Superhelden-Spektakel "The Avengers": Lass mal kurz die Welt retten, WG-Genosse!

Von David Kleingers

Erst reden, dann rächen: Fantasy-Meisterregisseur Joss Whedon inszeniert mit "The Avengers" die Superhelden-Kampftruppe als neurotische WG. Ein Glücksfall. Denn hier stimmt alles, von den Schaueffekten über die Dialoge bis hin zu Superstars wie Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson.

Ein schwerreicher Lebemann mit Technikfimmel, ein sentimentaler US-Kriegsveteran, ein buchstäblich weltfremder Hammerwerfer und ein geschasster Wissenschaftler, der zu fatalen Wutausbrüchen neigt: Mal ehrlich, würden Sie mit diesen Leuten in eine WG ziehen? Oder ihnen gar die Rettung der Menschheit zutrauen?

Natürlich, sagen Millionen Comic-Leser, denn schließlich reden wir hier von Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), Thor (Chris Hemsworth) und dem Hulk (Mark Ruffalo). Jetzt schickt die mit immensem Aufwand lancierte Kinoadaption von "The Avengers" - die seit 1963 in verschiedenen Inkarnationen und mit wechselnder Besetzung publizierte All-Star-Reihe des Marvel-Verlags - alle vier Ikonen zusammen mit den ebenso illustren Heftkollegen Black Widow (Scarlett Johansson) und Hawkeye (Jeremy Renner) zur ultimativen team building experience.

In der Regel haben gerade groß angekündigte Gipfeltreffen die Tendenz, grandios zu scheitern. Auch deshalb lastete schon im Vorfeld ein enormer Erwartungsdruck auf Regisseur und Autor Joss Whedon. Der ist für viele bei diesem Projekt der Superheld ohne Kostüm, gilt er doch seit seiner epochalen TV-Serie "Buffy the Vampire Slayer" und dem nicht minder bahnbrechenden Science-Fiction-Western-Crossover "Firefly" als Experte für smarte und leidenschaftliche Popkulturdramen.

Von Asgard bis Stuttgart: Marvel macht mobil

Wenn also jemand aus dem ausgedehnten Marvel-Universum mit seinen diversen Parallelwelten, alternativen Zeitlinien und heillos verzweigten Charakterbiografien eine schlüssige und obendrein mitreißende Erzählung destillieren kann, dann der stets bescheiden und selbstironisch auftretende Whedon. Dass er zudem eigene Comic-Reihen zu seinen TV-Produktionen initiiert hat und nebenbei als Autor Geschichten für Marvels "The Astonishing X-Men" und "Runaways" entwarf, schadet selbstverständlich auch nicht.

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Marvel-Film "The Avengers": Scarlett im Catsuit
Der Handlungsrahmen war Whedon hier indes vorgegeben, schließlich wurden die Helden zuvor in ihren einzelnen Filmauftritten von "Iron Man" bis "Captain America" auf eine Zeitebene gebracht. Die eigentlich spannende Frage ist daher nicht, welcher Plot zur Zusammenführung der Figuren dient, sondern ob sich das markenfixierte Franchise-Unternehmen angesichts eines dreistelligen Millioneninvestments noch so etwas wie kreative Freiheit und Spielfreude gestattet. Und zum Glück lautet die Antwort: ja.

Dabei beginnt das Vorhaben zunächst holprig, was auch der notwendigen Einführung des umfangreichen Personals geschuldet ist. Zum Auftakt kehrt der bereits aus "Thor" vertraute Götterziehsohn und Menschenfeind Loki (Tom Hiddleston) auf die Erde zurück. Dort entwendet er gewaltsam den als Tesseract bekannten kosmischen Energiewürfel aus der Obhut der Geheimorganisation S.H.I.E.L.D., und macht dabei auch gleich Dr. Selvig (Stellan Skarsgard) sowie Clint Barton alias Hawkeye zu seinen willenlosen Werkzeugen. S.H.I.E.L.D.-Direktor Nick Fury (Samuel L. Jackson) startet daraufhin die lang vorbereitete Avengers-Initiative und lässt seine Agenten Phil Coulson (Clark Gregg), Maria Hill (Cobie Smulders) sowie die enigmatische Natascha "Black Widow" Romanoff die über den Globus verstreuten Superhelden einsammeln.

Tony Stark/ Iron Man, Steve Rogers / Captain America, Bruce Banner/ Hulk sowie Thor sind erwartungsgemäß wenig begeistert, für Furys Eingreiftruppe zwangsrekrutiert zu werden. Dementsprechend kollidieren munter die Egos, während Loki die feindliche Übernahme der Welt vorantreibt. Sein Feldzug führt den Schurken aus Asgard sogar nach Stuttgart, wo er auf der Durchreise arglose Schwaben erschreckt und einige Mercedes-Limousinen umherschubst.

Neue Größe für den grünen Superhelden

Niemand schafft das allein: Die Idee einer konfliktbeladenen und streitlustigen Schicksalsgemeinschaft ist seit jeher dramatischer Antrieb der Avengers, und das blendend aufgelegte Star-Ensemble macht sich den Kollektivgedanken erfrischend uneitel zu eigen. Die liebevolle Zeichnung von Ersatzfamilien ist ohnehin Whedons Stärke, und sobald er seine Helden beisammen hat, ist er ganz bei sich selbst. Im Umgang mit den Figuren werden dabei neue Akzente gesetzt, etwa wenn Whedon die Rolle von Scarlett Johannsens Black Widow im Verhältnis zu den prominenteren Marvel-Stars deutlich ausbaut. Das entspricht nicht nur seiner immer noch immens wichtigen Grundhaltung, männlich dominierte Genres und Erzähltraditionen durch starke Frauenfiguren aufzumischen, sondern trägt auch zur charmanten Gruppendynamik bei.

Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass Whedon die mit Abstand beste Kino-Inkarnation des Hulk präsentiert. Eric Bana erstarrte in Ang Lees ambitionierter Superheldenstudie "Hulk" förmlich in der gepeinigten Grüblerpose, während Edward Norton als "The Incredible HulK" nicht viel mehr als ein jähzorniger Flummi sein durfte. Mark Ruffalo spielt den großen Grünen hingegen mit Hintersinn, ohne dabei die Tragik der Figur zu verleugnen.

Ansonsten heißt es: erst reden, dann rächen. Tatsächlich haben einige der besten Szenen den Charakter von Streitgesprächen am Küchentisch, hier allerdings vor imposanten Kulissen wie dem S.H.I.E.L.D. Helicarrier oder einer gerade von Aliens geschrotteten Skyline Manhattans. Es mangelt keinesfalls an Schauwerten, und gerade im spektakulären Finale überträgt Whedon die Ästhetik der Comic-Panels mit Verve in den filmischen Raum, ohne dass der Betrachter dabei die Orientierung verliert. Doch die wichtigsten Spezialeffekte des Films bleiben zuvorderst die zündenden Wortwechsel.

Denn zum Glück wissen diese Avengers, dass die menschlichen Schwächen eines Superhelden immer spannender sind als seine übernatürlichen Stärken. Als Solidargemeinschaft mit Macken stehen sie damit zwangsläufig in Opposition zu Christopher Nolans Interpretation des DC-Konkurrenten Batman, der in diesem Jahr in "The Dark Knight Rises" zurückkehrt. Nolans - absolut legitimer - Ansatz begreift den Superhelden im Grunde als Soziopathen, der sich zwanghaft von der Gesellschaft distanziert, um sie zu schützen. Vergleicht man sie mit Western, dann wären Whedons Avengers ohne Zweifel in Howard Hawks' rührender Kumpelkommune "Rio Bravo" beheimatet, während Nolans Batman am ehesten John Fords düsterem Einzelgängerepos "The Seachers" entspräche.

Sicher, beide Heldenentwürfe haben ihren Reiz und ihre Berechtigung. Aber es steht wohl außer Frage, zu wem man in die WG ziehen würde.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. na,mal sehen...
brain0naut 22.04.2012
...aber die vorschusslorbeeren machen auf jeden fall neugierig,zumal Joss Whedon´s firefly wirklich abgefahren war; sehr gute, intelligente dialoge, bizzare geschichten & sehr schöner storyverlauf, ein sehr gutes auge für effekte und last but not least ernstzunehmende, wirklich starke frauencharaktere mit tragender rolle, ohne den sex zu verleugnen... doch, *sehr* gespannt drauf.
2.
etiennen 22.04.2012
"Das entspricht nicht nur seiner immer noch immens wichtigen Grundhaltung, männlich dominierte Genres und Erzähltraditionen durch starke Frauenfiguren aufzumischen, sondern trägt auch zur charmanten Gruppendynamik bei." Ja, das ist einfach das wichtigste im Kino. Und so neu. Weil Frauen ja auch genau so gut kämpfen können wie Männer. Ganz ehrlich, das ist eine ungemein unwichtige Grundhaltung.
3.
etiennen 22.04.2012
"Das entspricht nicht nur seiner immer noch immens wichtigen Grundhaltung, männlich dominierte Genres und Erzähltraditionen durch starke Frauenfiguren aufzumischen, sondern trägt auch zur charmanten Gruppendynamik bei." Ja, das ist einfach das wichtigste im Kino. Und so neu. Weil Frauen ja auch genau so gut kämpfen können wie Männer. Ganz ehrlich, das ist eine ungemein unwichtige Grundhaltung.
4. Disney mit Tiefgang?
herr minister 22.04.2012
Na ja, schaun mer mal. Der Trailer macht keine große Hoffnung. Ich sehe da nur die üblichen Stereotypen. Scarlett Johansson kommt sogar eher billig daher. Die gefühlt tausendste Comic-Verfilmung muss schon mehr haben als SFX, das hat seit Watchmen eigentlich kein Film mehr geschafft. Und jetzt Disney? Ich befürchte Schlimmstes, lasse mich aber gerne überraschen. Die Argumente in der Kritik waren leider nicht sehr überzeugend.
5. Naja
Smartpatrol 22.04.2012
Zitat von herr ministerNa ja, schaun mer mal. Der Trailer macht keine große Hoffnung. Ich sehe da nur die üblichen Stereotypen. Scarlett Johansson kommt sogar eher billig daher. Die gefühlt tausendste Comic-Verfilmung muss schon mehr haben als SFX, das hat seit Watchmen eigentlich kein Film mehr geschafft. Und jetzt Disney? Ich befürchte Schlimmstes, lasse mich aber gerne überraschen. Die Argumente in der Kritik waren leider nicht sehr überzeugend.
Naja, Watchmen hatte auch eine äußerst gut geschriebenen, intelligente Vorlage und ging 3 bis 4 Schritte weiter als die eher knietiefen Geschichten um Iron Man oder Hulk.
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