Underground-Ikone Asia Argento "Ich war eine Diktatorin"

Wenn es um Sex und Gewalt geht, rufen Regisseure bei ihr an: Asia Argento, die Extrem-Diva des europäischen Arthouse-Kinos, spricht über die Bestie in ihr.

REUTERS

Ein Interview von


Zur Person
    Asia Argento, 1975 in Rom geboren, stand das erste Mal im Alter von zehn Jahren vor der Kamera. Ihr Vater ist der Horrorfilmregisseur Dario Argento, in dessen Filmen sie auch auftrat, so in "Aura" (1993) oder "Dracula 3 D" (2012). In fast 60 Filmen ist Asia Argento zu sehen. In den meisten geht es um explizite Gewalt- und Sexdarstellungen, viele liefen auf den großen europäischen Festivals. Die Schauspielerin und Regisseurin wird gleichermaßen von Genre-Fans als auch Arthouse-Anhängern verehrt. Nach den kontroversen Filmen "Scarlet Diva" (2000) und "The Heart is Deteitful Above All Things" (2004) folgt jetzt mit "Missverstanden" ihre dritte Regiearbeit.

SPIEGEL ONLINE: Frau Argento, im Januar kommt Ihr Film "Missverstanden" in die Kinos. Es geht um eine Zwölfjährige, die sich aus Frust über ihre Pubertät in Rockmusik und Bücher flüchtet. Waren Sie auch so ein trauriges kleines Ding?

Argento: Ein noch viel traurigeres wahrscheinlich. Ich hatte nie viele Freunde. Habe ich übrigens immer noch nicht. Ich habe mir meine eigene Parallelwelt aus Büchern zusammengebaut.

SPIEGEL ONLINE: Und Rock und Punkrock waren auch in Ihrer Parallelwelt wichtig?

Argento: Mein erstes Konzert waren die Cramps, vorne vor der Bühne verknoteten sich die Menschen, Sänger Lux Interior steckte sich das Mikro in die Lederhose und rieb sich damit das Genital. Er schien Spaß zu haben. Rock'n'Roll ist eine großartige Erfindung. Ich wusste: Hier bin ich richtig. Ich gehörte keiner Gruppierung an, ich war ein Freak. Aber das war Lux Interior ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Und er war einer der größten Rock'n'Roll-Sänger aller Zeiten, der gern in High Heels und Strumpfhose auftrat. Leider ist er 2009 im Alter von 62 Jahren verstorben. Was bleibt?

Argento: Was bleibt, fragen Sie? Alles bleibt! Ich will nicht pietätlos klingen, aber was ist schon ein Menschenleben gegen ein Kunstwerk? Gemälde, Bücher, Platten, aber auch legendäre Konzerte haben ein viel längeres Leben. Sie überdauern den Menschen. Kunst lebt für die Ewigkeit, Lux Interior lebt für die Ewigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie schön gesagt. Ist dieser Erklärungsversuch nicht auch ein kleiner Selbstbetrug?

Argento: Keinesfalls. Nehmen wir meine Kunst: Als Filmemacherin bin ich wie ein Fluss; was immer ich empfange, aus Büchern, Filmen oder eben aus Konzerten, lagert sich in meinem Flussbett ab. Ich war froh, als ich das erkannt habe. Früher war ich ein böses egomanisches Kind, ich dachte: Mein Auftritt! Meine Geschichte! Mein Film! In Wirklichkeit bist du viel weniger aktiv an dem kreativen Akt beteiligt als du denkst. Das Filmemachen ist ein sehr demokratischer Prozess, wenn man es ernst meint.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das konkret bei Ihrem neuen Film vorstellen?

Argento: Ich führte einen Dialog mit der Drehbuchautorin Barbara Alberti, wir sprachen einfach nur miteinander, und das monatelang. Aus Erinnerungen kreierten wir einen eigenen Kosmos. Als wir dann den Film drehten, tauchten wir und alle am Film Beteiligte in einen kollektiven Traumzustand ein. Jeder wusste genau, was zu tun ist. Vom Beleuchter bis zu den Darstellern.

Fotostrecke

7  Bilder
Asia Argentos "Missverstanden": Streifzüge durch die Nacht
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sagen, Filmemachen sei ein demokratischer Prozess, bei dem man kollektiv einen Traum lebt - haben Sie auch das Gegenteil erlebt: einen Diktator am Set, der einen in seinen Albtraum reißt?

