich: Haha, nein. Außerdem muss Kunst provozieren, das gehört dazu. Aber es ist schon fast ein Witz, dass Leute heute immer noch glauben, William Shakespeare of Stratford hätte diese Stücke geschrieben. Ich halte das für höchst unwahrscheinlich. Wir wissen vom echten Shakespeare, dass er während einer Hungersnot Korn gehortet hat, wir kennen Geschäftsbriefe und Geldeintreibungen: Was immer er war, er war kein angenehmer Zeitgenosse. Wir haben ihn am Ende im Film als comic relief eingesetzt. Am Anfang wollten wir ihn eigentlich eher als Star zeigen, dann kam Rafe Spall daher und spielte ihn einfach als Proleten, als von sich selbst überzeugtem Gockel, und das war genau richtig.
SPIEGEL ONLINE: Edward de Vere muss seiner literarischen Ader im Geheimen nachgehen. Ist die Botschaft Ihres Films also: Politik und Macht verträgt sich nicht mit der Kunst?
Emmerich: Nein, eher im Gegenteil. Kunst ist immer politisch und wird von den Mächtigen immer bekämpft. Aber am Ende setzt sie sich durch: Wer kennt heute Robert oder William Cecil
SPIEGEL ONLINE: ... die Widersacher Oxfords am Hofe Elizabeths...?
Emmerich: ... niemand! Aber Shakespeare kennt heute noch jeder.
SPIEGEL ONLINE: Spielt denn die Kunst dieselbe aufklärerische Rolle wie zu Shakespeares Zeit?
Emmerich: Nein, ich glaube nicht. Die Plays und Poems hatten damals eine viel stärkere Bedeutung. Sie waren das Einzige, was es gab. Sie waren die ersten Worte, die öffentlich gesprochen wurden und viele erreicht haben, auch Analphabeten! Die ganz einfachen Leute haben diese Stücke verstanden, selbst in den subtilsten Andeutungen. Deswegen haben die Oberen die Theater ja ständig geschlossen. Aber es hat sich trotzdem durchgesetzt, immer weiter, mit Zeitungen, Fernsehen, Film. Heute haben wir eine viel aufgeklärtere Öffentlichkeit, aber dennoch glaube ich, dass unsere Politiker uns aus Machtgier ständig die Unwahrheit sagen.
SPIEGEL ONLINE: Was kann man also aus Ihrem Film über die heutige Zeit lernen?
Emmerich: Dass man alles hinterfragen sollte. Auch das, was in der Zeitung steht. Ich glaube nicht mehr viel davon, was ich lese. Das sind auch alles nur Interpretationen und Deutungen von jemanden, der nicht weiß, was wirklich vor sich geht. Die Wahrheit ist immer viel komplizierter, als man denkt. Die Lösung wäre, sich möglichst breit zu informieren. Aber ganz ehrlich: Wer hat schon noch Zeit dafür?
Das Interview führte Andreas Borcholte
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