Fatih Akins "Aus dem Nichts" Die zweite Bombe

Mit "Aus dem Nichts" legt Fatih Akin den ersten Kinofilm vor, der den Terror des NSU als Motiv aufgreift. Doch die Vermengung von aktueller Brisanz und erzählerischen Freiheiten wirft viele Fragen auf.

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Vor Beginn von "Aus dem Nichts" sollte man am besten tief Luft holen, denn so viel vor wie dieser Film hat das deutsche Kino in diesem Jahr sonst nicht. Seit sechs Jahren sind Justiz, Untersuchungsausschüsse, Aktionsbündnisse und Medien damit beschäftigt, die Verbrechen des NSU aufzuklären, seit vier Jahren wird am Oberlandesgericht München Beate Zschäpe der Prozess gemacht. Doch nur 106 Minuten müssen bei Fatih Akin und Co-Autor Hark Bohm ausreichen, um diesen Komplex zu einem Film zu verdichten.

Viele wahre Begebenheiten haben in ihrem Drehbuch Berücksichtigung gefunden, zuvorderst der Nagelbombenanschlag der Neonazis in der Kölner Keupstraße. Dort explodierte am 9. Juni 2004 eine mit Nägeln gefüllte Bombe vor dem Friseursalon von Özcan Yildirim - 22 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, unzählige traumatisiert. Im Film explodiert die Nagelbombe, deponiert auf einem Fahrrad durch die Neonazi-Terroristin Edda Möller (Hannah Hilsdorf), vor dem Steuer- und Übersetzungsbüro des knasterfahrenen Deutsch-Kurden Nuri Sekerci (Numan Acar). Er und sein kleiner Sohn sterben, zurück bleibt seine deutsch-deutsche Frau Katja (Diane Kruger).

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"Aus dem Nichts": Wenn nicht Gerechtigkeit, dann Rache

Wer einigermaßen mit der Geschichte des NSU vertraut ist, wird die vielen kleinen Anspielungen, die Akin und Bohm in der Folge einbauen, sofort verstehen. Etwa wenn Witwe Katja gegenüber der Polizei Neonazis als Täter vermutet, die Polizei die Schuldigen jedoch im früheren Freundeskreis des Ehemannes sucht - Erfahrungen, die alle Opfer und Angehörigen des NSU-Terrors kennen. Oder die unkritische Berichterstattung in den Medien, die nicht die Perspektive der Betroffenen hört, sondern die Botschaft der Behörden transportiert, dass es sich um eine unpolitische Tat handeln würde.

Eben solche Erlebnisse und Erfahrungen aus der Zeit nach dem Terror beschreiben die Überlebenden und Bewohner der Keupstraße als zweite, als größere Bombe. Durch jahrelange Ermittlungen in ihrem Umfeld, getrieben durch stigmatisierende und rassistische Ansätze der Fahnder, wurde nicht nur Misstrauen unter den Menschen der Keupstraße gesät, viel mehr noch: wurden aus Opfern potentielle Täter, Mitwisser oder Verursacher.

Drogen gegen den Schmerz

Mit der blonden Deutschen Kruger in der Hauptrolle und als einziger Hinterbliebener kann Akin jedoch nicht von Erfahrungen mit institutionellem Rassismus erzählen. Damit Katja für die Behörden verdächtig werden kann, müssen Drogen bei ihr gefunden werden. Drogen, mit denen sie nur ihren Schmerz betäuben wollte, die sie nun aber als unzuverlässige Zeugin erscheinen lassen.

Jeder und jede kann aus den falschen Gründen ins Visier der Ermittler geraten, betont der Film in diesem Moment - es ist der Wendepunkt, ab dem er sich immer weiter und schneller von den tatsächlichen Ereignissen entfernt. Dauerte es im Fall des NSU vom Anschlag in der Keupstraße bis zur Selbstenttarnung der Täter im November 2011 über sieben Jahre, werden die Täter in "Aus dem Nichts" durch einen Hinweis aus der Familie der Neonazis innerhalb weniger Monate gefasst und vor Gericht gestellt.


