Antonioni-Klassiker "Zabriskie Point" Nackt im Wüstensand

1970 versuchte Michelangelo Antonioni mit "Zabriskie Point", den revolutionären Geist der Zeit auf Film zu bannen - und erntete die übelsten Verrisse seiner Karriere. Zu Recht? Die Neuauflage der DVD bietet Gelegenheit zur Geschichtsrevision.

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Bei den meisten großen Filmen des italienischen Regiemeisters Michelangelo Antonioni ist sich die Cineastenwelt bis heute einig: "Die Nacht" (1961)"? Maßstäbe setzend. "Die rote Wüste" (1964)? Betörend. "Blow up" (1966)? Unerreicht.

Tja, und dann gibt es da noch "Zabriskie Point" von 1970. Kritikerlegende und Antonioni-Fan Roger Ebert fasste es wie folgt zusammen: "So ein alberner und dummer Film!"

Der Großteil der anderen Kritiker, vor allem in den USA, sah das seinerzeit ähnlich. Antonioni habe das Projekt, einen Film über die Studentenbewegung und deren revolutionäre Motive zu drehen, mit wirrem anti-amerikanischem und konsumkritischem Blick direkt gegen die Wand gefahren, so der Tenor. Sehen wollte das Ganze dann auch keiner, womit der vom Traditionsstudio MGM finanzierte Film auch noch ein böser Kassenflop wurde.

Heute genießt "Zabriskie Point" immerhin unter Cineasten einen Status als Kultfilm und missverstandener Klassiker. Das könnte an der legendären Orgienszene liegen, in der sich plötzlich und unerwartet Dutzende Liebespaare mehr oder weniger nackt durch den Wüstensand wälzen. Oder am spektakulären, apokalyptischen Finale, in dem erst eine Luxusvilla mehrfach und aus mehreren Perspektiven in die Luft gejagt wird, und dann auch noch alle möglichen modernen Konsumgegenstände vom Fernseher bis zum Kühlschrank in Zeitlupe zur Explosion gebracht werden.

An exzellenten Darstellern und einer brillanten Handlung liegt es eher nicht. Mit Mark Frechette und Daria Halprin verpflichtete Antonioni zwei Laien aus der Protestszene, denen, abgesehen von gutem Aussehen, jede schauspielerische Begabung abging. Und das Drehbuch, an dem außer Antonioni noch vier andere Leute herumgedoktert haben, präsentiert eher vage Ideen einer revolutionären Phase als ein ernst zu nehmendes Zeitgeistporträt, die Handlung verliert sich im Nirgendwo: Ein junger Student (Frechette) zieht bei einer Protestveranstaltung eine Waffe, womit er womöglich einen Polizisten tötet. Er stiehlt ein kleines Flugzeug und flieht in die kalifornische Wüste, wo er eine zufällig vorbeifahrende Sekretärin (Halprin) kennenlernt, die seine Ideale teilt, und mit der er sich dann breit über seine halbgaren revolutionären Ideen austauschen kann. Eine kritische Haltung will der Film offenbar sowohl gegenüber der Protestkultur wie auch dem Konsumterror bewahren, was dabei herauskommt, ist aber undefinierbarer Ideologien-Mischmasch.

Die Dialoge gehen in ihrer hölzernen Schlichtheit manchmal an die Grenze des Erträglichen. Trotzdem führt natürlich für keinen Kinoliebhaber der Weg an "Zabriskie Point" vorbei. Denn was Michelangelo Antonioni in dieser absurden Felsenlandschaft im Death Valley für Bilder kreiert, das traut sich heute niemand mehr. Zwischen Fieberwahn-Phantasie und Hippie-Romantik illustriert er eine in sich kranke Welt vor dem Zusammenbruch, jedes Motiv stärker und intensiver als all die schlichten Dialoge zusammen. Dazu ein psychedelischer Soundtrack für den perfekten Rausch, Pink Floyd, Grateful Dead, Rolling Stones. Am besten man macht es sich so gemütlich wie möglich, und lässt sich einfach in dieses Erlebnis fallen, was vielleicht eher ein cineastischer Trip ist als ein gewöhnlicher Film.

