Massentourismus in Gedenkstätten Sind Selfies im KZ okay?

Wie gedenken Menschen des Holocausts? Der Dokumentarfilm "Austerlitz" beobachtet die Besucher der KZ-Gedenkstätten Dachau und Sachsenhausen. Es sind 90 verblüffend aufwühlende Minuten.

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Am Anfang regiert die Polemik. Verschwitzte Menschen in Shorts und T-Shirts quellen durch die Tore der KZ-Gedenkstätten von Dachau und Sachsenhausen. Sie sehen aus, wie Menschen im brüllend heißen Hochsommer immer schon ausgesehen haben, nämlich unvorteilhaft, und machen das, was Menschen mittlerweile immer machen, nämlich Selfies.

Dass das vor einem Tor mit der Inschrift "Arbeit macht frei" unangemessen ist, ist die große Übereinkunft mit dem Publikum, auf die Regisseur Sergej Loznitsa seinen neuen Film "Austerlitz" gründet. Es ist eine naheliegende, billige Übereinkunft. Zu leicht kann man sich vorstellen, wie anders die Bilder im Winter aussähen, wenn die Touristenströme ausdünnen und kaum mehr Menschen einen Ausflug zu den Gedenkstätten bei Berlin und München unternehmen. Einzelne Personen in den leeren Weiten der Anlagen, vor Kälte und Ergriffenheit zitternd, schon ließe sich viel schlechter argumentieren, dass der bildungsbürgerliche (Selbst-)Anspruch des pietätvollen Gedenkens wohl verloren gegangen sei.

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Dokumentarfilm "Austerlitz": Schrecken im Gesicht

Doch Loznitsa will vorführen. Deshalb hat er den Sommer als Spielzeit für seinen Dokumentarfilm gewählt, dazu noch das Stilmittel des Standbilds gewählt. Bewegung wird allein durch das unaufhörliche Gedrängel der Touristenmassen erzeugt, und das Ganze ist dann auch noch in Schwarz-Weiß gefilmt. Besonders durch die Farbwahl wird die akute Gegenwart, die Touristen an jeden Ort bringen, zurückgewiesen und auf die Geschichte gepocht. Mehr noch, Gegenwart wird geradezu karikiert: Ohne ihre bunten Farben wirken die T-Shirts der Besucher noch dämlicher, weil so schrecklich freizeitorientiert und freudlos zugleich. Dass darüber hinaus auf vielen auch noch Slogans wie "Cool Story, Bro" oder "Ich habe die rote Hochzeit überlebt" zu lesen sind: wieder diese Übereinkunft, dass das nun wirklich unangemessen ist.

Wer sich dem Gefühl der moralischen Überlegenheit nicht hingeben mag, wird sich schon in den ersten Szenen von "Austerlitz" fragen, welcher Vorwurf den einzelnen Menschen genau zu machen ist, wenn sie im Gedrängel nicht die Ruhe finden, um sich die Grausamkeit des Holocaust zu vergegenwärtigen. Umso überraschender und beglückender ist es, dass sich "Austerlitz" nach seinen anfänglichen, auch ideologisch statischen Einstellungen zu öffnen beginnt.

In einer überaus feinen, emotional präzisen Dramaturgie führt Loznitsa, ohne vom Gebrauch des Standbilds abzuweichen, weg vom Trubel hin zu den Gedenkstätten selber. Die Bilder fangen an, die brutale Architektur zu erfassen, schauen in die Baracken, lassen den Anblick der Öfen wirken. In anderen Szenen, in denen Reisegruppen ihren Guides zuhören, tritt die geschickt nachbearbeitete Tonspur hervor und liefert anhand der Ausführungen der Reiseführer weitergehende Informationen zu den jeweiligen Orten.

"Austerlitz"

    Deutschland 2016

    Buch und Regie: Sergej Loznitsa

    Kamera: Sergej Loznitsa, Jesse Mazuch

    Produktion: Imperativ Film, Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien (BKM), German Federal Film Board

    Verleih: Déjà-vu Film

    Länge: 94 Minuten

    FSK: Ohne Altersbeschränkung

    Start: 15. Dezember 2016

In solchen Momenten tritt der Doppelcharakter von "Austerlitz", benannt nach dem Roman von W.G. Sebald, besonders deutlich zutage: Der Film beleuchtet Mechanismen, Konstellationen und Konventionen des Gedenkens - und wird, indem er das Beobachtete dokumentiert, selber Teil davon.

Dass er Gefahr läuft, sich in dieselben Widersprüche zu verstricken, die er kritisch erfasst hat, ist Loznitsa durchaus bewusst. Wenn der Regisseur und sein Co-Kameramann Jesse Mazuch ihre Kamera immer wieder auf die Handys und Kameras der anderen Besucher richtet, ist darin auch sanfte Selbstironie enthalten: Denn was macht er schon substanziell anderes, als eben auch draufzuhalten?

Am Ende seiner 90 Minuten Laufzeit stellt "Austerlitz" die Frage nach dem angemessenen Gedenken noch einmal neu und vielfach ausdifferenzierter. Teilweise liefert er auch eine Antwort: In einer Szene beobachtet er eine junge Frau dabei, wie sie allein vor einer mit Informationstafeln ausgestatteten Ecke zum Stehen kommt. Um was für eine Stätte es sich handelt und was auf den Tafeln steht, ist nicht im Bild. Man sieht nur, wie der Blick der Frau zwischen Stätte und Tafeln hin und her wechselt. Sie liest und guckt und versucht immer wieder, das Gelesene mit dem Gesehenen zur Deckung zu bringen. Währenddessen setzt sich Schrecken in ihrem Gesicht fest. Ob aufgrund der Tatsache, dass es ihr gelingt, die Taten an diesem Ort zu begreifen, oder weil sie eben das nicht schafft und vor der Unfassbarkeit der Verbrechen erschreckt, ist nicht zu klären.

Es ist einer der großen kathartischen Momente des Kinojahres. Weil er beruhigt, dass es Menschen gibt, die aus ihrem Besuch der Gedenkstätten trotz Massentourismus Substanzielles mitnehmen, und weil er aufwühlt, indem er einen daran erinnert, wie man selbst immer wieder damit ringt, die Dimensionen des Holocaust zu erfassen.

Im Video: Der Trailer zu "Austerlitz"

Zum Schluss quellen die Menschenmassen wieder aus den Toren hinaus, immer noch leichtbekleidet, immer noch fotografierfreudig. Jetzt sieht man in ihnen aber nicht mehr, wie anfänglich, die Horde, sondern ist selbst tief in die Auseinandersetzung mit den Gedenkstätten verstrickt. Vom Gedenken der anderen zum eigenen: Klüger, überraschender, dringlicher könnte "Austerlitz" nicht sein.

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