Ausnahme-Regisseur Jia Zhangke "Je älter wir werden, desto weiter entfernen wir uns von der Heimat"

Mit "Asche ist reines Weiß" gelingt Jia Zhangke, Chinas wichtigstem Filmemacher, ein beeindruckendes Drama über den Umbruch in seiner Heimat. Hier erklärt er, warum er dazu Ufos brauchte und was es mit der Jianghu-Kultur auf sich hat.

Jia Zhangke
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Ein Interview von Dunja Bialas


Zur Person
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    Jia Zhangke, geboren 1970 in der Shanxi-Provinz, China, studierte zunächst Malerei, bevor er an die Filmakademie von Beijing wechselte. Die Filmgruppe, die er an der Filmakademie gründete, gilt als Keimzelle des unabhängigen chinesischen Kinos. Jia dreht seit 1995 Filme, darunter ebenso Dokumentar- und Kurzfilme wie Spielfilme. Mit "San xia hao ren" gewann er 2006 den Goldenen Löwen von Venedig, sein Drehbuch zu "A Touch of Sin" wurde 2013 in Cannes ausgezeichnet. Sein neuester Film "Asche ist reines Weiß" läuft seit dem 28. Februar in den deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jia, es gibt einen sehr überraschenden Moment in "Asche ist reines Weiß": Plötzlich tauchen am Himmel Ufos auf. Das ist reinste Science-Fiction. Sind Ihre Protagonisten Zeitreisende, die in eine Welt gelangen, die sie nicht mehr verstehen?

Jia: Die Ufos sind ein Bild für die Einsamkeit, die der Wandel der Zeit hervorbringt. Die Protagonistin Qiao ist weit gereist, um ihre Liebesprobleme zu lösen, durch drei Provinzen, von Shanxi bis zu den Drei Schluchten, und dann weiter bis in den Nordwesten von China, nach Xinjiang. Je mehr sie sich von ihrer Heimat entfernt, umso größer wird ihre Welt und umso kleiner sie selbst. In Xinjiang kann Qiao sogar die Milchstraße sehen. Die Entfernung von der Heimat und die Verlorenheit in der Welt ist etwas, was wir alle in unserem Leben durchmachen. Je älter wir werden, desto weiter entfernen wir uns von der Heimat, und desto mehr und öfter werden wir das Gefühl von Einsamkeit verspüren, jeder für sich. Ich wollte meine Protagonistin in diesem Moment größter Einsamkeit zeigen, und das auch erfahrbar machen, wie ein Wunder erscheinen lassen. Das sind die Ufos.

SPIEGEL ONLINE: Qiao macht, bis es dazu kommt, einen sehr großen Wandel durch. Am Anfang erscheint sie an der Seite von Bin, beide gehören dem halbweltlichen Milieu der Jianghu an. Ihre Ergebenheit zu Bin ist so groß, dass sie sogar für ihren Liebhaber ins Gefängnis geht und ihm später nachreist. Woher kommt diese Melodramatik in Ihren Film?

Jia: In der chinesischen Gesellschaft ist es üblich, dass man sich in Beziehung zu anderen definiert. Als Tochter oder Ehefrau, als Kollege. Man wird ganz selten sagen: Ich bin ich. Man sucht auch keine anderen Kriterien, um sich zu positionieren. Qiao aber wagt es, sich auf ihrer Reise selbst wahrzunehmen, sich der Welt, der Natur, den Bergen, und dem Fluss alleine auszusetzen. Bin will dann aber nichts mehr von ihr wissen. Mit dem Ende dieser Liebe hat sie ihre Verankerung verloren, und sie muss gezwungenermaßen sie selbst sein. Bis dahin vergehen fast zwanzig Jahre.

Im Video: Die Rezension zu "Asche ist reines Weiß"

Neue Visionen

SPIEGEL ONLINE: Nach ihrer langen Reise wird Qiao selbst zum Zentrum der Jianghu-Gemeinschaft. Was hat Sie an dem Milieu gereizt?

Jia: Ich habe zwei neue Dinge in meinem Film probiert. Zum einen habe ich erstmals aus der Perspektive einer weiblichen Figur erzählt, auch aus feministischer Perspektive, denn sie befreit sich von der Abhängigkeit zu einem Mann. Es geht aber nicht nur um die individuelle Geschichte. Ich versuche auch zum ersten Mal, die chinesische Gesellschaft, die immer noch von Männern dominiert wird, von einer weiblichen Perspektive her zu verstehen und die Dominanz der Männer zu thematisieren. Zum anderen ist "Asche ist reines Weiß" mein erster Jianghu-Film. "Jianghu" ist ein Kernbegriff in der chinesischen Kultur. Immer wieder wird von den Jianghu-Gemeinschaften erzählt, in der traditionellen Literatur bis hin zu den jüngsten Hongkong-Filmen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung haben diese Gemeinschaften?

