"Atomic Blonde" mit Charlize Theron Kälter als der Kalte Krieg

Erst einmal drei Tage in die Eistonne: Als hypereffiziente und hyperbrutale Agentin metzelt sich Charlize Theron in dem Action-Reißer "Atomic Blonde" durch ein Berlin kurz vorm Mauerfall.


Na klar, ist ja Kalter Krieg! In der Filmadaption von Sam Harts graphic novel "The coldest city" versenkt Charlize Theron ihren nackten Körper mit unbewegtem Gesicht in einer Badewanne voller Eiswürfel. Aus praktischen Gründen - die Killerblondine muss Wunden aus einem eben bestandenen Kampf kühlen. Und ihr überhitztes Herz eventuell auch.

Falls sie überhaupt eins hat. Der Stunt-Coordinator und "John Wick"-Co-Regisseur David Leitch inszeniert in seiner ersten alleinigen Regiearbeit "Atomic Blonde" die MI6-Agentin Lorraine (Theron) als kälteste Frau, die je in hochhackigen schwarzen Kettenstiefeln durch ein Spionageepos stapfte. Oder Männer verhaute. Oder Frauen küsste.

Zusammengehalten wird ihr Treiben von einer Agentenbusiness-as-usual-Handlung: Lorraines CIA-Vorgesetzter (John Goodman) zitiert sie in ein von Schneewehen und Demonstrationen aufgerütteltes Berlin kurz vor dem Mauerfall, um den Verbleib eines Mikrofilms zu klären. Der enthält - was sonst - Namen von Undercoveragenten, und fungiert somit als klassischster aller klassischen Thriller-Kunstgriffe. Zudem muss Lorraine einen ominösen Doppelagenten aufspüren und eliminieren.

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"Atomic Blonde": Lorraine schwingt die Fäuste

Auf dem Weg zum beruflichen Erfolg prügelt sie sich folgerichtig zu Achtzigerjahre-Megahits von New Order, David Bowie und Depeche Mode fast um den Verstand: Mit Eleganz und Leidenschaft choreografiert Leitch die langen, teilweise schnittfrei gedrehten Kampfszenen als brutale, zerstörerische Tänze, bei denen auch mal Bügeleisen und Besenstiele wie ironische Hausfrauenzitate als todbringende Waffen eingesetzt werden können. Und das nicht zu knapp.

Lorraine zur Seite steht der zwielichtige Chef der Berlin-Division David Percival (James McAvoy), der genauso gern die (viel kleineren) Fäuste schwingt wie Lorraine, die Stadt aber besser kennt. Die schöne französische Agentin Delphine (Sofia Boutella), mit der Lorraine das Bett, aber sonst rein gar nichts teilt, ist dabei eine der vielen Nebenfiguren, deren Sinnhaftigkeit nicht ganz klar wird.

Denn Leitch gelingt es - außer in den Kampfszenen, in denen die Handlung pausiert - kaum, die dritte Dimension, die sich ihm durch die Adaption ins Bewegtbild eröffnet, zu nutzen: Seine Figuren bleiben Abziehbilder, die sogar flacher wirken als im Comic, wo man sich diese dritte Dimension ebenso wie die Atmosphäre des Settings gewohnheitsmäßig dazu denkt - genau wie bei der Lektüre eines Buchs.

Lesbische Liebe als Drehbuch-Gag

Der Film jedoch, in dem die fest entschlossene und überzeugend zuschlagende Charlize Theron mit weißblonder Perücke und erstarrter Miene sogar den machohaftesten James Bond-Darsteller wie einen Emo-Musiker beim Therapeuten wirken lässt, fließt seltsam gleichgültig die Ufer der Berliner Landwehrkanals entlang.

Der Drehbuchautor und ausgesprochene Comic-Action-Aficionado Kurt Johnstad ("300"), der nach eigenen Angaben die lesbische Sexgeschichte dem Original-Comic hinzugefügt hat, um seine Agentin interessanter zu machen, zeichnet seine Figuren mit groben Strichen und lässt kaum Platz für Mehrdeutigkeiten. Und Regisseur Leitch hat dem Ganzen nichts hinzuzufügen: Ein Liebesverhältnis mit einem ermordeten Agenten wird angedeutet, aber Lorraines Verhalten bleibt zu professionell kühl, um daraus Schlüsse auf ihren emotionalen Zustand abzuleiten.


