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04. September 2018, 20:07 Uhr

Doku über Motivationstraining

Wie Kapitalismus zur Religion wird

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Die Teilnehmer brüllen Bob-der-Baumeister-Sätze und zahlen Tausende Euro: Ein Dokumentarfilm über Jürgen Höller untersucht den Reiz von Motivationsseminaren - und findet eine überraschende Erklärung.

Irgendwann im letzten Drittel des Films steht der Motivationstrainer vor der Belegschaft seines kleinen Motivationstrainerimperiums und erläutert den "Gesundheitsbonus" von 2000 Euro, den er seinen Angestellten zum Jahresende ausschütten wird. Den gäbe es "automatisch", allerdings gegebenenfalls mit Abzügen. Wer Raucher ist, dem zieht die Firma 50 Euro ab, auch wenn der "Body Mass Index" nicht im "normalen Bereich" ist, bedeutet das 50 Euro weniger, und pro Krankheitstag gibt es 100 Euro Abzug.

Das System sei aber "so aufgebaut, dass es um die Verbesserung" geht. "Wenn einer sich verbessert, gibt's ne Belohnung", sagt der Chefmotivator. "Wenn einer sich nicht verbessert, hat er keinen Nachteil, aber dann gibt's eben auch keine Belohnung. Das ist ja nicht unfair, oder? Ist das ein faires System?" - "Ja!" rufen die Angestellten.

Sich verbessern, sich voll reinhängen, seinen Traum leben wollen - und dafür in Kauf nehmen, dass die Firma Fettpölsterchen und Rauchwarenkonsum überwacht: Im Universum des Motivationstrainers ist dem, was er "Erfolg" nennt, alles untergeordnet. Jürgen Höller heißt der Mann, in den Neunzigerjahren war er schon mal eine ganz große Nummer, nach einer Pleite wanderte er wegen Insolvenzverschleppung und Veruntreuung von Firmengeldern für ein paar Jahre ins Gefängnis.

Die Öffentlichkeit vergaß Jürgen Höller - und mit seinem Untergang schien auch der ganze Hype um das Motivieren und Selbstoptimieren auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet zu sein. Managertypen, die in großen Hallen in weißem Hemd und Schlips Tausenden von Angestellten ordentlich einheizen und ihnen beruflichen und privaten Erfolg versprechen: Ist das nicht voll Neunziger?

Nun, die Neunziger sind wieder da. Der Motivationstrainer Jürgen Höller ist erfolgreicher denn je. Am Ende dieser kurzweiligen, aber auch beängstigenden Dokumentation, für die die Filmemacher Julian Amershi und Martin Rieck fast zwei Jahre lang Höller aus nächster Nähe verfolgt haben, tritt er in der Olympiahalle in München vor 13.000 Menschen auf und feiert seine triumphale Wiederkehr.

"Es geht mir von Tag zu Tag und in jeder Hinsicht immer besser und besser und besser", ruft Höller zu Beginn des Films einer alpinen Traumlandschaft entgegen. "Ich lebe in Heiterkeit, Freude und Leichtigkeit", ruft er und: "Ich liebe mich vollkommen und bedingungslos so wie ich bin." Jeweils immer drei Mal.

"High Five - ich schaffe das!"

Autosuggestion ist die Methode - in seinen Seminaren wiederholen die Teilnehmer gemeinsam diese Sätze - und steigern sich dabei unter Anleitung Höllers in einen Zustand der Euphorie. "Ich liebe mich", rufen sie, angeheizt von Höller, immer und immer wieder. "Ich ziehe Geld an wie ein Magnet" und "High Five - ich schaffe das!" Und hüpfen. Immer wieder bringt Höller sein Publikum dazu, gemeinsam zu hüpfen und mit den Armen zu schwenken und "I've Got the Power" von Snap oder andere Neunziger-Jahre-Powerhits mitzusingen.

Erfolgreich sein: Das ist das Versprechen, mit dem Höller seine Kunden anlockt. "Was soll das Problem daran sein, wenn man Menschen hilft, erfolgreicher zu sein?", fragt Höller an einer Stelle des Films. Er ist der Messias und verspricht Erlösung. Aber geht es wirklich um Erfolg? Für die, die sich darauf einlassen, schaffen die Seminare des Motivations-Papstes euphorische Erlebnisse - Zustände, in denen sie sich annehmen, sich fallen lassen können, in denen sie einen womöglich frustrierenden Alltag hinter sich lassen und Hoffnung auf eine biografische Wende schöpfen. Die Wenn-du-an-dich-glaubst-schaffst-du-alles-Demagogie Höllers mag einfältig sein, doch der Lohn der Einfalt ist ein seliger Zustand, in dem alle biographischen und alltäglichen Demütigungen von den Teilnehmern abzufallen scheinen.

Der Film denunziert weder Höller noch seine Kundinnen und Kunden, er versucht, das ganze Bild zu zeigen, damit wir dem Rätsel auf die Spur kommen können: Warum machen die das? Warum zahlen erwachsene Menschen Tausende von Euro dafür, dass sie gemeinsam Bob-der-Baumeister-Sätze johlen dürfen?

Höller, der Pleitier, der sich wieder nach oben gekämpft hat, oder sein Meisterschüler Mike Dierssen, der im Film erzählt, wie sein Vater ihm als Teenager die Schuld am Freitod der Mutter gegeben hat, sind role models: Erniedrigte, Gescheiterte, die es geschafft haben, nach oben zu kommen. Je länger man dem Treiben zusieht, desto klarer wird: Für die vielen Menschen, die Höllers Ruf folgen, ist "Erfolg" eine Chiffre. Man verkleidet sich als Büromensch, der Verhaltensregeln für berufliches Fortkommen lernen möchte, doch eigentlich geht es um viel Existentielleres: Es geht um Selbstbewusstsein, Zuwendung, Trost, ja Liebe.

Wer schon immer wissen wollte, wie Kapitalismus zur Religion wird: In dieser unterhaltsamen und oft schwer erträglichen Dokumentation kann man dabei zusehen.


"Der Motivationstrainer" von Julian Amershi und Martin Rieck, 75 Minuten, Dienstag, 4. September, 23:45-01:00 Uhr, Das Erste

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