Kultur

Anzeige

Missbrauchsvorwurf gegen Asia Argento

Gewalt und Gegengewalt

Ihre Filme handeln von Trauma und Missbrauch - schon früh gestand Asia Argento aber auch ein, selbst am Set schuldig geworden zu sein. Über eine Künstlerin, für die Sexualität immer Zerstörung heißt.

Von

Dienstag, 21.08.2018   14:27 Uhr

Anzeige

Es war ein Gespräch, das vom Rock'n'Roll zum Sex führte. Und vom Sex zur Schuld. Bei einem Interview im Jahr 2014 erzählte mir Asia Argento, wie sie in ihren Teenagerjahren durch den queeren Psychobilly der legendären Band The Cramps ein Ventil für die eigene Sexualität gefunden hatte. Wie ihre Sexualität dann schon als Jugendliche von Regisseuren ausgebeutet wurde und wie schließlich sie selbst schuldig an ihren Darstellern und ihrem Team wurde, als sie einen Film über Gewalt und Missbrauch drehte.

Das Gespräch dauerte lange, Argento rauchte Kette, dann so abrupt wie deutlich die Selbstanklage: "Am Set war ich eine Tyrannin (...) Ich bin an so vielen Leuten schuldig geworden, es brauchte zehn Jahre, bis ich über einen weiteren Film als Regisseurin nachdenken konnte."

Anzeige

Der Film, über den sie sprach, war "The Heart is Deceitful above All Things" aus dem Jahr 2004, Argento spielte darin auch die Hauptrolle, eine strippende, ständig begrapschte Mutter, die ihren kleinen Sohn an Männer weiterreicht, damit diese sich an ihm vergehen können. Ein Missbrauchsopfer, das den Missbrauch organisiert. Der Film war ein Gewaltakt, auch für das Publikum, das hier keine Moral an die Hand bekam.

Argento damals bei unserer Begegnung weiter: "Die Rolle ergriff Besitz von mir, auch wenn ich gar nicht vor der Kamera stand. Zuerst konnte ich das noch auseinanderhalten, quasi als gespaltene Persönlichkeit agieren. Aber dann gewann das Böse Oberhand, und ich verhielt mich zu allen Mitarbeitern wie die Mutter im Film, ich nutzte sie aus, schob sie herum, schrie sie an. Ich war eine Diktatorin."

Anzeige

"The Heart is Deceitful above All Things" war auch der Film, in dem Jimmy Bennett mitgespielt hat, er war beim Dreh sieben Jahre alt. Nun wirft er der Frau, die seiner Filmfigur als Filmmutter sexuelle Gewalt antun ließ, als realer Person sexuelle Gewalt vor.

2013, knapp zehn Jahre nach dem Dreh, Bennett war damals 17, soll Argento ihm in einem Hotelzimmer Alkohol gegeben haben, Oralsex an ihm vorgenommen haben. Dann, so erinnert es Bennett, kam es zu Geschlechtsverkehr. Dokumente, die der "New York Times" vorliegen, besagen, dass Argento später 380.000 Dollar an Bennett überwiesen habe. Argento selbst postete 2013 kurz nach dem Treffen ein Foto auf Instagram: "Glücklichster Tag in meinem Leben, Wiedersehen mit Jimmy Bennett."

"Hass, Scham, Ekel"

Ein Jahr später, als ich mit ihr über den gemeinsamen Film mit Bennett sprach, erinnerte sie zumindest die gemeinsame Arbeit anders. Was von dem verheerenden Projekt bleibt? Argento im Interview 2014: "Hass, Scham, Ekel."

Die Geschichte vom Set ihres Filmes und die möglichen grausamen Verstrickungen in den Jahren danach zeigen, wie heillos Realität und Filmrealität, Gewalt und Gegengewalt bei Argento verquickt sind. Verfolgt man ihre Karriere, fällt es nicht schwer zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Mit acht stand Argento, Tochter des berühmten, kultisch verehrten Horrorregisseurs Dario Argento, das erste Mal vor der Kamera. In ihren Teenagerjahren spielte sie immer wieder sexualisierte Rollen. Sie war noch keine 18, da wirkte sie zum ersten Mal in einem Film ihres Vaters mit: Die von ihr verkörperte Titelheldin in "Aura" muss mit ansehen, wie ihr gesamtes persönliches Umfeld ermordet wird. Ein perfider, reflektierter Thriller über männliche Macht und weibliches Ausgeliefertsein.