Im vergangenen Jahr ist "Zabriskie Point" im Rahmen einer Kabel-Eins-Filmedition schon einmal auf DVD erschienen, im Fernsehformat, mit abgeschnittenen Bildrändern, was nichts anderes ist als ein brutales Verbrechen an der Kunst. Die Neuauflage bietet das verdiente 16:9-Format, so dass die Bilder ihre ganze Pracht entfalten können.

Und wenn es gar nicht anders geht: einfach den Ton ausschalten.


"Zabriskie Point" (Warner), jetzt auf DVD.



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Seite 1
Max Robbe 28.05.2009
1. Kritik nicht Darstellung des Protests
Zitat von sysop1970 versuchte Michelangelo Antonioni mit "Zabriskie Point", den revolutionären Geist der Zeit auf Film zu bannen - und erntete die übelsten Verrisse seiner Karriere. Zu Recht? Die Neuauflage der DVD bietet Gelegenheit zur Geschichts-Revision. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,627145,00.html
Ich sehe diesen Film anders als der Autor des Artikels. Antonioni wollte nicht die Protestbewegung darstellen, sondern kritisieren. Allerdings nicht aus er konservativen Perspektive mit einer gleichzeitige Rechtfertigung des exisitierenden kleinbürgerlichen Miefs. Daher beginnt der Film mit einer fast dokumentarischen Darstellung der gewaltätigen Auseinandersetzungen an der Berkeley Universität (vom Artikelschreiber übersehen, oder verschwiegen?). Die Protagonisten haben allerdings keinerlei Verständnis für den politischen Kampf, klassisch das Zitat bei der Podiumsdiskussin: "Auch ich bin bereit für die Sache zu sterben, aber nicht aus Langeweile" Auch sind die Hauptfiguren nicht bereit, wirkliche Anstrengungen auf sich zu nehmen, um etwas zu erreichen, der Versuch von ihr mit vernachlässigten Kindern zu arbeiten, scheitert an den ersten Schwierigkeiten und er sagt das zweite klassische Zitat: "In dem Moment, wenn ihr glaubt siegen zu können, werde ich mich euch anschließen". Der politische Kampf wird nicht betrieben, dieser würde Nachdenken und Anstrengung bedeuten, daher ergehen sich die Hauptdarsteller in symbolischen Taten, Bemalen des Flugzeugs, freie Liebe im Wüstensand, Gewaltphantasien und Konsumkritik. Deshalb wird am Ende der Toaster gesprengt und nicht das brutale Vorgehen Polizei bekämpft. Ich halte dies für eine gelungene, fast weitsichtige Parabel auf die Studentenbewegungen der damaligen Zeit. Damals den politischen Hntergrund nicht verstanden sind die Mitläufer von damals ja heute zu Stützen des (leider) immer nochexisitierenden kleinbürgerlichen Miefes geworden.
rio_riester 28.05.2009
2. Zustimmung
Ich würde Herrn Sander hier im Wesentlichen zustimmen: Die Bilder / Einstellungen und der Soundtrack machen das Besondere an diesem Film aus. Nicht jeder Zuschauer ist für so etwas empfänglich - aber ich denke, man muß in Bezug auf diese beiden Komponenten (Bilder und Sound) dem Regisseur Antonioni Respekt zollen. Man sieht hieran auch sehr schön, daß Kino - das klassische Kino - eben mehr ist als ein gutes Drehbuch mit guten Schauspielern und einer guten Inszenierung. Nein, Handlung, Figuren und auch Dramaturgie sind eigentlich zweitrangig. Auf die Bilder und den Sound kommt es an: auf die Ausstrahlung und die Atmosphäre, wenn man so will. Da macht es auch nichts, wenn das Drehbuch balla-balla und die Schauspieler einfach nur panne sind.
rio_riester 28.05.2009
3. Einsicht
