Doku über Motivationstraining Wie Kapitalismus zur Religion wird

Die Teilnehmer brüllen Bob-der-Baumeister-Sätze und zahlen Tausende Euro: Ein Dokumentarfilm über Jürgen Höller untersucht den Reiz von Motivationsseminaren - und findet eine überraschende Erklärung.

NDR

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Irgendwann im letzten Drittel des Films steht der Motivationstrainer vor der Belegschaft seines kleinen Motivationstrainerimperiums und erläutert den "Gesundheitsbonus" von 2000 Euro, den er seinen Angestellten zum Jahresende ausschütten wird. Den gäbe es "automatisch", allerdings gegebenenfalls mit Abzügen. Wer Raucher ist, dem zieht die Firma 50 Euro ab, auch wenn der "Body Mass Index" nicht im "normalen Bereich" ist, bedeutet das 50 Euro weniger, und pro Krankheitstag gibt es 100 Euro Abzug.

Das System sei aber "so aufgebaut, dass es um die Verbesserung" geht. "Wenn einer sich verbessert, gibt's ne Belohnung", sagt der Chefmotivator. "Wenn einer sich nicht verbessert, hat er keinen Nachteil, aber dann gibt's eben auch keine Belohnung. Das ist ja nicht unfair, oder? Ist das ein faires System?" - "Ja!" rufen die Angestellten.

Sich verbessern, sich voll reinhängen, seinen Traum leben wollen - und dafür in Kauf nehmen, dass die Firma Fettpölsterchen und Rauchwarenkonsum überwacht: Im Universum des Motivationstrainers ist dem, was er "Erfolg" nennt, alles untergeordnet. Jürgen Höller heißt der Mann, in den Neunzigerjahren war er schon mal eine ganz große Nummer, nach einer Pleite wanderte er wegen Insolvenzverschleppung und Veruntreuung von Firmengeldern für ein paar Jahre ins Gefängnis.

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Fotostrecke: Warum machen die das?

Die Öffentlichkeit vergaß Jürgen Höller - und mit seinem Untergang schien auch der ganze Hype um das Motivieren und Selbstoptimieren auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet zu sein. Managertypen, die in großen Hallen in weißem Hemd und Schlips Tausenden von Angestellten ordentlich einheizen und ihnen beruflichen und privaten Erfolg versprechen: Ist das nicht voll Neunziger?

Nun, die Neunziger sind wieder da. Der Motivationstrainer Jürgen Höller ist erfolgreicher denn je. Am Ende dieser kurzweiligen, aber auch beängstigenden Dokumentation, für die die Filmemacher Julian Amershi und Martin Rieck fast zwei Jahre lang Höller aus nächster Nähe verfolgt haben, tritt er in der Olympiahalle in München vor 13.000 Menschen auf und feiert seine triumphale Wiederkehr.

"Es geht mir von Tag zu Tag und in jeder Hinsicht immer besser und besser und besser", ruft Höller zu Beginn des Films einer alpinen Traumlandschaft entgegen. "Ich lebe in Heiterkeit, Freude und Leichtigkeit", ruft er und: "Ich liebe mich vollkommen und bedingungslos so wie ich bin." Jeweils immer drei Mal.

"High Five - ich schaffe das!"

Autosuggestion ist die Methode - in seinen Seminaren wiederholen die Teilnehmer gemeinsam diese Sätze - und steigern sich dabei unter Anleitung Höllers in einen Zustand der Euphorie. "Ich liebe mich", rufen sie, angeheizt von Höller, immer und immer wieder. "Ich ziehe Geld an wie ein Magnet" und "High Five - ich schaffe das!" Und hüpfen. Immer wieder bringt Höller sein Publikum dazu, gemeinsam zu hüpfen und mit den Armen zu schwenken und "I've Got the Power" von Snap oder andere Neunziger-Jahre-Powerhits mitzusingen.

Erfolgreich sein: Das ist das Versprechen, mit dem Höller seine Kunden anlockt. "Was soll das Problem daran sein, wenn man Menschen hilft, erfolgreicher zu sein?", fragt Höller an einer Stelle des Films. Er ist der Messias und verspricht Erlösung. Aber geht es wirklich um Erfolg? Für die, die sich darauf einlassen, schaffen die Seminare des Motivations-Papstes euphorische Erlebnisse - Zustände, in denen sie sich annehmen, sich fallen lassen können, in denen sie einen womöglich frustrierenden Alltag hinter sich lassen und Hoffnung auf eine biografische Wende schöpfen. Die Wenn-du-an-dich-glaubst-schaffst-du-alles-Demagogie Höllers mag einfältig sein, doch der Lohn der Einfalt ist ein seliger Zustand, in dem alle biographischen und alltäglichen Demütigungen von den Teilnehmern abzufallen scheinen.

Der Film denunziert weder Höller noch seine Kundinnen und Kunden, er versucht, das ganze Bild zu zeigen, damit wir dem Rätsel auf die Spur kommen können: Warum machen die das? Warum zahlen erwachsene Menschen Tausende von Euro dafür, dass sie gemeinsam Bob-der-Baumeister-Sätze johlen dürfen?

