Apocalypse Now Redux Licht im Herzen der Finsternis

22 Jahre nach seiner Premiere kommt Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm "Apocalypse Now" erneut in die Kinos - nun in seiner wohl endgültigen Fassung. Das Publikum ist reif dafür, die Zeit sowieso.

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Antikriegsepos "Apocalypse Now": Demontage sämtlicher kriegsrechtfertigender Argumente

Antikriegsepos "Apocalypse Now": Demontage sämtlicher kriegsrechtfertigender Argumente

Palmen unter blauem Himmel, weißer Sand, türkisfarbenes Meer - Idylle am Strand. Doch plötzlich ist da ein fremdes Geräusch. Das peitschende "Wuppwuppwuppwupp" der Rotorblätter zerstört die trügerische Ruhe, Hubschrauber fegen über die tropische Landschaft. Kurz darauf vergeht das Paradies in stummen Flammen aus Napalm. Dazu erklingen leise und meditativ die ersten Akkorde eines Songs von den Doors: "This is the end/ My only friend/ The end..."

Die Anfangssequenz von "Apocalypse Now" ist auch über 20 Jahre, nachdem sie zum ersten Mal einem größeren Publikum gezeigt wurde, fähig, das Blut in den Adern des Zuschauers gefrieren zu lassen. Und auch nach dieser unsanften Einführung kommt es nur langsam wieder in einen gemächlichen Fluss, denn was sich hernach offenbart, ist eine wilde und erschreckende Reise ins finstere Herz der amerikanischen Seele, frei nach Joseph Conrad und gespickt mit ebenso plakativer wie radikaler Kritik an der Doppelmoral moderner, vermeintlich aufgeklärter, westlicher Staaten.

Vor zwei Jahren sah Francis Ford Coppola sein vielfach preisgekröntes und gewürdigtes Antikriegsepos zufällig im Fernsehen und stellte fest, dass es geradezu "zahm und betulich" wirkte. Schnell reifte in dem alten Regisseur der Plan, sein Meisterwerk noch einmal auferstehen zu lassen - diesmal jedoch in seiner "richtigen" Fassung, so, wie er es ursprünglich einmal geplant hatte. Das Ergebnis ist nun unter dem Titel "Apocalypse Now Redux" im Kino zu sehen. Perfektes Timing, wie man angesichts der aktuellen Ereignisse feststellen muss.

Über die Entstehungsgeschichte des Films, über die Drogen, die Dekadenz der Filmemacher, die Widrigkeiten der Natur bei den Dreharbeiten auf den Philippinen und den Beinahe-Ruin des Regisseurs muss an dieser Stelle nicht berichtet werden. "Apocalypse Now" füllt ganze Bücher mit seiner vielschichtigen Signifikanz: Zum einen Höhepunkt der wohl besten Epoche amerikanischer Kinokunst, zum anderen ihr Untergang; einerseits hochgelobtes Antikriegskino, andererseits wirrer Psychedelik-Trip eines größenwahnsinnig gewordenen Filmgenies.

Konsequent an den Rand des Wahnsinns

Playmates im Vietnamkrieg: Sex-Appeal zur Stärkung der Truppenmoral

Playmates im Vietnamkrieg: Sex-Appeal zur Stärkung der Truppenmoral

In der nun 50 Minuten längeren Fassung erleben wir noch einmal die odysseeartige Flussfahrt Captain Willards, der von der US-Regierung beauftragt wird, einen außer Kontrolle geratenen Colonel namens Kurtz zu liquidieren. Wir befinden uns in Vietnam, kurz vor Ende des Krieges oder mittendrin. Was Willard bis zu seiner schicksalhaften Ankunft im Versteck des Colonels erlebt, ist nichts anderes als die grausame Demontage jeglicher Argumente, mit denen jemals versucht wurde, einen Krieg plausibel oder gerechtfertigt erscheinen zu lassen.

Schonungslos und zuweilen philosophisch deckt Coppola alle Lügen auf, zeigt Grausamkeiten wie Absurditäten und führt sein Publikum an der Hand seiner Protagonisten konsequent an den Rand des Wahnsinns, aus dem es keine Rückkehr mehr zu geben scheint.

