"Atlantis" Disneys submariner Höhenflug

Den Wettlauf um die Zuschauergunst wird Disneys neues Zeichentrick-Abenteuer "Atlantis" in diesem Winter gegen "Harry Potter", "Herr der Ringe" und "Monster AG" verlieren. Dennoch weist der ambitionierte Trickfilm mit zahlreichen Innovationen und philosophischen Anklängen in die Zukunft des Genres.

Von Marc Hairapetian


Disneys "Atlantis": Irgendwo in der Gegend um Island...
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Disneys "Atlantis": Irgendwo in der Gegend um Island...

Es scheint symptomatisch für dieses Kinojahr, dass Hollywoods künstlerisch ambitionierteste Großproduktionen kommerziell ein wenig hinter den Erwartungen zurückbleiben. So verhält es sich mit Spielbergs Kubrick-Hommage "A. I." - und so ist es auch mit Walt Disneys "Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt", dessen Einspielergebnis in den USA hinter dem weitaus gefälligeren "Shrek" liegt. Dabei bietet auch "Atlantis" spannend-humorvolle Unterhaltung für die ganze Familie, angereichert allerdings mit einer gehörigen Portion philosophischem Tiefgang.

Seit "Fantasia" (1939) hat es kein derart kühnes Zeichentrickabenteuer gegeben, in dem formvollendete Farbkompositionen und inhaltliche Tiefenschärfe eine Allianz eingehen. Das aus Produzent Don Hahn und den beiden Regisseuren Gary Trousdale und Kirk Wise bestehende Erfolgstrio, das schon "Die Schöne und das Biest" (1991) und "Der Glöckner von Notre Dame" (1996) auf die Leinwand zauberte, erweist sozusagen en passant seinen Lieblingsfilm-Genres seine Referenz: Die Liste reicht von der schwarzen Komödie und dem Dschungel-Melodram aus den Anfängen des Tonfilms über Caper-Movies und Söldner-Filme der sechziger Jahre bis hin zum SF- und Fantasy-Thriller der heutigen Zeit.

Liebe zwischen den Welten: Tagträumer Milo und die atlantische Prinzessin Kida
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Liebe zwischen den Welten: Tagträumer Milo und die atlantische Prinzessin Kida

"Mein Großvater hat immer gesagt: Was von uns bleibt, ist, was wir unseren Kindern als Geschenk hinterlassen", sagt der junge Wissenschaftler Milo Thatch, der als Kartograf und Linguist von seinen älteren Museumskollegen stets ein wenig belächelt wird. Seit seiner Kindheit träumt er davon, den sagenumwobenen Kontinent Atlantis zu entdecken. Der Glaube an die Existenz der versunkenen Stadt hat nämlich eine lange Tradition in seiner Familie. Als er sich schon damit abgefunden hat, im Museumskeller ein tristes Dasein zwischen Staubfäden und Spinnenbeinen zu fristen, erklärt sich unvermittelt der exzentrische Milliardär Preston B. Whitmore bereit, eine Expedition zu finanzieren.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist es dann so weit: Milo, der als einziger ein lange verschollenes, in geheimer Sprache abgefasstes Tagebuch mit neuen Hinweisen auf den Ort des untergegangenen Reiches entziffern kann, taucht mit dem sarkastischen U-Boot-Commander Rourke ("Also gut, wer ist nicht tot? Melden!") und seiner bunt gemischten, mehrere hundert Mann (und Frau!) umfassenden Crew in die Tiefen des Meeres. Bei der waghalsigen Mission wird durch Kämpfe mit Meeresungeheuern ein Großteil der Besatzung dezimiert, bis die übrig gebliebenen Forscher das entdecken, was niemand zuvor geahnt hat: Atlantis existiert nicht nur, seine Bewohner haben unter Nutzung einer anscheinend nicht von dieser Welt stammenden kristallenen Energie die Flutkatastrophe überlebt. Reste der hoch entwickelten Urkultur sind erhalten, doch Atlantis droht Gefahr. Die geheimnisvolle Kraft wird schwächer, so dass der endgültige Untergang der mystischen Stadt nur eine Frage der Zeit scheint.

