Neuer "Avengers"-Film Ist ja der Hammer

1,5 Milliarden Dollar Umsatz, Jubel bei Fans und Kritik - "Avengers: Age of Ultron" soll den Triumph von Marvels Mega-Blockbuster wiederholen. Die Chancen dafür stehen sehr gut - der Film bietet bestes Popcorn-Kino mit Herz und Verstand.

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Als Joss Whedon noch TV-Serien wie "Buffy" oder "Angel" schrieb, musste er sich oft mit schmalen Budgets begnügen: "Immer hieß es: Das ist gut genug." Aber bei seinem zweiten "Avengers"-Film, erzählte der 50-jährige Regisseur und Autor dem "New York Magazine", wollte er diesen Satz nie sagen müssen. Mit "Age of Ultron", der als Kino-Ereignis des Frühjahrs gilt, wollte Whedon nichts Geringeres als Perfektion erreichen.

Ein gewaltiger Anspruch, denn der Story-Mastermind hinter dem "Cinematic Universe" des Comic-Verlags Marvel hatte bereits mit "Marvel's The Avengers" (2012) einen verblüffenden, fein zwischen Humor und Wow-Effekt ausbalancierten Superhelden-Actionfilm geschaffen, der mit einem Umsatz von weltweit 1,5 Milliarden Dollar zu den erfolgreichsten Filmen der Kinogeschichte zählt.

Mit "Avengers: Age of Ultron" endet nun nicht nur die zweite Phase von Marvels kühner, über diverse Filme hinweg erzählten Meta-Story über eine Gruppe von Helden, die sich zu einer Art globalen Schutztruppe formieren; mit dem rund 250 Millionen Dollar teuren Kino-Spektakel endet vorerst auch Whedons Arbeit als Marvel-Regisseur, die nächsten "Avengers"-Filme, für 2018 und 2019 geplant, sollen von den Russo-Brüdern gedreht werden, die bereits die jüngste "Captain America"-Episode drehten.

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Avengers-Film "Age of Ultron": Kampf den Roboter-Klonen
Um es gleich zu sagen: "Age of Ultron", von einer über drei Stunden langen Urfassung auf knappe 141 Minuten heruntergekürzt, ist sicher nicht perfekt in Whedons Sinne. Aber er muss sich nicht grämen: Er hat sich selbst noch einmal übertroffen, obwohl ihm ein Schlüsselelement des ersten Teils fehlte: Die Origin-Story, die einen Haufen Einzelgänger zum schlagkräftigen Team formte.

Dieses Vakuum galt es in "Age of Ultron" zu füllen, und Whedon schafft dies mit einer spannenden Reflexion über Totalitarismus, Kontrollsucht, Terrorangst und Schöpferwahn, die man auch als Selbstgespräch eines Regisseurs lesen kann, der unter dem Druck stand, den Umsatzbringer des Jahres zu liefern und gleichzeitig sich selbst, den Fans und am besten auch noch den Kritikern gerecht zu werden.

Oh Ultron, oh Hybris!

Nach den Ereignissen in "Marvel's The Avengers" befürchtet "Iron Man" Tony Stark das Schlimmste: Wenn sich Alien-Kreaturen mit Superwaffen durch ein Dimensionsloch über die City ergießen, was sollen sechs Clowns in Kostümen gegen solche Bedrohungen ausrichten? Verführt von Technikglaube und Vertrauen in die eigene Genialität erschafft er, oh Hybris!, die künstliche Intelligenz Ultron, die als weltweit wachende Abwehrinstanz Frieden und Sicherheit gewährleisten soll. Ultron macht sich jedoch selbstständig und beschließt, dass Frieden nur dann perfekt gewährleistet ist, wenn erstens die Avengers und zweitens die gesamte Menschheit vernichtet ist. Dumm gelaufen.

Der Kampf gegen das Roboter-Geschöpf, das seine KI auf Tausende einzelner Drohnen - Terminator trifft Klon-Krieger - verteilen kann, führt von Johannesburg und Seoul nach Osteuropa in die fiktive Republik Sokovia. Schauplätze für reichlich Action: In Südkorea durfte das Team eine echte Brücke sprengen, in Sokovia (gedreht wurde in Norditalien) wird gleich eine ganze Stadt mitsamt Bevölkerung, poststalinistischer Bebauung und Scholle in die Luft erhoben. Ultron will sie wie einen Meteoriten aus dem All auf die Erde werfen, um die Menschheit quasi mit sich selbst auszulöschen.

Die Inszenierung dieser Szenen ist so überwältigend wie brillant: Immer wieder bilden Schnitte und Bewegungen eine Choreografie, die Whedon, zum Beispiel am Anfang, als die Avengers zum ersten Mal wieder gemeinsam in den Kampf ziehen, genüsslich in Zeitlupe zeigt. Man begreift: Hier herrscht Teamwork in Vollendung, jeder Hieb von Hulks Pranke sitzt, jeder Pfeil von Hawkeye trifft, Thors Hammer und Captain Americas Schild bilden, aneinander abprallend, ein schlagkräftiges Gespann. Schöner, effektvoller und detailverliebter hat man so etwas im Kino noch nicht gesehen.