Höller, der Pleitier, der sich wieder nach oben gekämpft hat, oder sein Meisterschüler Mike Dierssen, der im Film erzählt, wie sein Vater ihm als Teenager die Schuld am Freitod der Mutter gegeben hat, sind role models: Erniedrigte, Gescheiterte, die es geschafft haben, nach oben zu kommen. Je länger man dem Treiben zusieht, desto klarer wird: Für die vielen Menschen, die Höllers Ruf folgen, ist "Erfolg" eine Chiffre. Man verkleidet sich als Büromensch, der Verhaltensregeln für berufliches Fortkommen lernen möchte, doch eigentlich geht es um viel Existentielleres: Es geht um Selbstbewusstsein, Zuwendung, Trost, ja Liebe.

Wer schon immer wissen wollte, wie Kapitalismus zur Religion wird: In dieser unterhaltsamen und oft schwer erträglichen Dokumentation kann man dabei zusehen.


"Der Motivationstrainer" von Julian Amershi und Martin Rieck, 75 Minuten, Dienstag, 4. September, 23:45-01:00 Uhr, Das Erste

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vubra 04.09.2018
1. Ah ja
Tschakka du schaffst es. Wer es nicht verstanden hat worum es dabei geht. Man wird von einem Redner auf der Bühne zum Esel gemacht und mit wolkigen versprechen die wie Mohrrüben vor dem Geistigen Auge der Esel/in stehen richtig viel Geld verdient während alle anwesenden Esel bei jedem du schaffst es wie wild Ihhhh Ahhh schreien und sich freuen. Soviel zum Thema Motivation. Was das Thema dann mit Kapitalismus zu tun hat, hat sich mir nicht erschlossen. Es ist mehr eine Bauernfängerei. Aber mit ein paar Sprüchen du schaffst es, morgen wird ein besserer Tag und du verdienst noch mehr als heute kann man Geld scheffeln, das steht fest. Die dummen sterben nie aus.
MaxWhy 04.09.2018
2. Der Artikel verdient mehr Skepsis als Höller
Als großer Verfechter von gesunder Skepsis, bin ich jemand, der Dinge zuerst hinterfragt. Skepsis bedeutet aber auch sich sein eigenes Bild zu machen und vorm Bewerten erst mal selbst zu testen. Ich habe genau das getan. Vor 4 Jahren war ich selbst zum ersten Mal bei Jürgen Höller. Ich begegnete der Veranstaltung und ihm mit extremer Skepsis, aber wer sich mal wirklich einlässt und seinen „Bewertermodus“ beiseite schiebt, wird vielleicht wie ich eine ganz andere Facette dahinter sehen. Vielleicht sind Menschen wie Höller ja gar nicht die, die eine Meise haben. Vielleicht sind es die anderen, die alles sofort bewerten oder gar verteufeln. Jene die Dinge bewerten bevor sie selbst mal wirklich offen für etwas sind. Ich für meinen Teil habe weit mehr als 10.000€ investiert. Ich habe nicht das Gefühl gewonnen sich mal „fallen zu lassen“ sondern dank des Vermittelten Wissens und vor allem durch genau jene laut dem Autor „schwer erträgliche“ Art ein lukratives Geschäft aufgebaut. Meine Investition hat sich schon heute locker 10-Fach wieder amortisiert. All das hätte ich in dieser Dimension mit diesem Erfolg nie geschafft ohne Herrn Höller. Mein denken war vorher viel zu begrenzt, viel zu klein und viel zu zweifelnd. Wenn man Jürgen Höller vorwirft, dass er Menschen von Dingen träumen lässt die unerreichbar scheinen, dann sollte man vielleicht nicht hinterfragen, ob das für diese Menschen überhaupt schaffbar ist, sondern ob man es selbst ertragen kann wenn andere auf einmal erfolgreich werden weil sie so denken wie man es selbst nicht will. Denn wenn wir ganz ehrlich sind, dann sind es doch meist wir selbst, die sich im Wege stehen, weil wir auf Menschen hören, die uns vielleicht zu oft sagen, was wir alles nicht können. Wer Höller und seine Kunden (heute und nicht in den 90ern) kennt, der weiß, dass das nicht alles Bullshit sein kann.
Franklin H. Wheeler 04.09.2018
3. 360 Grad
Ich finde es sehr bezeichnend, dass sowohl in der Doku "Der Versicherungsvertreter. Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker", als auch in dieser Dokumentation ein enger Mitarbeiter des Protagonisten 360 Grad als die größtmögliche Bewegung bezeichnet. Da fragt man sich wirklich, wo die Bildungsrepublik Deutschland hin ist.
katjanella 05.09.2018
4. A bisserl
"Wer schon immer wissen wollte, wie Kapitalismus zur Religion wird: In dieser unterhaltsamen und oft schwer erträglichen Dokumentation kann man dabei zusehen." Okay, kann man. Aber man auch a bisserl Marx lesen, um Kapitalismus zu verstehen. Kapitalismus ist nämlich a bisserl weniger harmlos als schiere Religion und zum großen Teil auch gar nicht mit der zu vergleichen.
frankherzberg 05.09.2018
5. Gute Dokumentation
Ich habe die Sendung heute zufällig gesehen und fand sie recht kurzweilig und amüsant. Motivationstraining als Ersatzreligion... Höller hat ja auch tolle Vorbilder: Arnold Schwarzenegger, Muhamed Ali und ebend Jesus! (Da musste ich dann schon lachen...) Wobei Jesus sicher ein toller Motivator war, ist... Aber Erfolg und Geld rechtfertigen natürlich allen Quatsch... Gratuliere zu der gelungenen Doku!
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