Kino-Event "Avengers: Infinity War" Das Marvel-Universum zittert und bebt - aber es hält

Mehr Stars, mehr Action, mehr Spektakel: Ist Marvels Mega-Blockbuster "Avengers: Infinity War" der Film, der Hollywoods Superhelden-Blase mit schierer Überladung zum Platzen bringt? Erstaunlicherweise nicht.

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Erdbeben? Flugzeugabsturz? Brennende Hochhäuser? Pah! Fast schon niedlich wirken die mit zahlreichen Top-Stars besetzten Hollywood-Events der Siebzigerjahre, darunter "Airport" und "Flammendes Inferno", gegen den überdimensionierten Katastrophenfilm "Avengers: Infinity War". So gigantisch, ja galaktisch ist die Bedrohung, mit der sich darin nicht nur die Erde, sondern das ganze Universum konfrontiert sieht, dass es mehr als nur normale Menschen braucht, um sie zu bewältigen. Superhelden halt. Und davon hat das Comic-Archiv von Marvel und Mutterfirma Disney jede Menge zu bieten.

Zehn Jahre und 18 ineinander verwobene Filme lang hat Marvels Fimstudio unter Führung des visionären Produzenten und leidenschaftlichen Fanboys Kevin Feige auf diesen vorläufigen Höhepunkt eines beispiellosen Experiments hingewirkt: den das Publikum fesselnden Crossover-Effekt von Comic-Heftreihen aufs Kino zu übertragen. Begonnen hat alles 2008 mit dem Indie-Film "Iron Man". Inzwischen hat Marvel mit Helden-Vehikeln wie "Avengers", "Guardians of the Galaxy" oder zuletzt "Black Panther" bis zu 15 Milliarden Dollar umgesetzt - Popkultur-Geschichte geschrieben und Hollywoods Blockbuster-Industrie neu definiert.

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"Avengers: Infinity War": Ewige Helden

Jetzt wartete eine neue Herausforderung: die erfolgreich etablierten Helden, insgesamt rund 20 Charaktere, in einen einzigen, 150 Minuten langen, laut Schätzungen bis zu 400 Millionen Dollar teuren Film zu stopfen, der überrascht und begeistert. Auch wenn Marvel - im Gegensatz zum weitgehend glücklosen Konkurrenten DC/Warner - mehrfach bewiesen hat, dass es über genügend Talente und Chuzpe verfügt, dieses "Cinematic Universe" mit Witz und Wow-Effekten zu füllen: Ist nun vielleicht der Zeitpunkt erreicht, an dem die Superhelden-Blase an ihrer Überladung und Megalomanie zu implodieren droht?

Um es kurz zu machen: Nö. Im Gegenteil: Der dritte "Avengers"-Film lässt das Marvel-Universum erzittern und erbeben, aber es hält auch dieses erneute Aufpumpen aus. So schnell die Geschichte des Films erzählt ist, umso mehr Spaß macht es, dabei zuzusehen, wie die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen Feely ihre einzelnen Elemente unter der sicheren Regie von Anthony und Joe Russo ("Captain America" -Filme) in Position bringen und dann in eine letztlich zwingende und mitreißende Dynamik versetzen.

Kein leichtes Unterfangen, bedenkt man die schiere Figurenfülle samt zugehöriger Charakteristika, die zu jonglieren war. Allein die Zahl der beteiligten Topstars ist so absurd wie einzigartig: Zu den "Avengers" (u.a. Downey Jr., Chris Evans, Mark Ruffalo, Elizabeth Olsen und Scarlett Johansson) gesellen sich nun auch Spider-Man Tom Holland die "Guardians of the Galaxy" (u.a. Dave Bautista, Zoe Saldana, Vin Diesel und Bradley Cooper) sowie Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) und ein Teil des "Black Panther"-Personals um Chadwick Boseman.

Avengers: Infinity War

    USA 2018

    Regie: Anthony Russo, Joe Russo

    Drehbuch: Christopher Markus, Stephen Feely

    Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Chris Evans, Benedict Cumberbatch, Scarlett Johansson, Elizabeth Olsen, Tom Holland, Josh Brolin, Chris Pratt, Zoe Saldana, Chadwick Boseman, Paul Bettany, Dave Bautista, Danai Gurira, Letitia Wright, Sebastian Stan, Don Cheadle, Anthony Mackie, Pom Klementieff, Carrie Coon, Karen Gillan, Tom Hiddleston, Vin Diesel (Stimme), Bradley Cooper (Stimme)

    Produktion: Marvel Studios, Walt Disney Pictures

    Verleih: Disney

    Länge: 149 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 26. April 2018

Sie alle treten gegen den intergalaktischen Ultra-Bösewicht Thanos (Josh Brolin) an, einem Hünen mit Riffelkinn und knittergesichtiger "Hellboy"-Anmutung, der sechs im Universum verstreute "Infinity Stones", metaphysisch geladene Edelsteine, zusammensammelt, um mit ihnen Raum, Zeit und Realität zu beherrschen. Sein autokratisches, vermeintlich altruistisches Ziel: Die drohende Ressourcenknappheit im Universum abzuwenden, indem er die Hälfte der darin lebenden Wesen ausmerzt. Die Marvel-Helden, als Stellvertreter der galaktischen Völker, begegnen dieser kühlen Willkür mit Teamgeist, Empathie und verantwortungsvoller Solidarität: "We don't trade lives" - Wir rechnen kein Leben gegen ein anderes auf -, lautet ein Credo, das mehrfach im Film verbalisiert wird.

In "Infinity War" kulminiert dieser Konflikt gegensätzlicher Allmachts-Philosophien an exotischen Schauplätzen und in spektakulären Schlachten, die selbst "Herr der Ringe" in den Schatten stellen wollen. Aber auch in charmant inszenierten Zickereien zwischen Superegos, die erstmals aufeinander treffen und sich arrangieren müssen. Das eitle Gegockel zwischen Technokrat Iron Man und Magier Dr. Strange ist ebenso hinreißend wie der Mannbilder-Clash zwischen Chris Hemsworth (Thor) und Chris Pratt (Star-Lord).

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Die Albernheit der "Guardians" verquickt sich fast nahtlos mit der lakonischen Trockenheit der "Avengers". Nur manchmal, etwa als das wohl für künftige Erzählstränge wichtige Black-Ops-Team des jetzt bärtigen Captain America eingeführt wird, oder der Film nicht so genau weiß, was er mit Black Panther in Wakanda anfangen soll, wird sichtbar, wie sehr das alles doch mit ziemlich heißer Nadel zusammengestrickt ist.

Nicht, dass man lange Zeit hätte, darüber nachzudenken. Emotionale, fast schon klassische Tragödien-Schwere erhält der action- und temporeiche "Infinity War" durch das jetzt vollständig enthüllte Familien-Drama zwischen "Guardians"-Mitglied Gamora und ihrem Ziehvater Thanos einerseits - und die unmögliche Love-Story zwischen den "Avengers" Scarlett Witch und Vision andererseits. Ja, es sind verlustreiche Schlachten, die sich diese Überwesen hier liefern, so viel sei verraten.

Und auch das überraschend stille Ende des Films sprengt alle Dimensionen des gewohnten Blockbuster-Kinos mit einem Cliffhanger epischen Ausmaßes, der schon jetzt die Erwartungen auf den vierten "Avengers"-Film schürt. Er soll im kommenden Jahr anlaufen. Wenn es so weit ist, wird einem dieser bombastische "Infinity War" wahrscheinlich schon niedlich vorkommen.



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