Außenseiterfilm "Der Dorflehrer" Nerviger Feingeist

Ein schwuler Lehrer nimmt sich an einer Dorfschule eine Auszeit vom Beziehungsstress, gerät aber auch in der Provinz in die Gefühlszwickmühle. Mit viel Vorschusslorbeeren startet "Der Dorflehrer" in den deutschen Kinos. Vielleicht waren es ein bisschen zu viele.

Neue Visionen / Cinetext

Von Andreas Banaski


Der typische Festivalpreisträger sieht ja oft so aus: Eine unabhängige, spartanisch budgetierte Produktion widmet sich feinnervig den Problemen eines Außenseiters. Mit "Der Dorflehrer", bester Schwulenfilm beim Festival in Reykjavik, aber auch in Cottbus und Stockholm ausgezeichnet, liegt nun ein weiteres Beispiel vor.

Obwohl der einheimische Film in Tschechien einen Marktanteil von bis zu 25 Prozent erreicht und auch mal Hollywood-Kassenknüller kommerziell abhängt, ist die Lage für einen impressionistischen Autorenfilm wie den "Dorflehrer" des Regisseurs Bohdan Sláma - auch wenn frühere Filme dieses "großen Talents" ("Los Angeles Times") schon bei Festivals prämiert wurden - doch so angespannt, dass für die Finanzierung Zuschüsse aus Deutschland und Frankreich nötig waren.

Zumal die emotionale Gemengelage so "pikant" ist: Ein Prager Lehrer, schwul, aber noch nicht ganz aus sich herausgekommen, nimmt sich an einer Dorfschule eine Auszeit vom Beziehungstumult und seiner dominanten Mutter, gerät aber auch in der Provinz in die Gefühlszwickmühle.

Kulmination im sexuellen Übergriff

Eine wettergegerbte, sinnenfrohe Bäuerin zieht den deutlich jüngeren, zartfühlenden, leicht entrückten Großstädter den derben Landgesellen vor, doch der Lehrer hat ein Auge auf den Teenagersohn der Landwirtin geworfen, der wiederum im Gerangel mit seiner Freundin liegt. Das Ganze kulminiert im sexuellen Übergriff, der dann ausdiskutiert wird.

Dem Lehrer steht dabei eigentlich nicht seine Sexualität, sondern vor allem er selbst im Weg. Sein Yuppie-Ex-Lover, ein eher grober Schlingel, der als Feindbild im Sportcabrio angerauscht kommt, geht dagegen mit seinem Eros wesentlich entspannter um. Den fand dann auch die "World Socialist Web Site", ohnehin eine Fundgrube für abseitige Filmkritiken, ganz gegen den sonstigen Rezensententenor irgendwie aufregender: "Aus seiner Selbstsucht, die zeitweise Schwung in den Film bringt, spricht das wahre Leben." Auch die kauzigen Nebencharaktere, die bisweilen an burleske Klassiker wie Milos Formans "Feuerwehrball" erinnern, und überhaupt das ganze dralle Landleben geben mehr her als der verklemmte Naturwissenschaftler, dessen "Unentschiedenheit, seine Zerrissenheit zwischen Vernunft und Verlangen" (O-Ton Presseheft), um das mal ganz unsensibel auszusprechen, mit der Zeit doch nerven.

Weil aber etablierte Feuilletonisten, zum Beispiel in der "Los Angeles Times" oder "New York Times", den "Einblick in das menschliche Herz" und die "emotionale Wucht", die "empfindsame Umsetzung" und die "intuitive Wahrhaftigkeit" rühmen, muss man wohl doch bilanzieren: eine rundum dicke Empfehlung für notorische Programmkinobesucher und Studienräte.



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Haio Forler 27.08.2009
1. .
Na, das wird ja ein Kitsch sein. Aber zum Glück geht's um Schwule, da haben wir dann doch noch ein wenig Sozialkritik. Und die hebt bekanntlich noch die kleinste Stange.
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