"Aus dem Nichts"
Deutschland, Frankreich 2017

Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Hark Bohm
Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar, Samia Muriel Chancrin, Johannes Krisch, Ulrich Tukur
Produktion: Bombero International, Corazon International
Verleih: Warner Bros.
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 106 Minuten
Start: 23. November 2017


Im Gegensatz zur mühsamen Beweisaufnahme im Fall Zschäpe scheint hier zu Beginn des Prozesses denn auch alles klar zu sein: Katja Sekerci hat Edda Möller beim Deponieren des Sprengsatzes gesehen, in der Garage von Ehemann André Möller (Ulrich Brandhoff) werden alle Utensilien zum Bau der Bombe gefunden und die rechtsextreme Ideologie liefert das Motiv. Doch dann tauchen für das Gericht Zweifel auf, Fingerabdrücke einer dritten Person, die nicht identifiziert werden kann und ein griechischer Neonazi der "Goldenen Morgenröte", der dem angeklagten Ehepaar ein Alibi liefert.

Während die Fingerabdrücke noch auf die mögliche Verwicklung Dritter aus Deutschland verweisen, legt der Kontakt nach Griechenland eine andere Gedankenspur: Die Unterstützer der Attentäter sind internationale Neonazis, ihre politische Gesinnung ebenso wie ihre Namen weithin bekannt. Kein deutsches Netzwerk, das wie beim NSU zum Teil Schnittmengen mit Behörden bis hoch zum Verfassungsschutz aufweist und bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist, war hier am Werk.

Die Justiz versagt

Damit verschieben Akin und Bohm das Augenmerk von den Versäumnissen, dem institutionalisierten Wegschauen und den möglichen Straftaten der ermittelnden Behörden im Fall des NSU auf die Justiz - der sie nun wiederum eklatante und wenig plausible Fehlleistungen zuschreiben. Diese Verschiebungen mit den Freiheiten einer fiktiven Filmerzählung zu erklären, funktioniert nur sehr bedingt, denn auch während des Gerichtsverfahrens bedient sich der Film weiterhin bei Motiven des NSU-Komplexes.

Links: Der Schauspieler Johannes Krisch, rechts der Rechtsanwalt Olaf Klemke
DPA

Links: Der Schauspieler Johannes Krisch, rechts der Rechtsanwalt Olaf Klemke

Haberbeck, der überaus aggressiv auftretende Verteidiger des angeklagten Neonazi-Paares im Film (gespielt von Johannes Krisch), etwa hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit Olaf Klemke, dem Verteidiger vom im Zschäpe-Prozess Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Bis zum Ende des Gerichtsverfahrens wird "Aus dem Nichts" durch solche Anspielungen an reale Menschen, die Anschlagsopfer, Angehörigen, Ermittler, Richter, Neonazis und Anwälte sowie die Orte und Taten getragen. Doch danach betritt Akin Neuland und beginnt im letzten Drittel eine Erzählung von Selbstjustiz und Rache, in der sich der Film völlig verliert - bis ein letzter, via Texteinblendung explizit gemachter Verweis auf die Mordopfer des NSU ihn wieder in unsere Gegenwart zu holen versucht.

Letzte Option Selbstjustiz?

Persönliches Drama oder politischer Film? "Aus dem Nichts" ist beides und beides auch nicht. Er rennt durch die Szenen, erklärt spätestens ab dem Gerichtsverfahren wenig und hinterlässt das Bild einer Frau, deren letzte Option, mit letzter Kraft, die Selbstjustiz zu sein scheint.

