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Regie-Newcomer Axel Ranisch: Die große Lust auf Pummelchen

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SPIEGEL ONLINE

Axel Ranisch ist ein mitreißendes, manisch arbeitendes Multitalent: Er spielt in der ARD einen Kommissar, er inszeniert Opern. Und er dreht Filme, in denen oftmals rundliche Männer für ihr Glück kämpfen. Mit "Ich fühl mich Disco" dürfte der Regie-Newcomer nun einem größeren Publikum bekannt werden.

Rosa von Praunheim fühlt sich zu Lebzeiten in ihm wiedergeboren. Seine Redakteurin beim ZDF sieht in ihm das Potential zum deutschen Almodóvar. Wenn das Gespräch auf Axel Ranisch kommt, liegen große Vergleiche offenbar nahe. Eigentlich bringt der 30-Jährige in dieser Woche seinen ersten regulären Spielfilm "Ich fühl mich Disco" in die Kinos. Trotzdem passt das mit den großen Namen, Ranisch ist so gefragt wie kaum ein Filmschaffender sonst in Deutschland.

In diesem Jahr hat er neben "Ich fühl mich Disco" noch den Kinderfilm "Reuber" gedreht, seine erste Oper in München inszeniert, außerdem spielt er die Rolle des Kommissar Schröders in dem ARD-Krimi "Zorn" nach dem Bestseller von Stefan Ludwig. Und fürs kommende Jahr hat er die zweite Oper, einen neuen Kinofilm sowie die potentielle Fortsetzung von "Zorn" auf dem Zettel.

"Ja, schon viel zu tun", sagt Ranisch lachend, als er zum Interview in seiner Wohnung in Berlin-Lichtenberg empfängt. Gestresst wirkt er nicht, eher voller Energie. Dass seine Karriere so sprunghaft in die Gänge kam, ist angesichts seiner vielfachen Talente kein Zufall. Dennoch musste viel zusammen wirken, bevor aus dem Medienpädagogen einer der vielversprechendsten Regisseure Deutschlands wurde.

Nackter Tanz mit Taschentuch

Fast fünf Jahre lang saß Ranisch an dem Stoff zu "Ich fühl mich Disco". Noch als Regiestudent an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam hatte er angefangen, mit Katharina Dufner von der ZDF-Redaktion Kleines Fernsehspiel das Drehbuch zu entwickeln. Zehn, zwölf Fassungen der Coming-of-Age-Geschichte um einen pummeligen, schwulen Teenager entstanden so. Dann hatte Ranisch ein negatives Erweckungserlebnis: Er saß im Kino, sah sich die deutsche Komödie "Groupies bleiben nicht zum Frühstück" an und entdeckte lauter Ähnlichkeiten zu seinem eigenen Film. "Daraufhin habe ich zu meiner Redakteurin gesagt: Ich bin sehr unglücklich mit dem Drehbuch, ich glaube, ich muss jetzt einfach mal was drehen."

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Multitalent Axel Ranisch: Disco mit dicken Mädchen
Befreit vom trägen Apparat der Öffentlich-Rechtlichen und ihren Erzählbausteinen drehte Ranisch "Dicke Mädchen", einen 76-minütigen Film ohne Drehbuch, Budget und Crew, dafür mit seiner Oma Ruth Bickelhaupt in der Hauptrolle. In einem kleinen, halbvollen Kino feierte der verwackelte Film schließlich auf den Hofer Filmtagen 2011 Premiere - und wurde zu einem der größten Überraschungserfolge, die das Festival je erlebt hat. Zehn Minuten lang riss der Applaus für die tragikomische Liebesgeschichte zwischen dem Bankangestellten Sven und dem Pfleger Daniel nicht ab, danach war jede Vorstellung ausverkauft. Ein halbes Dutzend Preise räumte "Dicke Mädchen" im Anschluss weltweit ab, im November 2012 kam er regulär in die Kinos.

"Ich wollte keinen rebellischen Film machen, ich wollte einfach nur drehen", sagt Ranisch. Dennoch stellte "Dicke Mädchen" einiges auf den Kopf, auch beim ZDF. "Nach 'Dicke Mädchen'", sagt Redakteurin Dufner, "wurde klar, dass wir uns trauen konnten, bei 'Ich fühl mich Disco' auf eine Drehbuchabnahme zu verzichten und ihn den Film als Improvisation auf Treatment-Basis drehen zu lassen."

Endlich konnte Ranisch arbeiten, wie er es am liebsten mag: unmittelbar, intuitiv, mit allem Gewicht auf den Figuren, die er in enger Abstimmung mit seinen Schauspielern entwickelt. "Wenn die Schauspieler wirklich in ihren Rollen drinstecken, kann ich mich zurücklehnen. Dann weiß ich: Was aus ihren Mündern kommt, stimmt", sagt Ranisch.

Wer soll das alles drehen?

