Marvel-Filmchef Feige über "Avengers": "Comics sind große Literatur"
Sechs Helden, Millionen Fans: Selten musste ein Film so vielen Ansprüchen gerecht werden wie "Avengers". Im Interview spricht Kevin Feige, Chef der Marvel Studios, über Dreharbeiten im Geheimen, die Macht der Nerds im Netz und den Vergleich von Shakespeare mit Superman.
SPIEGEL ONLINE: Herr Feige, ist "The Avengers" für den Zuschauer das Schnäppchen des Kinojahres? Ein halbes Dutzend Superhelden zum Preis von einem?
Feige: So kann man das sehen. "The Avengers" führt Figuren aus unseren letzten fünf Filmen zusammen, es ist das größte Projekt, das wir bislang gestemmt haben. Doch wir sehen den Film nicht als eine Fortsetzung, sondern als den Beginn einer neuer Geschichte, als Geburt eines Superteams.
SPIEGEL ONLINE: Der Film entstand unter höchster Geheimhaltungsstufe. Wovor hatten Sie am meisten Angst?
Feige: Davor, dass sich die Fans selbst um ihr Vergnügen bringen. Haben Sie als Kind schon mal heimlich Ihre Weihnachtsgeschenke vorab geöffnet? Das ist schrecklich. Macht alles kaputt. Wir waren wahnsinnig vorsichtig mit den Drehbüchern, haben jede Kopie mit einem Code versehen. Wir haben unsere Schauspieler in schwarzen Roben vom Trailer bis vor die Kamera gebracht, wir hatten überall Security. Aber ehrlich gesagt ist das ein Luxusproblem. Viel schlimmer wäre es, wir hätten keine Fans.
SPIEGEL ONLINE: Jeder Marvel-Held hat eine eigene Fangemeinde. Mussten Sie sehr auf den Proporz zwischen den Figuren achten?
Feige: Am Ende kommen die Fans aus dem Kino und streiten sich darüber, welcher Held die beste Figur abgibt. Das ist doch herrlich! Wenn man solche Charaktere zusammenbringt, inszeniert man natürlich ein gewaltiges Kräftemessen. Du musst den Figuren immer wieder Szenen geben, in denen sie miteinander ringen können. Bis sie irgendwann erkennen, dass sie nur vereint stark genug sind.
SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren wurde auf zahllosen Fansites über diesen Film spekuliert. Wissen Sie, was die Fans von Ihnen erwarten?
Feige: Wir haben die Debatten verfolgt. Aber ich arbeite seit zwölf Jahren für Marvel und habe gelernt, mich auf mein eigenes Urteilsvermögen zu verlassen. Wir sind doch selber Fans! Wir machen das, was wir für richtig halten, und wir erzählen die Geschichten, die wir gerne erzählt bekommen möchten. Bislang sind wir damit gut gefahren. Fans wollen ganz verschiedene Dinge, du kannst sie nicht alle glücklich machen.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich als Filmemacher eingeengt, wenn die Fans immer wieder Werktreue einfordern? Vielleicht will man ja für Thor doch mal einen schöneren Helm entwerfen.
Feige: Wir modifizieren und modernisieren ja durchaus, wir entwickeln die Kostüme weiter, damit sie auch heute cool wirken. Wir haben den ersten "Iron Man"-Film nicht in Vietnam beginnen lassen, wo die Vorlage spielt, sondern in Afghanistan. Was die Fans nicht wollen, sind Filmemacher, die keinen Respekt vor den Vorlagen haben und willkürlich Veränderungen vornehmen. Und das wollen wir auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie einen Regisseur verpflichten, der noch nie einen Marvel-Comic in der Hand hatte?
Feige: Klar. Bei Bryan Singer war das ja so ähnlich, als wir ihn für "X-Men" holten. Er kannte die Comics nicht. Dann fing er an, sich mit ihnen zu beschäftigen und war begeistert. Es ist oft besser, wenn der Regisseur das Marvel-Universum nicht in- und auswendig kennt.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Feige: Wir sind bei Marvel Studios seit Jahren ein sehr gut eingespieltes Team, wir wissen mittlerweile ziemlich genau, wie wir diese Filme machen müssen. Aber wir wollen keine Routine. Wir wollen, dass auf dem Fahrersitz jemand sitzt, der nicht die übliche Strecke fährt. Jemand wie Kenneth Branagh bei "Thor" zum Beispiel.
SPIEGEL ONLINE: Der große britische Shakespeare-Interpret trifft auf den Mann mit dem Hammer. War das ein kalkulierter culture clash?
Feige: Ja, schon, aber wir konnten sicher sein, dass Ken die Szenen am Königshof in "Thor" in den Griff bekommen würde, wir wussten auch, dass er viel Humor hat und große Lust, einen richtigen Popcorn-Blockbuster zu drehen.
SPIEGEL ONLINE: War die Wahl von Branagh nicht auch ein Statement: Thor ist so wichtig wie Hamlet?
Feige: Comics sind große Literatur, da habe ich keinen Zweifel. Sie können es mit den Klassikern aufnehmen. Einige der besten Geschichten, die sich Menschen jemals ausgedacht haben, finden Sie in Marvel-Comics. Ken hat das erkannt.
SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es auf der Leinwand von Jahr zu Jahr immer mehr Superhelden. Wann wird der Lebensraum knapp?
Feige: Wir machen uns bislang keine Sorgen. Superhelden waren noch nie so populär wie zurzeit. Sie bilden inzwischen ein eigenes Genre, das zum Kern des Kinos dazugehört. Wie der Western.
SPIEGEL ONLINE: Aber der Western ist doch so gut wie tot.
Feige: Er hat das Kino jahrzehntelang geprägt. Und er kommt wieder.
Das Interview führte Lars-Olav Beier
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- Dienstag, 01.05.2012 – 16:01 Uhr
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- Kevin Feige, Jahrgang 1973, arbeitet seit 2000 als Produzent für die Marvel Studios. Sein erstes Filmprojekt war "X-Men", seitdem hat er unter anderem die Superhelden-Filme "Iron Man", "Thor" und "Spider-Man 3" produziert. 2007 wurde er zum President of Production berufen. Der Superhelden-Ensemblefilm "Avengers", der am Donnerstag in die deutschen Kinos gekommen ist, ist mit einem Budget von rund 220 Millionen Dollar eine seiner bislang teuersten Produktionen.
Getty Images
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