Jia: Was die Jianghu sind, ist nur schwer zu übersetzen. Sie sind keine Mafia. Vielleicht könnte man sie so beschreiben: Sie funktionieren wie eine Parallelgesellschaft, die sich außerhalb des gesellschaftlichen Regelwerks abspielt. In dieser Jianghu-Welt gibt es eigene Gesetze. Sie leben sehr gefühlsbetont; Sie stehen zu ihrem Wort und verkörpern heldenhafte Werte. Ihr Gott ist Guan Yu, der die Treue und Loyalität verkörpert, man sieht ihn zu Beginn des Films als Figur auf einem kleinen Hausaltar im Büro der Jianghu. Er ist das Zentrum der Gemeinschaft, gibt vor, wie die Jianghu handeln sollen. Aus dieser parallel ablaufenden Jianghu-Perspektive reflektiert die Geschichte, was in der Mainstream-Gesellschaft Chinas im Durchgang der Jahre passiert.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie die wichtigsten Veränderungen? Das schnelle Geld und der aufkommende Kapitalismus ist ja auch bei den Jianghu zu Beginn ein wichtiges Thema.

Jia: Die Werte der Jianghu, die Ehrlichkeit und die Loyalität, gehen in der rasanten Entwicklung Chinas verloren. In meiner Geschichte geht es darum: Wenn alle diese Kernwerte verloren gegangen sind oder sogar zerstört wurden - wie lebt man dann weiter?

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen vom Wandel in China auch auf der Ebene von Energiequellen: Die Kohleindustrie kommt bereits zu Beginn in Shanxi in die Krise, es folgt die Reise zum Drei-Schluchten-Damm, dem großen Wasserkraftspeicher. Schließlich bekommen wir erzählt, dass Bin mit der Atomkraft ökonomisch erfolgreich ist. Wofür stehen die Energiequellen für Sie?

Jia: Das hat mit meinem Hintergrund zu tun. Meine Heimat ist die Shanxi-Provinz, eine der wichtigsten Regionen für den Kohleabbau. Hier ist der größte Wirtschaftszweig die Stromerzeugung, alles dreht sich um Kohle und Strom. In meiner Kindheit habe ich erlebt, wie die Familien unmittelbar davon betroffen waren, wenn der Kohlepreis stieg. Dann hatten wir ein besseres Leben. Wenn er fiel, begannen die Probleme. Die Figur von Bin ist direkt mit diesem Geschäftsfeld verbunden. Er verlässt Shanxi, weil es eine Krise im Kohleabbau gibt, im Tal der Drei Schluchten dreht sich das Leben um Wasser, Energie und Strom. Auch Bins Welt öffnet sich, als er seine Heimat verlassen muss. Dazu wird er erst durch den Energiewandel gezwungen. Ich möchte zeigen, wie die wirtschaftlichen Änderungen auch auf das Leben eines jeden Einzelnen Einfluss haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Kohle taucht auch als "Asche" im Titel Ihres Films auf.

Jia: Mit der rasanten ökonomischen Entwicklung ist in der chinesischen Gesellschaft ein neues Wort entstanden: "Asche" meint all die Leute, die in dieser Entwicklung geopfert wurden, die kleinen Leute, die Individuen. Sie alle sind "Asche", aber sie versuchen, sich selbst treu zu bleiben, ihren moralischen Werten zu folgen. Auch die Gemeinschaft der Jianghu. Aber es ist schwierig, wie wir an Bin sehen.

Der Trailer zu "Asche ist reines Weiß":

Neue Visionen

SPIEGEL ONLINE: Erzählt der Film auch von Ihrem Wandel als Filmemacher?

Jia: Ich bin jetzt 48 Jahre alt. "Asche ist reines Weiß" ist nach "Mountains May Depart"(2015) der zweite Film, den ich mit einer sehr langen Storyline erzähle, von 2001 bis in die Gegenwart. Nur weil ich jetzt in diesem Alter bin, kann ich so lange Zeiträume erzählen. In diesem Film ist also auch mein eigenes Alter zu spüren und die Reise, die ich selbst zurückgelegt habe.



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