Antikriegsfilm "The Messenger" Trauma der Todesboten

"Ihr Job ist bestimmt auch nicht leicht": Zwei Kriegsversehrte bringen die Nachricht vom Tod in die amerikanischen Wohnhäuser. Oren Movermans Kino-Drama "The Messenger" erzählt ergreifend vom Schrecken an der Heimatfront - ohne eine einzige klassische Kriegsfilmeinstellung.

Von Birgit Glombitza

Senator Film

Der junge Staff Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) versteht eine Menge vom Krieg: Lage peilen, Feind orten, Kämpfer sondieren, die Truppe zusammenhalten, Verstärkung anfordern - so geht der Soldatenjob. Das kann man lernen. Erlebtes verarbeiten hingegen, mit den Bildern im Kopf weiterexistieren: Das steht nicht auf dem Unterrichtsplan der Militärschulen. Und als Montgomery nach einer schweren Verletzung aus dem Irak-Krieg entlassen wird, ist das Erste, was wir von ihm sehen, sinnbildlicherweise sein Auge. Wie es in Großeinstellungen und im kunstvollen Spiel mit Tiefenschärfen, vor Augentropfen tränend und klimpernd, versucht, sich ein Bild zu machen. Von der Welt nach Montgomerys Einsatz. Von einem fremd gewordenen Zuhause. Von dem, was Todesangst und Töten von einem Menschen übriglassen.

Für die letzten drei Monate seines Militärdienstes wird Will Montgomery der "Casualty Notification"-Einheit zugeteilt. Das sind die zugeknöpften Beileidskuriere, die den Familien in der Sprache des Armee-Bürokratismus den Verlust ihrer Töchter und Söhne beizubringen haben. Zur Seite gestellt wird ihm der Veteran Tony Stone (Woody Harrelson), ein Alpha-Tierchen mit kantigem Schädel und einem beunruhigenden Baggerschaufel-Lächeln. Stone kommt am besten in einem klaren Regelwerk zurecht. Deswegen ist die Army seine Lieblingsfamilie, und deswegen legt er größten Wert auf die Einhaltung des militärischen Protokolls für die Übermittlung der Gefallenenliste. Kein Körperkontakt, keine Emotionen, kein dies, kein das, kein langes Warten vor der Haustür. Geparkt wird ein Stückchen weiter weg, um die Hinterbliebenen nicht mit dem Anblick aussteigender Todesboten zu quälen.

Will, der seit seiner Heimkehr mit dem System hadert, wird gegen all diese Regeln verstoßen. Er wird sich gegen jede Armee-Moral in eine junge Soldatenwitwe verlieben. Eine, die trauert, aber nicht zusammenbricht, als sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält. "Ihr Job ist bestimmt auch nicht leicht", so verabschiedet sie sich von den verdatterten Offizieren, die der Frau in diesem Moment all ihre Tapferkeitsmedaillen am liebsten geschenkt hätten, wäre ihre Stärke nicht zugleich so suspekt. Frauen, Mütter, Väter, Zivilisten: Sie müssen erst kollabieren, um dann von der Armee gerettet zu werden. So geht das.

Heavy Metal gegen die inneren Bilder

Krieg verroht, pervertiert, treibt allen zivilisatorischen Anstand aus, bricht die Menschen herunter aufs Kreatürliche - eine Binsenweisheit. Aber Stone und Montgomery sind keine Monster. Es ist der Frieden, der sie überfordert. Die Stille, bevor die Angehörigen in Tränen ausbrechen, anfangen zu schreien, sich am Boden wälzen. Das bleierne Schweigen, wenn die beiden ungleichen Kriegsversehrten nebeneinander im Auto hocken und jeder mit den inneren Bilder seiner eigenen Katastrophen allein bleibt. Die Ruhe, in der sich schlaflose Nächte zur unerträglichen Ewigkeit dehnen. Deswegen muss Heavy Metal bis zum Tagesanbruch die Geister verscheuchen. Keine Autofahrt, bei der die Bässe nicht durch Mark und Bein wummern, weil das Überbringen des Todes ohne Lärm nicht auszuhalten wäre.

Mit Terroristen, Minenfeldern und Heckenschützen kann man umgehen. Aber nicht mit der schwangeren Frau, die mit dem Überbringen der "Casualty Notification" zur alleinerziehenden Witwe wird. Oder mit dem plötzlich kinderlosen Vater, der sich in Schock und Schmerz übergeben muss. Und auch nicht mit der Ex-Freundin, die sich nach einem Quickie endgültig von Montgomery lossagt, ihn zur Hochzeit mit ihrem Neuen ein- und dann sicherheitshalber wieder auslädt.

Stone und Montgomery, die gebrochenen Krieger, die im Suff und Schmerz doch noch zu Kumpeln werden, tauchen in einer der stärksten Szenen trotzdem auf dem Fest auf. In dreckigen Unterhemden, von einer Prügelei mit respektlosen Halbstarken zerbeult und strunzbesoffen, hält Will eine Rede, in der er der Braut im bitter-aggressiven Tonfall Glück wünscht. Der Bräutigam lässt sich zur Schadensbegrenzung zu einer spontanen Danksagung an alle "Jungs da draußen" im Krieg hinreißen. Dass er als Vertreter einer zivilisierten, stinkreichen Bildungselite persönlich nicht hinter dem Einmarsch stehen kann, blitzt durch jede Zeile seines Vortrags.