Zum Medium Film kam er als Teenager über Workshops am Jugendbildungszentrum Wannseeforum. Nach seiner Ausbildung zum Medienpädagogen drehte er fast manisch Kurzfilme, rund 80 Stück im Verlauf von sieben Jahren. Mit einem bewarb er sich 2004 an der HFF Potsdam. Darin ist Ranisch zu sehen, wie er allein, nackt und nur mit einem Taschentuch als Requisite zu Ravels "Bolero" tanzt. Fans von "Dicke Mädchen" kennen die Szene, Hauptdarsteller Heiko Pinkowski spielt sie dort nach. Sie ist das poetische Zentrum des Films, voller Autoerotik, voller Hingabe an die Musik.

In der Auswahlkommission der HFF saß Rosa von Praunheim und erkannte in Ranisch einen Seelenverwandten. In dem Dokumentarfilm "Rosakinder", den Ranisch zusammen mit Tom Tykwer und anderen zum 70. Geburtstag des Mentors und Freundes gedreht hat, sagt von Praunheim den Satz mit seiner Wiedergeburt in Ranisch. Und der sagt, dass er bis zum Auswahlgespräch dachte, Rosa sei eine Frau.

"Das Schöne ist, dass ich von Filmgeschichte so wenig Ahnung habe", sagt Ranisch. "Ich habe erst auf der Filmhochschule angefangen, richtig viele Filme zu schauen." Diese Do-it-yourself-Unbefangenheit ist immer noch zu spüren, seine Filme sind geprägt von dem Selbstbewusstsein, genug eigene Ideen zu haben, um nicht auf andere schielen zu müssen. Es sei toll, wenn man bei einem Studenten sagen könne, dass er am Ende des Studiums seinen Duktus gefunden habe, hat ihm sein Professor Andreas Kleinert bei der Abnahme des Diplomfilms bescheinigt. Aber man dürfe sich als Lehrer nicht zu früh freuen, so Kleinert: Axel Ranisch habe seinen Stil auch schon am Anfang des Studiums gehabt.

Christian Steiffen - "Ich fühl mich Disco" (Filmversion)

Mehr Videos von Christian Steiffen gibt es hier auf tape.tv!

Der süße Turmspringer

"Ich zeige normale, unstilisierte Leute, die manchmal sehr merkwürdige Dinge erleben", beschreibt Ranisch seinen Ansatz; oft rundliche Männer, etwa das füllige, titelgebende Liebespaar aus "Dicke Mädchen" oder der pummelige Teenager Flori (Frithjof Gawenda) aus "Ich fühl mich Disco". Für Flori bricht eine Welt zusammen, als seine geliebte Mutter Monika (Christina Große) kurz nach seinem 16. Geburtstag ins Koma fällt. Mir ihr konnte er sich in enge Polyesteranzüge quetschen und anzügliche Schlager von Christian Steiffen ("Sexualverkehr") schmettern. Sein Vater, der Turmspringtrainer Hanno (Heiko Pinkowski), drängt ihn dagegen zu vermeintlich männlichen Dingen wie Mofa fahren oder vom Zehn-Meter-Brett springen. Dabei hat Flori genug damit zu tun, sich über seine Gefühle für den Turmspringschüler Radu (Robert Alexander Baer) klar zu werden.

Vieles an "Ich fühl mich Disco" ist autobiografisch. Auch Ranisch wurde in einer sehr sportlichen Familie geboren und zum Sprung vom Zehn-Meter-Brett gedrängt (siehe unseren exklusiven Videobeitrag mit Ranisch), auch er sollte zum 16. Geburtstag ein Mofa bekommen statt eines Klaviers. Gedreht wurde zudem nur wenige Häuser entfernt von Ranischs Wohnung, in der er auch aufgewachsen ist. Nur das Coming-out als Teenager haut nicht ganz hin. In "Rosakinder" ist eine Szene aus Ranischs Filmstudium zu sehen, in der von Praunheim die Eltern seines Lieblingschülers besucht. Ranischs Mutter schwärmt davon, wie sensibel sie die Filme ihres Sohnes findet, während der stumm und mit schreckensgeweiteten Augen neben ihr sitzt. "Ich dachte die ganze Zeit, du würdest mich gleich outen", erklärt Ranisch von Praunheim später.

Das Coming-out hat Ranisch mittlerweile hinter sich. Nach seinen kreativen Vorbildern gefragt, nennt er neben Rosa von Praunheim vor allem den schwulen Erfolgsregisseur François Ozon, ZDF-Redakteurin Dufner erinnert er hingegen mehr an Pedro Almodóvar. Von der technischen Perfektion beider ist Ranisch weit entfernt, doch er strebt sie auch nicht an. Zwar wusste er es sehr zu schätzen, bei "Ich fühl mich Disco" erstmals seiner Crew und sogar sich selbst etwas Geld zahlen zu können, aber er möchte weiterhin hochtourig und mit kleinen Budgets drehen. "Am liebsten wäre es mir, ich würde nicht einmal im Jahr 500.000 Euro für einen Film bekommen, sondern alle zwei Monate 100.000. Dann würde ich sechs Filme im Jahr drehen, und wenn nur einer davon gut ist, ist man beim selben Ergebnis."

