Filmdrama "Arrhythmia" Sie hassen, betrinken und lieben sich

Boris Khlebnikovs Film "Arrhythmia" erzählt eine stürmische Liebesgeschichte vor dem Panorama einer russischen Gesellschaft, in der nicht nur das Gesundheitssystem kränkelt.

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Der Filmtitel ist ein medizinischer Fachbegriff für das Vorhofflimmern im menschlichen Herzen, das für unregelmäßige, beschleunigte Schläge sorgt und oft eine massive Bedrohung anzeigt. Tatsächlich geht es in "Arrhythmia" knapp zwei Stunden lang um Leben und Tod. Dabei betrachtet der Kinozuschauer zwei junge Menschen bei ihren alltäglichen Beziehungsstreitigkeiten, beim Sex und bei ihrer Arbeit. Oleg (Alexander Yatsenko) ist als Notarzt im Blaulichteinsatz unterwegs und ein schwerer Säufer. Seine Frau Katya (Irina Gorbacheva) ist gleichfalls Ärztin und schiebt Dienst in der Notaufnahme jenes Krankenhauses, in dem Oleg seine Patienten abliefert.

In ihrem Job sind beide Eheleute gut und einig im Kampf gegen den Bürokratiewahnsinn des russischen Gesundheitssystems, privat machen sie sich das Leben schwer. Einmal sieht man die beiden im Auto zur Arbeit fahren, die Frau sitzt am Steuer und stößt plötzlich markerschütternde Schreie aus. Dann stoppt sie im Rush-Hour-Verkehr auf der mittleren Spur der Stadtautobahn, steigt einfach aus und läuft davon in die Plattenbausiedlung am Rand der Straße. Der Mann auf dem Beifahrersitz glotzt trotz des Gehupes um ihn herum erstmal doof vor sich hin.

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"Arrhythmia": Wenn die Liebe zum Notfall wird

Der russische Regisseur Boris Khlebnikov schildert in "Arrhythmia" eine Allerweltsgeschichte in hart realistischen Bildern - und doch mit herzzerreißender, lakonischer Poesie. Die Welt, in der seine beiden Helden sich bewegen, ist voller schroffer, hektischer, schwer angeschlagener Menschen. Während die Kamera Oleg bei seinen Einsätzen begleitet, sieht man betrunkene Männer, denen bei Messerstechereien der halbe Leib aufgeschlitzt wurde; eine um ihr brandverletztes Kind klagende Mutter; eine alte Frau, die von den Ärzten nur mit Mühe vor dem Erstickungstod bewahrt wird.

Profit vor Patienten

Im Gegensatz zu diesem lärmenden Chaos herrscht in dem bisschen Privatleben von Katya und Oleg meistens eine merkwürdige Stille - auch sie ist ein Zeichen der Not. Der Film hat kaum begonnen, als Katya ihrem Mann eine SMS schreibt, in der sie verkündet, dass sie sich scheiden lassen will.

Khlebnikov hat schon 2013 in seinem Berlinale-Wettwerbsfilm "A Long and Happy Life" in Naturbildern von einem Rebellen wider Willen erzählt, der sich damals in einem Dorf mit den lokalen Mächtigen anlegte. In "Arrhythmia" zeigt er nun die Notarzttruppe eines Stadtkrankenhauses irgendwo in der russischen Provinz, die zornig und ohnmächtig erleben muss, dass ihre Arbeit plötzlich auf kapitalistische Effizienz getrimmt werden soll. Ein neuer Abteilungsleiter verlangt unter anderem, dass kein Patient länger als 20 Minuten behandelt werden darf.


"Arrhythmia"
Russland, Finnland, Deutschland 2017
Regie: Boris Khlebnikov
Drehbuch: Boris Khlebnikov, Natalya Meshchaninova
Darsteller: Aleksandr Yatsenko, Irina Gorbacheva
Produktion: CTB Film Company, Mars Media Entertainment, Don Films, Post Control, Color of May
Verleih: déjà vu Filmverleih
Länge: 116 Minuten
Start: 19. April 2018


Zunächst sieht es so aus, als sei Oleg wie seine Kollegen zu zynisch, zu sehr von den Härten seines Job gefordert, als dass er den Kampf gegen den menschenverachtenden neuen Boss aufnehmen könnte. Doch dann lädt er bei einem Einsatz schwere Schuld auf sich - und zieht in einen Krieg, den er nicht gewinnen kann.

Tanzen, trinken, versöhnen

Auf furiose Weise vermischt "Arrhythmia" Gesellschaftskritik und Beziehungsdrama. Man hat den Regisseur Khlebnikov mit dem britischen Klassenkämpferveteran Ken Loach und mit den belgischen Sozialstudienbrüdern Dardenne verglichen; an bitterer Weltsicht ist sein jüngster Film auch denen anderer großer russischer Regisseure wie Andrej Swjaginzew ("Leviathan") ebenbürtig. Möglicherweise unterscheidet sich Khlebnikov von solchen Heroen des Kunstkinos vor allem dadurch, dass er in entscheidenden Augenblicken nicht auf entschiedene Stilisierung setzt, sondern auf eine wunderbare, fast schlampige Beiläufigkeit.

Wie von pathologischer Nervosität getrieben, sieht "Arrhythmia" Irina Gorbacheva - deren junges, trotzdem bereits von Enttäuschung verfinstertes Gesicht eine Sensation dieses Films ist - beim Tanzen oder beim Musikhören zu. Zappelig und unstet beobachtet er seinen trunksüchtigen männlichen Helden bei selbstmitleidigen Versöhnungsversuchen.

So hütet sich Khlebnikov konsequent vor dem Fehler, die kleinen Kompliziertheiten, Glücksmomente und Verrücktheiten, die sein Liebespaar so einzigartig machen, plattzubügeln zugunsten einer Geschichte, die sich natürlich auch als symbolisches Lehrstück erzählen ließe. Vermutlich läuft es im Filmgeschäft wie im Notarztberuf auf die gleiche Grundregel hinaus: Nur wer sich die Einzelmenschen sehr genau ansieht, macht seine Arbeit wirklich gut.

Im Video: Der Trailer zu "Arrhythmia"

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