Mit der starken Diane Kruger, die in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet worden ist, wäre Raum für beide Erzählweisen, für das Politische und das Persönliche, gewesen. Doch Akin lässt die Zuschauer mit vielen Fragen allein: Hätten die Ermittlungen im Familien- und Freundeskreis wirklich jeden, also auch Menschen ohne Migrationshintergrund, treffen können, wie es der Film suggeriert? Sind deutsche Gerichte nicht in der Lage, die Aussagen griechischer Neonazis einzuordnen? Ist Selbstjustiz eine Option? Wenn ja, warum?

Zu all diesen Fragen positioniert sich der Film nicht. Dafür haben Akin und Kruger ihren Film in Interviews erklärt. Zu der Entscheidung, eine weiße Hauptfigur zu nehmen, hat Akin gegenüber der taz gesagt, dass es ihm um größtmögliche Identifikation beim Publikum ging. Diese hätte er einer nicht-weißen Figur nicht zugetraut und auch sonst keinen Bedarf für eine diversere Besetzung gesehen: "Wer von Rassismus betroffen ist, kann sich mit dem Vorfall und dem Schmerz sowieso identifizieren." Kruger betont ebenfalls das Universalistische des Films: "Das Erschreckende ist, dass dieser Film überall spielen könnte. In Amerika, in Frankreich oder sonst wo auf der Welt", sagt Kruger im aktuellen SPIEGEL.

Ein NSU-Film, der überall spielen könnte und von rassistischen Erfahrungen erzählt, die nicht an Herkunft oder Hautfarbe gekoppelt sind: Nur wer das nicht als Widerspruch empfindet, wird "Aus dem Nichts" als gelungenen Film betrachten.

Im Video: Der Trailer zu "Aus dem Nichts"

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
rme 23.11.2017
1.
Es sollte kein Dokumentarfilm werden, oder?
peterpeterweise 23.11.2017
2. Selbst denkender Zuschauer nicht vorgesehen?
Zitat: Doch Akin lässt die Zuschauer mit vielen Fragen allein ... Entschuldigung, aber wenn ich einen Film sehe, dann möchte ich gern selbst denken. Ein Filmemacher der den Film zu einer Unterrichtsstunde mit Erziehungsauftrag macht, der sollte lieber Politiker werden.
frida1209 23.11.2017
3. Keine Doku
Du meine Güte. Das ist ein Spielfilm und keine Doku über den NSU. Fiktion eben. Und Fatih Akin braucht sicher keine Belehrung über den Stoff durch voreingenomme Kritiker.
hedele 23.11.2017
4. Was ist Rassismus?
Zitat: "Ein NSU-Film, der überall spielen könnte und von rassistischen Erfahrungen erzählt, die nicht an Herkunft oder Hautfarbe gekoppelt sind". Das genau ist der Punkt. Richtiger: "Die nicht an türkische Herkunft oder dunkle Hautfarbe gekoppelt sind". Das Kernmerkmal des Rassismus ist ja nicht so sehr, wer als Opfer infrage kommt, sondern dass willkürlich Grenzen zwischen "denen" und "uns" gezogen werden - das kann einem auch als Weißer unter Schwarzen passieren und ist mir auch schon so passiert. Der Punkt ist, dass unsere kulturelle Bildung uns befähigen muss, angeborene Urinstinkte zu überwinden, ansonsten wären wir in einer Welt mit 7 Mrd. Mitbewohnerin nicht lebensfähig und müssten wieder zurück in den Dschungel und Giftpfeile schnitzen.
noalk 23.11.2017
5. Ich bin auf den Film gespannt
Aus der Kritik schließe ich, dass sich der Film des Themas Neonazi-Gewalt annimmt, inspiriert vom Fall NSU. Er lehnt sich daran an, ohne dessen Historie nachspielen zu wollen, sondern spinnt um die "Idee" eine eigene Handlung. Die Einbeziehung der Selbstjustiz-Thematik scheint mir ziemlich interessant. Da ja wohl kaum ein Zuschauer sich mit den Details des NSU auskennt, sehe ich den Plot des Films erstmal nicht so problematisch. Ich werde ihn mir jedenfalls anschauen.
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