Ohne Pathos, ohne Patronenhülsen

Es sind doppelbödige Momente wie diese, die "The Messenger" weit über das humanitäre Pathos eines klassischen Antikriegsfilms erheben. Mit stiller, unaufgeregter Konsequenz bricht der Film das Politische - genauer gesagt: die amerikanische Außenpolitik Bushs und ihr Versagen - auf das Private herunter. Damit steht der Film zwar nicht allein da; Antiterror- und Irakkriegsfilme sind längst ein eigenes Genre, angefangen beim Ölthriller "Syriana", Michael Winterbottoms "Road to Guantanamo", dem Folterkrimi "Rendition", über Brian de Palmas "Redacted" und Paul Haggis' Heimkehrerdrama "Im Tal von Elah", bis hin zu Kathryn Bigelows "Tödliches Kommando". Aber anders als seine Vorgänger, die alle in der Bush-Ära, als Protestkundgebungen des anderen Amerika, entstanden, stammt "The Messenger" aus der Obama-Epoche. Der versprochene Truppenabzug aus dem Irak hat begonnen, die Ablehnung des Irak-Kriegs ist längst Konsens. Die heimkehrenden Soldaten können nicht auf nationalen Stolz zählen, ihre Erlebnisse will an der Heimatfront niemand hören.

"The Messenger" verzichtet bewusst auf jeden Adrenalinkick und Waffenfetischismus, der die meisten Kriegs- und bigotterweise auch Antikriegsfilme grundiert, wenn sie harte Kerle mit derben Sprüchen bei hoffnungslosen Einsätzen zeigen. Es gibt keine einzige klassische Kriegsfilmeinstellung. Die Hinterhalte, die Autobomben und Minen, bei denen die Kameraden draufgehen, bleiben als Erinnerung bildlos. Ein einziges Mal sehen wir die beiden Hauptfiguren auf dem Sofa sitzen - das Bier ist diesmal alkoholfrei - und Geschichten aus ihren Kriegen erzählen. Der Mut, mit dem Stone zugibt, beim "Desert Storm" niemals ernstlich unter Beschuss gewesen zu sein und der, mit dem Montgomery von der Lächerlichkeit seiner Ordensverleihung erzählt, nachdem er seine Leute in den Tod geschickt habe, das braucht keine vordergründige, bunt feuernde Kriegsmaschinerie, um zu wirken.

Regisseur Oren Moverman, der selbst in der israelischen Armee gedient hat, erweist sich auch ohne Naheinstellungen von Waffenhülsen, die in Slowmotion in den Wüstensand fallen, als Experte für männliche Codes. Und er bleibt bis zum Schluss solidarisch mit seinen Protagonisten. So lässt er das Publikum allein zurück mit einem ungelösten Bündel aus individueller Schuld, politischer Verantwortung und nationaler Moral.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
frubi 02.06.2010
1. .
Zitat von sysop"Ihr Job ist bestimmt auch nicht leicht": Zwei Kriegsversehrte bringen die Nachricht vom Tod in die amerikanischen Wohnhäuser. Oren Movermans Kino-Drama "The Messenger" erzählt ergreifend vom Schrecken an der Heimatfront - ohne eine einzige klassische Kriegsfilmeinstellung. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,698305,00.html
Woody ist einfach der Beste. Ich freue mich allein schon wegen ihm auf diesen Film. Ich kann mir Filme mit ihm noch heute ohne weiteres ein zweites mal ansehen und ohne das mir langweilig wird. Wie er den Twinky Fanatiker in Zombieland gespielt hat war einfach grandios. Einen Oscar wird er sich noch schnappen. Typen wie er haben noch jede menge Pulver zu verschießen.
wonghan 02.06.2010
2. Ein wahrhaftiger Spitzenfilm...
...und hätte den Oscar sogar eher verdient gehabt als "Heat Locker". Wie im Artikel erwähnt handelt es sich bei "The Messenger" wirklich mal um einen Antikriegsfilm der den Zuschauer im Inneren berührt und ratlos zurücklässt. Die schauspielerische Leistung von Woody Harrelson und, für mich sogar noch überzeugender, Ben Foster ist allererste Klasse. Unbedingt gucken. Kurzweiliger und emotionaler Film.
puter70 02.06.2010
3. Es ist gut und wichtig,....
...dass sich dieser Antikriegsfilm mit dem erschütternden, traurigen Thema "Todesboten" beschäftigt und in aller realistischen Brutalität das Überbringen grausamer Soldaten-Todesnachrichten schildert. Dadurch wird alles Faseln vom Heldentod, Sterben für das Vaterland und ähnliche Phrasen ad absurdum geführt und die grausame Realität offensichtlich. Deshalb sollte man ihn sich unbedingt anschauen. Für Angriffskrieger wie Bush und Konsorten sollte das eine Pflicht-Veranstaltung sein, damit sie sehen, was sie mit ihrem gewissenlosen, unrechtmäßigen Militäreinsatz anrichten.
HuFu 02.06.2010
4. Film
... könnte nach Platoon ein weiterer guter Film werden. Danke für den Tipp.
cocokino 02.06.2010
5. nicht ganz korrekt
"Aber anders als seine Vorgänger, die alle in der Bush-Ära, als Protestkundgebungen des anderen Amerika, entstanden, stammt "The Messenger" aus der Obama-Epoche." Das stimmt so nicht, der Film wurde im Mai 2008 gedreht und da regierte doch noch George W. Nichtsdestotrotz ist es ein unbedingt sehenswertes Drama, in dem neben Woody auch Ben Foster mehr als überzeugen kann.
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