Neu an "Apocalypse Now Redux" sind - neben diversen kleineren Szenenfolgen - vor allem zwei längere Sequenzen. Die eine zeigt das Zusammentreffen Willards mit einer Gruppe französischer Kolonisten, deren Zeit auf einer Plantage im tiefen Busch an der kambodschanischen Grenze zum Stillstand gekommen ist. Der Kolonialherr der ehemaligen Besatzungsmacht Indochinas verstrickt den eigentlich unpolitischen Kriegszyniker Willard in eine interessante Diskussion. "Warum sind wir hier?", fragt er und gibt selbst die Antwort: "Weil wir um das kämpfen wollen, was uns gehört. Ihr Amerikaner", so fährt er vernichtend fort, "kämpft lediglich um das größte Nichts in der Geschichte der Menschheit."

Die zweite längere Ergänzung geht näher auf das Schicksal der Playboy-Bunnys ein, die zur Truppenbelustigung eingeflogen wurden. Das neu in den Film integrierte Fragment zeigt die drei Frauen in einem verwüsteten Camp, in dem sie notlanden mussten, nachdem ihrem Helikopter das Benzin ausgegangen war. Im Tausch gegen Treibstoff dürfen sich Willards Männer mit den Playmates vergnügen, wobei sich die Sexbomben als naive und verwirrte Mädchen entpuppen, ebenso unschuldig wie die Soldaten, die zum Kämpfen in diesen Krieg geschickt wurden.

Filmszene mit Martin Sheen und Dennis Hopper (ganz links): An der Hand der Filmfiguren an den Rand des Wahnsinns

Filmszene mit Martin Sheen und Dennis Hopper (ganz links): An der Hand der Filmfiguren an den Rand des Wahnsinns

Coppola ging und geht es um die "systematische Aufdeckung einer kulturell tradierten und staatlich funktionalisierten Lüge, die Folter, Verstümmelung und Mord im Namen der Moral oder Vaterlandsliebe nicht nur rechtfertigt, sondern sogar zur ersten Bürgerpflicht ernennt", erklärte er in einem Statement zur Wiederaufführung seines Films im Frühjahr bei den Filmfestspielen in Cannes. Dieses Ansinnen hat auch 22 Jahre nachdem er dort mit "Apocalypse Now" die Goldene Palme gewann nichts an Aktualität eingebüsst. Gerade heute gleichen Coppolas Filmbilder mehr denn je der Realität, wenn attraktive Popstars wie Geri Halliwell zur Stärkung der britischen Truppenmoral eingeflogen werden wie einst die Playboy-Bunnys.

Afghanistan Now?

Die französischen Kolonisten von damals könnten die russischen Afghanistan-Veteranen von heute sein, die ihren amerikanischen Nachfolgern vermutlich Ähnliches entgegenzuhalten hätten. Denn wieder verstrickt sich Amerika in einen Krieg, dessen Ausgang ungewiss ist und dessen wahre Ziele im Dunkeln gelassen werden. Sie werden übertüncht mit patriotischem Zuckerguss und trefflich verdeckt von diffusen Rachegelüsten nach den Terrorangriffen vom 11. September.

Aus Hollywood ist in diesen Tagen keine Kritik zu erwarten, bedenkt man, wie sich die Filmindustrie - wenn auch unbewusst - schon vor Monaten mit propagandistischen Hochglanz-Epen wie "Pearl Harbor" für den nun realen Feldzug gerüstet hat. Umso erhellender, noch einmal einen Blick in die Blütezeit des engagierten Kinos der siebziger Jahre werfen zu können. Vor 22 Jahren löste "Apocalypse Now" vor allem ob der Radikalität seiner Bilder und Eindrücke heftige Kontroversen aus. Heute ist das Publikum nicht nur an schockierende Kino-Bilder gewöhnt, es dürfte - geschult an Golfkrieg, Nahostkrise, Kosovo-Krieg und afghanischer Apokalypse - auch skeptischer gegenüber staatlich lancierter Propaganda und somit offener für Coppolas verstörende Filmrethorik sein. So strahlt "Apocalypse Now Redux" in Zeiten der cineastischen und politischen Finsternis mehr denn je wie ein helles Licht.

"Apocalypse Now Redux". USA 1979/2001. Regie: Francis Ford Coppola; Buch: John Milius und Francis Ford Coppola; Darsteller: Martin Sheen, Marlon Brando, Robert Duvall, Frederic Forrest, Laurence Fishburne, Dennis Hopper; Länge: 203 Min.; Verleih: Constantin; Start: 18. Oktober 2001



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