Digitale Effekte und gemaltes Handwerk: Bisher unbekannte plastische Visualität
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Digitale Effekte und gemaltes Handwerk: Bisher unbekannte plastische Visualität

Während der blinde, 25.000 Jahre alte König ("Die Liebe meiner Tochter ist alles, was ich noch habe") die Expeditionsmitglieder argwöhnisch begrüßt, findet die resolute Prinzessin Kida Gefallen an dem schüchternen Tagträumer Milo. Nur die beiden sind in der Lage, den Schlüssel zur lebenswichtigen Energiequelle zu finden, doch Commander Rourke hat andere Pläne: "Wir sind keine Söldner, sondern an Renditen orientierte Abenteurer", sagt er, um sodann gemeinsam mit seiner unterkühlten Stellvertreterin Helga Sinclair die Schätze von Atlantis zu plündern und Kida zu entführen. Milo, der mit einer flammenden Rede einen weichen Kern hinter der rauen Schale seiner Teamgefährten zu Tage fördert, macht sich zu einer atemberaubenden Verfolgungsjagd auf.

"Atlantis" kommt wie ein lebendiges Action-Spektakel daher, das eher zufällig ins Animationsgewand geraten ist. Der erste Disney-Zeichentrickstreifen im Cinemascope-Format seit "Susi und Strolch" (1955) und "Dornröschen und der Prinz" (1959) erinnert an Realfilme wie "20.000 Meilen unter dem Meer" (1954) und "Jäger des verlorenen Schatzes" (1981). Das innovative grafische Konzept vereint handgemalte 2D- (alle Figuren) und digitale 3D-Effekte (zum Beispiel das Seeungeheuer Leviathan und alle Unterwasserfahrzeuge) zu einer bisher unbekannten plastischen Visualität. Für den Look wurde der für seinen expressiven Stil bekannte Comic-Buchautor Mike Mignola engagiert.

Animierte Persönlichkeiten (Prinzessin Kida): Comic-Künstler Mike Mignola zeichnete verantwortlich
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Animierte Persönlichkeiten (Prinzessin Kida): Comic-Künstler Mike Mignola zeichnete verantwortlich

Auch in anderer Hinsicht betritt Disney mit "Atlantis" Neuland: Niemals hat es so viele unterschiedliche Charaktere in einem Zeichentrick-Film gegeben. Mit dem muskulösen, aber sanftmütigen Bordarzt Dr. Sweet findet die erste afro-amerikanische Hauptfigur Einzug ins Disney-Universum. Ausnahmsweise zu loben ist im Übrigen die wortwitzige deutsche Synchronisation, in der unter anderem Maria Schrader, Erik Schumann und Udo Wachtveitl den Protagonisten ihre Stimmen leihen.

Für die Bewohner der Inselstadt kreierte Linguist Marc Okrand eine mehrere hundert Worte umfassende Sprache, die auf dem nicht mehr gebräuchlichen Indo-Europäisch basiert. Atlantis selbst, das nach Platos Angaben zwischen Sizilien und Libyen gelegen haben soll, im Film allerdings in der Gegend um Island angesiedelt ist, zeigt in seiner Gebäude-Architektur südostasiatische und indische Einflüsse. Mit seinen unzähligen efeuumrankten Steinruinen mutet es wie eine gefallene Paradieslandschaft an.

"Atlantis" ist jedoch nicht nur stilistisch superb gemacht, sondern stellt als einer der wenigen Zeichentrick-Filme grundlegende Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es eine Unsterblichkeit, und was ist sie überhaupt? Das erste Erwachen des menschlichen Geistes wird in einer kunstvollen Rückblende thematisiert - eine Parallele zu Kubricks evolutionsbegieriger Affenhorde in "2001 - Odyssee im Weltraum" (1968) drängt sich förmlich auf.

Zum 100. Geburtstag ihres Gründers hat die Produktionsfirma Walt Disney Pictures sich und den großen und kleinen Zuschauern ein wunderbares Geschenk gemacht.

"Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt" ("Atlantis - The Lost Empire"). USA 2001. Regie: Kirk Wise, Gary Trousdale; Buch: Tab Murphy; Stimmen: Michael J. Fox, James Garner, Cree Summer, Leonard Nimoy (US), Maria Schrader, Stephan Kampwirth, Berno von Cramm, Udo Wachtveitl (D); Länge: 95 Min; Studio: Walt Disney Pictures; Verleih: Buena Vista; Start: 6. Dezember 2001



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