Zitat von Max RobbeIch sehe diesen Film anders als der Autor des Artikels. Antonioni wollte nicht die Protestbewegung darstellen, sondern kritisieren. Allerdings nicht aus er konservativen Perspektive mit einer gleichzeitige Rechtfertigung des exisitierenden kleinbürgerlichen Miefs. Daher beginnt der Film mit einer fast dokumentarischen Darstellung der gewaltätigen Auseinandersetzungen an der Berkeley Universität (vom Artikelschreiber übersehen, oder verschwiegen?). Die Protagonisten haben allerdings keinerlei Verständnis für den politischen Kampf, klassisch das Zitat bei der Podiumsdiskussin: "Auch ich bin bereit für die Sache zu sterben, aber nicht aus Langeweile" Auch sind die Hauptfiguren nicht bereit, wirkliche Anstrengungen auf sich zu nehmen, um etwas zu erreichen, der Versuch von ihr mit vernachlässigten Kindern zu arbeiten, scheitert an den ersten Schwierigkeiten und er sagt das zweite klassische Zitat: "In dem Moment, wenn ihr glaubt siegen zu können, werde ich mich euch anschließen". Der politische Kampf wird nicht betrieben, dieser würde Nachdenken und Anstrengung bedeuten, daher ergehen sich die Hauptdarsteller in symbolischen Taten, Bemalen des Flugzeugs, freie Liebe im Wüstensand, Gewaltphantasien und Konsumkritik. Deshalb wird am Ende der Toaster gesprengt und nicht das brutale Vorgehen Polizei bekämpft. Ich halte dies für eine gelungene, fast weitsichtige Parabel auf die Studentenbewegungen der damaligen Zeit. Damals den politischen Hntergrund nicht verstanden sind die Mitläufer von damals ja heute zu Stützen des (leider) immer nochexisitierenden kleinbürgerlichen Miefes geworden.
Interessante Interpretation!
Zelamir, 28.05.2009
4. Anmerkungen...
Die eigentliche Idee des Films, die kritische Betrachtung sowohl des Bürgertums wie auch der opponierenden Studentenbewegung, kollidierte seinerzeit ja mit den (homo-) erotischen Vorstellungen Antonioni's, die er in schwelgerischen Bildern genauso im Film unterbringen wollte wie action und politics. So entstand ein Gemenge ohne Schwerpunkt und ohne klare Linie. Die ursprünglich geplante Filmmusik von Pink Floyd, die dem Ganzen einen stärkeren, eindeutigeren Charakter hätte verleihen können, wurde von Antonioni verworfen mit den Worten: 'Das erinnert mich zu sehr an Kirche'. Der geplante Soundtrack hatte etwas von 'Dark Side Of The Moon', an dem Pink Floyd damals schon arbeiteten. So konnte deren Musik den Film auch nicht retten, etwa in der Art, wie Ennio Morricones Soundtracks so manchen mittelmäßigen Film aufgewertet haben. Übrigens: der Hauptdarsteller hieß Mark Frechette, nicht Freshette, und kam 1975 im Knast beim Hanteltraining ums Leben. Aber das nur am Rande..
Stefan Albrecht, 28.05.2009
5. Michelangelo Antonioni
Zitat von sysop1970 versuchte Michelangelo Antonioni mit "Zabriskie Point", den revolutionären Geist der Zeit auf Film zu bannen - und erntete die übelsten Verrisse seiner Karriere. Zu Recht? Die Neuauflage der DVD bietet Gelegenheit zur Geschichts-Revision. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,627145,00.html
Im grossen und Ganzen teile ich im Hinblick auf die Filme von Antonioni die Ansicht von Bruno Cortona (alias Vittorio Gassmann) im Film "Il Sorpasso": "Antonioni, gran regista, ha una bellissima Flaminia Zagato, sul film ..., ci ho dormito": Antonioni ist ein grosser Filmemacher, er hat eine (LANCIA) Flaminia Zagato, bei seinem Film ... habe ich geschlafen". Seine Filme sind immer mystisch und am Ende verlieren sie sich im nichts, so als würde dem Regisseur irgendwann nichts mehr einfallen. Auch Blow Up, dessen Geschichte interessant anfängt, verliert sich irgendwann die Geschichte und zieht sich nur noch in die Länge. Vielleicht haben die Filme von Antonioni ja einen ähnlichen Effekt wie "Panzerkreuzer Potjomkin" im zweiten Fantozzi, bei dem alle einschlafen. Und sobald der Präsentator die Zuschauer fragt, wie ihnen der Film gefallen hat, erfinden sie irgendwas, warum er wahnsinnig toll war. Der einzige der nie was sagt ist Fantozzi. Bis es aus ihm herausbricht: "Panzerkreuzer Potjomkin ist ein Riesenscheiss". Und alle applaudieren ihm. So geht es mir mit fast allen Filmen von Antonioni. Und Zabriski Point war ab einer gewissen Stelle nur noch wirr und ging dann aus wie ein Eselsfurz.
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