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Fluchtdrama "Babai": Nicht ohne meinen Vater

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missingFILMs

Ein Vater will sich aus dem Kosovo nach Deutschland durchschlagen, doch sein Sohn lässt ihn nicht: Das Fluchtdrama "Babai" des Deutsch-Kosovaren Visar Morina ist ein beeindruckendes Filmdebüt.

Dass die Flüchtlingskrise zunehmend ihren Widerhall im Kino findet, war nicht nur abzusehen, sondern auch dringend nötig. Schließlich sollte der Film die drängenden Fragen der Zeit aufgreifen, Position beziehen oder aber neue Perspektiven eröffnen.

Die diesjährige Berlinale-Jury setzte mit dem Goldenen Bären für den Dokumentarfilm "Fuocoammare" bereits ein starkes Zeichen. Die italienische Insel Lampedusa, auf der Gianfranco Rosis Film spielt, ist wegen der dort ankommenden Flüchtlinge längst ein Symbol für das Versagen der europäischen Politik. Rosi kontrastiert in seinem Film das Elend der Geflüchteten mit dem Alltag eines einheimischen Zwölfjährigen, dessen Leben von der humanitären Krise scheinbar kaum tangiert wird.

Ein kindlicher Held steht nun auch im Mittelpunkt von Visar Morinas Debütfilm "Babai" ("Vater"). Allein: Dieser Nori kann sich dem Thema Flucht keineswegs entziehen. Er steckt mittendrin.

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Drama "Babai": Auf der Flucht nach Deutschland
Dass Morina zwar einen virulenten Stoff gewählt hat, ihn aber Anfang der Neunzigerjahre in der damaligen jugoslawischen Provinz Kosovo ansiedelt, mag mit der Lebensgeschichte des Regisseurs zusammenhängen. Morina wurde 1979 in Pristina geboren, kam später nach Deutschland, arbeitete als Regieassistent an der Berliner Volksbühne, bevor er in Köln Film studierte.

Abenteuerliche Flucht

In seinem Erstlingswerk erzählt er nun eine Vater-Sohn-Geschichte unter verschärften Bedingungen. Der Zehnjährige, leicht pausbäckige Nori (Val Maloku) und sein alleinerziehender Vater Gesim (Astrit Kabashi) leben in einer ländlichen Region des Kosovo, sie verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Zigaretten. Der Krieg auf dem Balkan ist zwar noch nicht ausgebrochen, doch wegen der unsicheren politischen Lage verlassen die Menschen bereits massenhaft das Land und suchen ihr Glück anderswo, etwa in Deutschland.

Das ist auch Gesims Plan, doch ein erster Fluchtversuch per Auto scheitert an der Grenze zu Montenegro. Im Kofferraum des Schleppers entdeckt man Nori, der sich ohne Wissen seines Vaters dort versteckt hat. Auch den nächsten Anlauf sabotiert der Sohn: Er läuft kurzerhand vor den Bus, mit dem Gesim seine Heimat verlassen will - und landet mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus.

Nach außen wirkt Nori schüchtern, er verliert selten viele Worte. Sein Blick ist stets etwas trotzig, an ihm ist nur schwer etwas abzulesen. In Noris Innerem regiert allerdings ein höchst eigensinniger Geist, das wird schnell deutlich, sowie die unerschütterliche Liebe zum Vater, den er auf keinen Fall gehen lassen will. Als Gesim dann doch die heimliche Flucht nach Deutschland gelingt, folgt ihm Nori unter abenteuerlichen Umständen.

Mut zur eigenständigen Kraft der Bilder

Der kurze Abriss des Plots muss täuschen: Von Action ist in "Babai" kaum eine Spur. Die große Stärke des Films liegt vielmehr in der Einfachheit seiner Geschichte und der ruhigen Art, mit der sie erzählt wird. Morina erweist sich als Meister der langen Einstellungen. Das Geschehen selbst ist oft dramatisch, doch dabei betont unspektakulär bis spröde inszeniert. Der Kameraschwenk durch einen Bus voller Flüchtlinge kann dann schon mal zwei Minuten dauern.

Umso näher kommt man Nori, das Erzähltempo entspricht gewissermaßen seinem Wesen. Wir verfolgen die mitunter merkwürdigen Vorgänge durch die Augen des Kindes: etwa das strenge Patriarchat des Onkels. Oder die förmlichen Begrüßungsriten der Heimat, bei denen in einer großen Runde nacheinander jeder jeden nach dem Wohlbefinden aller Familienmitglieder fragt, ohne eine echte Antwort zu erwarten, was zu einem anschwellenden, bald kanongleichen Gemurmel führt.

Aber auch die nächtliche Flucht im Schlauchboot übers Mittelmeer oder die Kontrollen am Eingang des deutschen Asylbewerberheims erleben wir mit dem stets still beobachtenden und tapfer alle Unbill ertragenden Nori. Ständig ist er umgeben von Menschen, die von Egoismus getrieben ihre eigenen Ziele verfolgen. Bald lernt das Kind, sich zu wehren: Indem es genauso rücksichtslos handelt wie die Erwachsenen.

Gerade weil die Flüchtlingsgeschichte in "Babai" abgekoppelt ist von der aktuellen Nachrichtenlage, den momentanen Brennpunkten, leistet sie einen wichtigen Beitrag zum Diskurs. Das Geschehen liegt weit genug zurück, damit sich der Film nicht im Kleinklein tagesaktueller Debatten zerreiben lassen muss. Im besten Sinne interessiert sich Visar Morina nicht so sehr für die konkrete historische Konstellation, sondern erzählt in erster Linie vom Verhältnis eines Sohnes zu seinem Vater. Damit hebt er seine Figuren weit über das Exemplarische hinaus und verleiht ihnen eindrückliche Eigenständigkeit.

So zeigt "Babai", wie Filme über Flucht gelingen können: Mit dem Mut zur autonomen Kraft der Bilder, dem Verzicht auf künstliche Dramatisierung und vor allem mit einem klar erkennbaren Interesse des Regisseurs an den individuellen Schicksalen seiner Figuren.

Im Video: Der Trailer zu "Babai"

Babai

Deutschland, Mazedonien, Frankreich 2015

Buch und Regie: Visar Morina

Darsteller: Val Maloku, Astrit Kabashi, Adriana Matoshi, Enver Petrovci

Produktion: NiKo Film

Verleih: missingFilms

Länge: 107 Minuten

Start: 10. März 2016

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