"Atomic Blonde "
Deutschland, Schweden, USA 2017
Regie: David Leitch
Drehbuch: Kurt Johnstad, basierend auf den Comics von Antony Johnston und Sam Hart
Darsteller: Charlize Theron, James McAvoy, Eddie Marsan, John Goodman, Toby Jones, Sofia Boutella
Produktion: 87Eleven, Denver and Delilah Productions, Film i Väst, T.G.I.M Films
Verleih: Universal Pictures Germany
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 24. August 2017


Die Schilderung des End-Achtziger Berlins, in dem dunkel gekleidete Deutsche (mit englischem Akzent) durch die Straßen geistern, gerät dagegen manchmal unfreiwillig komisch, manchmal atmosphärisch, aber selten realistisch oder berührend. Immerhin: "Berlin ist eine überschaubare Stadt", sagt ein russischer KGB-Agent, mit dem Lorraine ebenfalls bildstark und gnadenlos aneinandergerät. Die Atmosphäre einer von geheimen Strukturen und konspirativen Machenschaften durchzogenen Stadt, wie es etwa die Serien "Deutschland 83" oder, in der Jetzt-Zeit, "Berlin Station" zu vermitteln vermochten, bleibt bei "Atomic Blonde" behauptet.

Der männliche Blick, der Lorraine verfolgt, immer wieder ihren geschundenen Körper und ihr zerschlagenes Gesicht präsentiert, sie beim Mikrofon-Ankleben bis auf die Netzstrumpfhose mustert und den Sex mit der Liebhaberin wie in einem Achtzigerjahre-Erotikfilm aussehen lässt, wirkt dazu enorm altmodisch: Die sich am stärksten aufdrängende Assoziation ist nicht ein Agentenepos à la "Der Spion, der aus der Kälte kam" und auch nicht ein opulent-freches Comic-Abfeiern wie "Sin City". Sondern eine Campari-Werbung.

Andererseits: Darin würden die Eiswürfel aus der Badewannenszene immerhin zu etwas nütze sein.

Filmtrailer ansehen: "Atomic Blonde"

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insgesamt 10 Beiträge
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hornochse 24.08.2017
1. Das ist es also
Übersuperfrau verkörpert den emanzipierten Aufschrei gegen die alte Männerwelt die mit Ende des Kalten Krieges zerfallen ist. Kloppt die Männer nieder denen man ja zusätzlich auch nicht trauen kann und geht selbstverständlich mit einer Frau ins Bett und natürlich ist sie absolut top in dem was sie tut. Wenn das mal keine tiefen Einblicke in die emanzipierte Frauenwelt Welt beinhaltet die ja allesamt so dermaßen hip sind....
BeatDaddy 24.08.2017
2. Ja, das ist, was die Welt braucht!
Einen weiteren Film aus dem Genre "sinnloses Herumgemetzel". Kein Wunder, dass die Menschheit sich inzwischen auch in der Realität überall, wo es nur geht, die Schädel einschlagen, selbst wenn es nur um einen Parkplatz oder das Vordrängeln an der Tankstellenkasse geht! Und damit die Emanzipation als Erfolg eingestuft werden kann, nehmen wir ein zweites Mal eine Frau... Wundert mich, dass Splatter-King Tarantino noch keine "Macheta" erfunden hat...
thinkhard 24.08.2017
3. Modische Verirrungen
So, die Handlung des Film soll kurz vor dem Mauerfall angelegt sein. Also ende 80er Jahre. Nur die Mode und Frisuren lassen das nicht erkennen. So Sieht man im 5. Bild eine Person mit Schlaghosen. In den 80er trug man Röhren- bzw. Karottenhosen, die eng anlagen. Und kurzgeschorene Haare waren in den 80er auch nicht modisch. Im Gegenteil, das war die Zeit der voluminösen Fönfrisuren, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen.
hefe21 24.08.2017
4. Third Dimension
Liest sich grundsätzlich als wär der Film eine extended Version des Theronauftritts in 2 Days in the Valley, 1996, als sie als ebenso wasserstoffbombige Amazone Teri Hatcher lustvoll verprügeln durfte. Na gut, die dritte Dimension fehlt, aber es ist ein Microfilmfilm, die Erotik aus 80er Jahr Filmen lockt, John Goodman ist ein gut(er) Mann, der Film scheint also nicht für die Eistonne zu sein.
gnarze 24.08.2017
5. Germerkt
Verriss bei Spon bedeutet große Unterhaltung. Bei IMDb wird der Film mit 71% bewertet, bei Rotten Tomatoes mit 75%. Das reicht mir. Außerdem sollen die Kampfszenen wirklich sensationell sein. Agentenaction kommt ja selten mit großer Story aus(die Geschichte der Bondfilme passt oft auch auf ein Blatt Papier)
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