Argento: Wenn ich ehrlich bin, waren die meisten Drehs, an denen ich in den letzten 30 Jahren beteiligt war, schreckliche Erfahrungen: Männer lassen dich Dinge tun, von denen du im Nachhinein meist nicht sagen kannst, dass sie gut für dich waren.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Film spielt Charlotte Gainsbourg eine Hauptrolle. Die kann wahrscheinlich Ähnliches erzählen. Sind Sie als ehemalige Schauspielerin einfühlsamer, wenn Sie Regie führen?

Argento: Schön wär's. Bei meinem zweiten eigenen Film "The Heart is Deceitful Above All Things" 2004 war ich am Set eine Tyrannin. Ich war 27, eine Italienerin in Hollywood. Und sollte auf einmal mit einem großen amerikanischen Team umgehen. Das funktionierte nicht. Ich bin an so vielen Leuten schuldig geworden, es brauchte zehn Jahre, bis ich an einen weiteren Film als Regisseurin nachdenken konnte.

SPIEGEL ONLINE: Lagen die Entgleisungen auch an Ihrer Rolle? Sie waren nicht nur Regisseurin, sondern spielten gleichzeitig eine Stripperin, die ihren kleinen Sohn von Männern missbrauchen lässt.

Argento: Ja. Die Rolle ergriff Besitz von mir, auch wenn ich gar nicht vor der Kamera stand. Zuerst konnte ich das noch auseinanderhalten, quasi als gespaltene Persönlichkeit agieren. Aber dann gewann das Böse Oberhand, und ich verhielt mich zu allen Mitarbeitern wie die Mutter im Film, ich nutzte sie aus, schob sie herum, schrie sie an. Ich war eine Diktatorin.

SPIEGEL ONLINE: Die Konsequenzen?

Argento: Hass, Scham, Ekel und die Erkenntnis, dass ich bestimmte Rollen nicht mehr spielen darf. Das Schlimme: Ich bin diese schreckliche Rolle erst mal nicht wieder losgeworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Argento: Die Leute liebten es, mich in dieser Rolle zu hassen. Immer wenn ich wieder vor die Kamera geholt wurde, musste ich sie irgendwie variieren. Wahrscheinlich hätte ich die Jungfrau Maria spielen können - und es wäre eine Nutte dabei herausgekommen. Wenn es um Sex und Gewalt geht, ruft man immer mich an.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben daran keinen aktiven Anteil?

Argento: Doch, natürlich. Ich war ein sehr schüchternes Kind. Über meine Rollen konnte ich mich öffnen, ich habe über Jahre diese extremen Rollen gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Wobei Sie nicht lange suchen mussten: Ihr Vater ist der legendäre Horrorfilmregisseur Dario Argento. Sie waren noch keine 18, da spielten Sie die Hauptrolle in seinem Film "Aura". Sie sind häufig bei ihm aufgetreten, und oft wurden alle anderen Figuren um sie herum ermordet.

Argento: Aber es waren andere Regisseure, die mich für die Leinwand entdeckt haben. Dabei wollte ich nie Schauspielerin werden, sondern Schriftstellerin. Ich fühlte mich immer extrem unsicher, wenn ich mich exponieren musste.

SPIEGEL ONLINE: Dafür haben Sie aber sehr viele Filme gedreht. Sie sind noch keine 40 und waren bereits an 60 Filmen beteiligt. Oft Hauptrollen, sehr oft unbekleidet. Wie überwindet man die Schüchternheit?

Argento: Bevor ich mit meinem Vater zusammengearbeitet habe, hat er sich kaum um mich geschert. Meine Mutter erst recht nicht. Meine ersten Filmerlebnisse waren dann eine Offenbarung: Jeder am Set kümmerte sich um mich. Das Filmteam wurde eine Art Ersatzfamilie, mein kleines Ego pumpte sich auf. Und es entstieg ihm dieses Biest, das irgendwann nicht mehr zu kontrollieren war.

SPIEGEL ONLINE: Und das haben Sie nun getötet?

Argento: Nein, das kriegst du nicht tot, das kannst du nur ruhigstellen. Das Biest wird immer weiterleben. Manchmal kann es dir vielleicht sogar hilfreich sein.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Weise?