Doch das Salz in der trickreich zubereiteten Suppe ist der menschliche Faktor. Viel Zeit verwendet der 141-Minuten-Film darauf, tiefer in die Charaktere seiner Helden einzudringen. Hawkeye (Jeremy Renner) wird, komplett mit Farmhaus in der Prärie, als All-American-Familienvater präsentiert. Er ist, neben dem Supersoldaten Captain America, dem Wutmonster Hulk, dem Halbgott Thor und dem Mad-Professor-Playboy Tony Stark, die normalste Figur in dem bunt gekleideten Zirkus-Ensemble - und erdet die kosmischen Ängste des Teams in existenziellen Alltagssorgen.

Auch zarte, alsbald verworrene Bande zwischen der eiskalten Agentin Black Widow (Scarlett Johansson) und dem Hulk Bruce Banner (Mark Ruffalo) werden ausgiebig gestrickt, zudem gibt es mit dem Zwillingspaar Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch (Elisabeth Olsen) zwei Neuzugänge, auf die ein dramatisches Schicksal wartet. Und natürlich fliegen erneut bissige Sprüche und Neckereien zwischen den Helden hin und her, ein erleichternder Anarcho-Sound, der längst ein Markenzeichen der Marvel-Filme ist.

Joss Whedon hält es also mit Captain America, dem Recken aus der analogen Zeit. Dem zaudernden Iron Man sagt er, ganz zu Anfang, als Team hätten sie schon einmal die Welt gerettet, als Team würden sie es ein weiteres Mal schaffen. So vertraut auch Whedon letztlich auf gute alte Erzähler-Tugenden und Darsteller, die in ihre Rollen hineingewachsen sind und das Heldenspektakel glaubhaft und berührend machen. Zusammen haben sie noch einmal das eigentlich Unmögliche vollbracht: Popcorn-Kino mit Helden, Herz und Verstand.

Avengers: Age of Ultron

USA 2015

Regie/Buch: Joss Whedon

Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Evans, Chris Hemsworth, Scarlett Johansson, Mark Ruffalo, Jeremy Renner, Elisabeth Olsen, Aaron Taylor-Johnsson, James Spader, Paul Bettany, Don Cheadle, Cobie Smoulders, Samuel L. Jackson

Produktion: Marvel Enterprises

Verleih: Disney

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12

Start: 23. April 2015

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
zickezackehoihoihoi 22.04.2015
1. Da
hab ich aber auch schon andere Kritiken gelesen....
benmartin70 22.04.2015
2.
Zitat von zickezackehoihoihoihab ich aber auch schon andere Kritiken gelesen....
Wo denn? Bei imdb hat er 9,2 von 10 Hört sich doch nicht schlecht an, wobei der Zusammenschnitt auf 141 min dem Film sicher nicht gutgetan hat. Ich freu mich drauf! Nebenbei - der Artikel kommt mir bekannt vor?
hornisse.04 22.04.2015
3. Kleine Provinzkinos sollen bluten
Zitat: "... flatterte ein Einschreiben von „Disney“ ins Haus. Der Filmverleih will den Mietsatz kurzfristig von den üblichen 47,7 Prozent auf 53 Prozent erhöhen. Pro verkaufter Karte ginge somit mehr als die Hälfte des Eintrittspreises an den Verleiher. Der niedrige Satz war bisher eine Sonderregelung für Kinos in Kleinstädten, die weniger Publikum haben und trotzdem die neuesten Blockbuster zeigen wollen. Für die „großen“ Kinos und die Ketten gelten schon länger 53 Prozent, nun will Disney diesen Satz für alle durchdrücken." So wird jetzt "Avengers" boykottiert. Ich glaube zwar nicht, dass Disney sich erpressen lässt, aber einen Versuch ist es allemal wert.
Onkel Uwe 22.04.2015
4.
Zitat von benmartin70Wo denn? Bei imdb hat er 9,2 von 10 Hört sich doch nicht schlecht an, wobei der Zusammenschnitt auf 141 min dem Film sicher nicht gutgetan hat. Ich freu mich drauf! Nebenbei - der Artikel kommt mir bekannt vor?
Ja, der Artikel wurde schon vorgestern glaub ich mal veröffentlicht, wohl aus versehen, gestern konnte ich ihn nicht mehr finden... Ansonsten freu ich mich auch drauf. Zum Glück hab ich Großstadtkinos um die Ecke, die auch OV laufen lassen :)
markus_wienken 22.04.2015
5.
Zitat von zickezackehoihoihoihab ich aber auch schon andere Kritiken gelesen....
Kritiken sind mir egal. Ich habe die Tage Avengers 1 im TV gesehen und werde mir den zweiten Teil irgendwann sicherlich auch im TV ansehen.
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