Asia Argento wird ihre Rolle danach oft variieren, eine junge Frau als Opfer meist sexuell konnotierter Gewalt. Viele der Filme waren nicht schlecht, möglicherweise waren es aber die Umstände, unter denen sie produziert wurden. Im Interview sagte mir Argento über diese Zeit verallgemeinernd: "Männer lassen dich Dinge tun, von denen du im Nachhinein meist nicht sagen kannst, dass sie gut für dich waren."

Immer kampfbereiter Körper

Dann kam die Phase der Rache, zumindest in der Filmwirklichkeit. In B-Movies wie "B. Monkey" spielte Argento schwer munitionierte, leicht bekleidete Actionheldinnen. Sexualität als Waffe - eine schwierige Angelegenheit, zumal, wenn sie von Männern inszeniert wird. Argento wurde so auch in den USA berühmt und avancierte zur Underground-Ikone, die ihren kampfbereiten Körper - mit immer flächendeckenderen Tattoos und immer größeren Bizepsen - auch in Mainstreamproduktionen zeigte.

Will man sich Argento nähern, ist es wichtig, sich auch noch einmal zu vergegenwärtigen, dass Argentos Aufstieg als Schauspielerin in Italien der Neunzigerjahre parallel zum Aufstieg des Medienmoguls Silvio Berlusconi erfolgte. Berlusconi schuf durch seine TV-Sender eine ganz neue Fernsehwirklichkeit, die auf die Gesellschaft zurückstrahlte. Bei der kürzlich auch in Deutschland gelaufenen Politserie "1993" ist das noch einmal sehr deutlich zu sehen: Es ging um aggressiv ausgestellte Sexualität, aggressiv ausgestellten Wohlstand, aggressiv ausgestellte Macht.

Argento stand mit ihren frühen Arthouse-Rollen außerhalb dieses Systems. Und war doch Teil davon: Berlusconis Boulevardmedien griffen sie gern als Feindbild auf, eine Rolle, die Argento annahm, sie nutzte den negativen Echoraum - mit dem dreckigen, psychotischen Rock'n'Roll der Cramps gegen die neue italienische Werbespot-Welt sozusagen. Ein weiteres Mal: Gewalt und Gegengewalt. Argento nahm die Rolle der öffentlichen Frau an, setzte den perfekten Körperbildern der Berlusconi-Welt eine andere Form von Körperlichkeit entgegen. Oder versuchte es zumindest. Allzu oft wurde ihr Aufbegehren dann doch wieder in den Verwertungskreislauf eingespeist, ihre gefährliche Persona wurde in appetitliche Häppchen zerlegt.

In ihrem ersten eigenen Film, dem semi-autobiografischen Künstlerinnendrama "Scarlet Diva" im Jahr 2000, erzählt sie von diesem Demontageprozess. Die Bilder besitzen eine unangenehme, nur wenig gebrochene Softporno-Ästhetik, die Regisseurin Argento jagt die Hauptdarstellerin Argento durch die Betten der Film- und Medienwelt, Ekstase und Erschöpfung gehen Hand in Hand. Irgendwann fällt die Filmheldin in die Hände eines zwielichtigen US-Produzenten.

Die sexuellen Übergriffe Harvey Weinsteins auf sie selbst hat Argento also schon lange vor ihren Beiträgen zur #MeToo-Debatte thematisiert. 1997 soll sie der Filmproduzent, der auch "B. Monkey" finanzierte, zum Oralsex gezwungen haben, anschließend hatten sie nach Argentos Aussagen mehrmals einvernehmlich Sex. 2017 trat sie als eine der glühendsten Anklägerinnen gegen Weinstein an.

Ist Argentos Glaubhaftigkeit durch die jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe erschüttert?

Mit jedem Filmbild, mit jeder Äußerung hat die Schauspielerin, Regisseurin und Aktivistin deutlich gemacht, dass sie Teil eines Kreislaufs der Gewalt ist. Opfer können Täter und Täterinnen sein. Die Verbrechen, die ihnen angetan werden, werden dadurch nicht relativiert - und die eigenen natürlich nicht legitimiert. In ihrem Film "The Heart is Deceitful above All Things" hatte Argento gerade genau davon erzählen wollen.

In unserem Gespräch 2014 verwies sie am Ende stolz auf ein Tattoo auf ihrem von Projektionen und Proklamationen aufgeladenen Körper, es steht für "Wahrheit". Es gehört zu ihrer Widersprüchlichkeit, dass Asia Argento eine Wahrheit ans Licht bringen kann - und möglicherweise unter einer anderen begraben wird.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH