Autorenfilm "Der Junge mit dem Fahrrad" Diesmal mit Ausweg

Mal ein versöhnliches Werk von den Spezialisten für sperrige Sozialdramen: In "Der Junge mit dem Fahrrad" erzählen die preisgekrönten Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne von einem einsamen Kind in einer Kleinstadt, das Hilfe braucht - und findet.

Von Ilse Henckel


Cyril ist elf Jahre alt und allein. Eigentlich hat er einen Vater, doch der hat ihn in ein Kinderheim abgeschoben. Nur für einen Monat, wie er sagte, doch jetzt ruft er sein Kind weder an, noch lässt er sich blicken.

Der Junge ist störrisch und aggressiv, ein Nervenbündel; das Heimpersonal hat ihn nicht im Griff. Eine unbändige Lebenswut hat ihn im Griff und lässt ihn nach seinem Vater suchen. Und nach dem Fahrrad, das der ihm einst geschenkt hat und an dem er mit Leib und Seele hängt.

Cyril (Thomas Doret) schwänzt die Schule, haut ab in seine alte Wohnsiedlung. Als die Heimpädagogen ihn von dort zurückholen wollen, flitzt Cyril und landet in einer nahen Arztpraxis. Zum Glück, denn dort bekommt er unverhofften Beistand von der jungen Friseurin Samantha (Cécile de France). Er überzeugt sie, mit ihm und seinen Betreuern in die väterliche Wohnung zu fahren, denn er will nicht glauben, dass die wirklich leer steht. Doch sein Vater ist verschwunden. Unbekannt verzogen, wie der Hausmeister sagt. Auch das Fahrrad ist weg.

Fotostrecke

3  Bilder
Autorenfilm "Der Junge mit dem Fahrrad": Diesmal mit Ausweg

Wenig später besucht Samantha den Jungen im Kinderheim. Sie hat sein Rad bei einem Jungen in Cyrils Wohnsiedlung entdeckt und bringt es ihm mit. Eine gute Tat mit Folgen: Sie solle sich doch weiter um ihn kümmern, verlangt Cyril. Die wenigsten würden sich darauf einlassen. Samantha tut es.

Gute Tat mit Folgen

Sie nimmt das Kind an den Wochenenden in ihre Obhut. Und wird ihn stärken, wenn er seinen Vater konfrontiert. Sie wird ihn stützen, als sein Rad geklaut wird. Und auch nicht fallenlassen, als er sich einer Jugendgang anschließt und abzurutschen droht. Sie wird aber auch hellere Momente hinter Cyrils Unrast entdecken - wenn er sein kann, was er eigentlich sein sollte: ein wacher Junge mit Lust am Leben.

Gemessen an den früheren, wesentlich spröderen Sozialdramen der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne (etwa "Rosetta" und "Das Kind", die beide in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden), wirkt "Der Junge mit dem Fahrrad" geradezu versöhnlich. Statt der üblichen Ausweglosigkeit präsentieren die Filmemacher diesmal tatsächliche Heilmittel gegen die Trostlosigkeit ihres unterprivilegierten Helden: Verantwortungsgefühl, Geduld und Zuwendung.

"Der Junge mit dem Fahrrad" ist ein modernes Märchen, von einem der auszieht, mit Hilfe einer guten Fee und einem Fahrrad sein Selbstvertrauen wieder zu finden. Und der 13-jährige Hauptdarsteller meistert seine Rolle mit Bravour, besonders, wenn er im roten T-Shirt durch die Stadt saust und sich die geballte Wut aus dem Bauch strampelt.

Für diesen bewegenden, warmherzigen Film gab es 2011 in Cannes statt der Goldenen Palme den großen Preis der Jury. Es ist eine spannende, in klaren Bildern erzählte Geschichte, die ins Gemüt trifft und nicht zu viele Fragen stellen will. Wo zum Beispiel Cyrils Mutter steckt, bleibt im Dunkeln; warum sich Samantha so selbstlos auf einen Rotzbengel einlässt und sich seinetwegen gar von ihrem Freund trennt, bleibt einzig ihre Sache.

Und wann der Knabe endlich lernt, sein Fahrrad abzuschließen, fragen sich höchstens die Zuschauer.


Der Junge mit dem Fahrrad. Start: 9.2. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Mit Thomas Doret, Cécile de France.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.