Argento: Als ich anfing vor der Kamera zu stehen, hatte Silvio Berlusconi gerade sein Medienimperium aufgebaut. Italien war fest in seinem Griff, er unterwarf die italienische Kultur seinem Diktat. Die Menschen waren wie Zombies, ferngesteuert von ihren Fernsehapparaten. Meine Rollen waren oft auch ein Aufbegehren gegen die gleichgeschaltete italienische Gesellschaft. Insofern hat mir das Biest auch gutgetan.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sichergestellt, dass den jungen Schauspielerinnen Ihres Filmes "Missverstanden" nicht eine ähnliche Manipulation wie Ihnen wiederfährt?

Argento: Ich habe mit ihnen vor dem Dreh lange Wochenenden verbracht. Ich habe ihnen zugehört, mich mit ihren Ängsten und Träumen beschäftigt. Erwachsene haben Angst davor, sich mit den Verletzungen der Kindheit zu beschäftigen. Die Kindheit muss etwas Heiles sein, das ist es aber nie, es ist ein ganz normaler Lebensabschnitt mit allen möglichen Schrecken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Schrecken im Film, diese extreme Verlorenheit, diese Ignoranz der Erwachsenen, als Kind selbst erlebt?

Argento: Zum Teil. Ich werde den Film jetzt aber nicht autobiografisch aufschlüsseln. Nur den Kinderdarstellern habe ich erzählt, was davon ich selbst bin und was ausgedacht ist. Kinder darf man niemals anlügen.

SPIEGEL ONLINE: Muss man sie aber nicht manchmal vor der Wahrheit schützen?

Argento: Nein, Kinder sind stärker als wir denken. Nur die Lüge vergiftet sie. Sehen Sie das Tattoo auf meinem Arm? Es heißt "Wahrheit". Für mich ist es das erste Gebot gegenüber meinen beiden eigenen Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Ihre dreizehnjährige Tochter spielt auch eine Rolle in "Missverstanden". Keine Angst, sie in die brutale Filmwelt hineinzuziehen?

Argento: Ein Kind macht, was ein Kind will. Sie wollte mitspielen, ich wäre mir komisch vorgekommen, ihr den Wunsch auszuschlagen. Aber gerade gestern, ich war schon auf Reisen, rief sich mich an und erzählte mir, dass sie sich entschlossen hat, lieber nicht Schauspielerin zu werden. Ich gebe zu, ich war erleichtert.



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DerZauberer 29.12.2014
1. Einer der...
...größten Sänger aller Zeiten war also Lux Interior. Jemand, den viele Rock-Fans noch nie gehört oder gar wahrgenommen haben...
bucketfor99 29.12.2014
2. Lux Interior
habe ich anlässlich eines Konzertes in den 80ern im Zürcher Volkshaus gesehen. Als er da mit seinem Ding rumspielte, stieg ein Skinhead auf die Bühne und hat ihn blutig geprügelt. Nachher spielten die Cramps das Konzert zu Ende, als wäre nix geschehen. Long live R'n'R!
ideen 29.12.2014
3. Einer der größten Rock´n Roll Sänger aller Zeiten!!
Zitat von DerZauberer...größten Sänger aller Zeiten war also Lux Interior. Jemand, den viele Rock-Fans noch nie gehört oder gar wahrgenommen haben...
Natürlich war Lux einer der größten Rock´n Roll Sänger aller Zeiten! Ich habe ihn mehrmals live gesehen und werde das nie vergessen, Danke! Für Rock-Fans (bei dem Begriff wird mir schon schlecht) ist das aber sicher nichts!!!
maxi.koch99 29.12.2014
4. Lux Interior?
Noch nie von gehört rock n roll legenden sollte man doch eher an lemmy kilmister und so weiter denken
akagami 29.12.2014
5. Wow
Ein sehr aufschlussreiches Interview mit sehr interessanten Ansätzen... und worüber kommentiert man? Ob Lux eine Legende war oder nicht... Bekanntheit außerhalb einer Szene hat so rein gar nix mit Qualität zu tun... es gibt so viele geniale Künstler (Musik , Literatur, Film etc. ) die nur im kleinen Kreis bekannt sind .... aber naja Wahrheit gegenüber Kindern finde ich auch sehr wichtig. .. Lügen sind oft genug nur die einfache Lösung für den Moment, und auf lange Sicht Gift.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.