In "Rosakinder" drückt Ranisch das poetischer aus. Er schaut nachts auf die erleuchteten Fenster seiner Lichtenberger Hochhaussiedlung und sagt: "20.000 Lichter auf einem Quadratkilometer. 20.000 Filme, die erzählt werden wollen. Wer soll die alle drehen? Natürlich ich!"

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1.
danido 30.10.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEAxel Ranisch ist ein mitreißendes, manisch arbeitendes Multitalent: Er spielt in der ARD einen Kommissar, er inszeniert Opern. Und er dreht Filme, in denen oftmals rundliche Männer für ihr Glück kämpfen. Mit "Ich fühl mich Disco" dürfte der Regie-Newcomer nun einem größeren Publikum bekannt werden. http://www.spiegel.de/kultur/kino/axel-ranisch-im-portraet-zum-start-von-ich-fuehl-mich-disco-a-929332.html
Also, er kassiert Kohle von der GEZ-Steuer, behandelt Randthemen und möchte damit wahrscheinlich großen Erfolg haben. Wenn der Erfolg ausbleibt liegts mal wieder am doofen Fernsehgucker, der noch nicht reif ist für seine große Kunst. Wo bleiben die leistungsorientierten, deutschen Filmemacher?
2. ...
dreamdancer2 30.10.2013
Zitat von danidoAlso, er kassiert Kohle von der GEZ-Steuer, behandelt Randthemen und möchte damit wahrscheinlich großen Erfolg haben. Wenn der Erfolg ausbleibt liegts mal wieder am doofen Fernsehgucker, der noch nicht reif ist für seine große Kunst. Wo bleiben die leistungsorientierten, deutschen Filmemacher?
Puhhh... also ehrlich: Okay, mein Thema ist es jetzt auch nicht wirklich, aber Kultur und Kunst ist dafür _da_, daß sie auch Randthemen anspricht. Und wer sagt überhaupt, daß es für diesen Film kein Publikum gibt? Deutschland und unsere Gesellschaft sind nun wahrhaftig leistungsorientiert genug (ZU leistungsorientiert imho), aber bei Kultur und Kunst sollte das nun wahrhaftig nicht das entscheidende Kriterium sein.
3. Dicke Mädchen
yumyum 30.10.2013
Zitat von danidoAlso, er kassiert Kohle von der GEZ-Steuer, behandelt Randthemen und möchte damit wahrscheinlich großen Erfolg haben. Wenn der Erfolg ausbleibt liegts mal wieder am doofen Fernsehgucker, der noch nicht reif ist für seine große Kunst. Wo bleiben die leistungsorientierten, deutschen Filmemacher?
"Dicke Mädchen" verschlang sage und schreibe 350 Euro Produktionskosten und spielte incl. Preisgelder das 300fache an den Kassen wieder ein. Mal ganz ehrlich, da können sich selbst die leistungsorientierten Filmemacher in Hollywood eine große Scheibe abschneiden.
4. Leistungsorientierte, deutsche Filmemacher?
herrschickhilfe! 31.10.2013
Sehr richtig, dreamdancer2! Was, lieber danido, sind denn "leistungsorientierte, deutsche Filmemacher"? Woran erkennt man die? Gut, dass Kunst nicht in so kleinen Kaestchen gedeihen muss, wie Sie es gerne haetten. Da haben wir ja alle noch mal Glueck gehabt. Was waeren denn keine Randthemen? DSDS? Oder der Tatort? Bei Menschen-Typen, die vor lauter Angst, ihr kleines ordentliches Leben koennte mal ins Wanken geraten, am liebsten alles und jeden mit dem Nagelkneifer an den Raendern beschneiden und konform machen wuerden, wird mir immer ganz flau.
5. Dicke Mädchen
yumyum 31.10.2013
Zitat von danidoAlso, er kassiert Kohle von der GEZ-Steuer, behandelt Randthemen und möchte damit wahrscheinlich großen Erfolg haben. Wenn der Erfolg ausbleibt liegts mal wieder am doofen Fernsehgucker, der noch nicht reif ist für seine große Kunst. Wo bleiben die leistungsorientierten, deutschen Filmemacher?
Ranischs erster Film "Dicke Mädchen" kostete 350 Euro, die er aus eigener Tasche zahlte und spielte trotz "Randthema" incl. Preisgelder das 300fache wieder ein. Von dieser Leistungsorientierung träumt man sogar in Hollywood.
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Ich fühl mich Disco

D 2013

Buch und Regie: Axel Ranisch

Darsteller: Frithjof Gawenda, Heiko Pinkowski, Christina Große, Robert Alexander Baer, Christian Steiffen

Produktion: Kordes und Kordes, ZDF/Das kleine Fernsehspiel, Arte

Verleih: Edition Salzgeber

Länge: 98 Minuten

Start: 31. Oktober 2013


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