Von Simon Broll
Die Erde gibt ihre Geheimnisse nicht kampflos her, sie wehrt sich gegen die Schaufelstiche der Gebrüder Kalina. Die beiden Männer stoßen auf Wasser, das sich vermischt mit dem Tonboden zu trübem, kniehohen Schlamm. Doch Józef und Franciszek graben weiter: gegen die Brühe, gegen die Müdigkeit. Und gegen ihre Ängste: Was werden sie in dem Erdloch finden? Einen menschlichen Schädel. Dann noch einen. Zum Schluss liegt ein Knochenberg vor ihnen.
Nein, subtil ist Wladyslaw Pasikowskis "Poklosie" sicher nicht. Der polnische Regisseur, bekannt geworden für sozialkritische Thriller ("Psy - Hunde"), sucht in seinem neuesten Film, der auf Deutsch mit den Worten "Nachlese" oder "Nachlass" übersetzt werden kann, die Provokation. Bewusst setzt er auf Bilder von verstörender Symbolik: ein gelynchter Hund, ein brennendes Gräberfeld, ein an die Scheunentür gekreuzigter Mensch. Doch diese religiösen Motive passen zu einem Film, der sich auf Glaubensunterschiede bezieht. "Poklosie" erzählt von einem Pogrom, ausgeführt während des Zweiten Weltkriegs durch polnische Bauern. Und die legitimierten ihren Antisemitismus damit, dass Christus von niemand anderen als den Juden ermordet worden war.
Von der Opfernation zu Mittätern
"Poklosie", für den bisher kein deutscher Kinostart vorgesehen ist, sorgt in Polen für heftige Diskussionen. Das liegt vor allem an einem Tabubruch: Pasikowski zeigt seine Landsmänner nicht als Kriegsopfer, sondern als Komplizen am Judenmord. Dazu verlegt er seine Geschichte in ein fiktives Dorf zu Beginn der Nullerjahre. Zwei Brüder, der Bauer Józef Kalina (Maciej Stuhr) und der aus Chicago angereiste Franciszek (Ireneusz Czop), müssen sich gegen Anfeindungen ihrer Nachbarn wehren.
Der Streit entbrennt an jüdischen Grabsteinen, die während des Krieges zum Straßenbau zweckentfremdet worden waren. Józef gräbt die Platten aus und errichtet mit ihnen auf seinem Feld einen Friedhof. "Von den Lebenden ist niemand mehr übrig geblieben, um das zu tun", sagt er. Als die Brüder beginnen, die Geschichte der Menschen hinter den Grabinschriften zu recherchieren, ernten sie Hass. Die Scheune wird mit antisemitischen Parolen besprüht, ein Mob schlägt Józef in einer Bar zusammen. Die Kalinas fahnden dennoch weiter und entdecken, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinde des Ortes zu Kriegszeiten ermordet worden waren: von den polnischen Dorfbewohnern.
Das Verstörendste an Pasikowskis Film ist, dass er auf realen Begebenheiten beruht. Der Regisseur verarbeitet in seinem Drehbuch die Pogrome während der Nazi-Okkupation, darunter das Massaker in der kleinen Gemeinde Jedwabne, 160 Kilometer nordöstlich von Warschau, wo die polnische Bevölkerung am 10. Juli 1941 rund 350 Juden in eine Scheune gesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt hatte. Anderen Schätzungen zufolge sollen sogar bis zu 1600 Menschen getötet worden sein. Der Fall, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs verschwiegen, hatte 2002 international für Aufsehen gesorgt, nachdem der US-Historiker und Nachfahre polnischer Holocaust-Überlebender Jan Tomasz Gross darüber in seinem Buch "Neighbors" berichtete. Auch wenn "Poklosie" mit keinem Wort Jedwabne erwähnt, sind die Bezüge deutlich.
Geschichtsverfälschung oder mutige Aufarbeitung?
67 Jahre nach Kriegsende ist die Zeit der NS-Besatzung noch immer sehr präsent in Polen; sei es, weil sich polnische Staatsanwälte um angeblich von Ausländern gestohlene KZ-Asche kümmern müssen - oder sich die Polen selbst schwer mit antisemitischen Verbrechen wie dem in Jedwabne tun. Offene Diskussionen über Pogrome werden vermieden, stellen sie doch das Selbstbild als Opfer des Nationalsozialismus in Frage. Das Land, das mit 5,6 Millionen Toten die größten Kriegsverluste im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße zu verzeichnen hatte, reagiert empfindlich, wenn es als Land der Mittäter dargestellt wird. Das musste auch US-Präsident Barack Obama feststellen, als er im Mai 2012 bei einer Preisverleihung an Widerstandskämpfer versehentlich von "polnischen Todeslagern" sprach. Der Aufschrei in Polen war groß, der polnische Außenminister verlangte Klarstellung. In einem Brief an seinen Amtskollegen Bronislaw Komorowski entschuldigte sich Obama für die Formulierung und erklärte, er hätte von "Nazi-Todeslagern auf polnischem Boden" sprechen sollen.
Ähnlich emotional verläuft die Debatte um "Poklosie". Obwohl der Film von Altmeistern wie Andrzej Wajda und Roman Polanski mit lobenden Worten bedacht wurde, diffamieren ihn rechtsgerichtete Medien als "Schmähwerk". Die Zeitung "Niezalezna Gazeta Polska", inoffizielles Sprachrohr der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS), veröffentlichte ein Interview mit dem Historiker Bogdan Musial, der dem Regisseur Pasikowski als Geschichtsfälscher und Nestbeschmutzer beschimpft: "Würde sich jemand im Ausland mit einer ähnlichen Geringschätzung über seine Landsleute äußern, wäre er öffentlich gebrandmarkt."
Noch weiter gehen die Anfeindungen im Internet, die sich vor allem gegen Maciej Stuhr richten, einen der Hauptdarsteller des Films. Stuhr, in Polen ein bekannter und bisher beliebter Schauspieler, geriet in den ersten Tagen nach dem Kinostart in einen Shitstorm, wurde - wie seine Filmfigur Józef in "Poklosie" - als "Jude" bezeichnet, was in Polen vielen als Schimpfwort gilt. Ein Angriff, der durch seine Wortwahl die Frage aufwirft, wie tief Antisemitismus in Polen verankert ist - einem Land, in dem im Jahr 2011 die Gedenktafel für das Massaker in Jedwabne geschändet worden war. Dementsprechend verteidigte Stuhr seine Beteiligung an "Poklosie" in einem Interview mit dem Nachrichtensender TVN24: "Die Attacken aus dem Internet sind für mich Beweis dafür, dass man diesen Film machen musste."
Unterstützung erhält der Darsteller von liberalen Zeitungen. Die größte Tageszeitung des Landes, die "Gazeta Wyborcza", lobte den Film als "Exorzismus unseres Gewissens". Und die polnische "Newsweek" sah eine im Kern pronationale Arbeit, die das Ansehen des Landes vergrößern wird: "Nur reife Gesellschaften auf der höchsten kulturellen Stufe sind in der Lage, über Unrühmliches aus ihrer Geschichte zu sprechen."
Pasikowskis "Poklosie" zwingt die Polen, sich mit dieser unrühmlichen Vergangenheit zu beschäftigen. "Der mutigste polnische Film", wirbt das Kinoplakat. Ob es ein großer Film ist, darf bei der einseitigen Stilisierung der Dorfbewohner als Trinkbolde, Schläger, Primitivlinge hinterfragt werden. Wichtig ist er allemal.
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