"Babel"-Regisseur "Der beste Drehbuchautor heißt Gott"

Kein Film holte sich so viele Golden-Globe-Nominierungen wie Alejandro González Iñárritus multikulturelles Drama "Babel". Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der mexikanische Regisseur über die Schranken in den Köpfen, die Vermenschlichung von Brad Pitt und das Rezept, um richtig zu leben.


SPIEGEL ONLINE: Ihr Film thematisiert die Verständigungsprobleme zwischen den Kulturen. Wie häufig haben Sie solche Situationen selbst erlebt?

Iñárritu: Immer wieder. Vor allem in den Vereinigten Staaten. Dabei ging es nicht um Sprachprobleme, sondern um die Schranken in den Köpfen. Ich selbst versuche, sie zu überwinden, indem ich mein eigenes Land verlasse und mit der Vorstellungswelt anderer Nationen auseinandersetze. Aber viele Menschen sind dazu nicht imstande. Ich habe mit Judenhassern gesprochen oder mit Leuten, die alles tun, um die Mexikaner am Grenzübertritt in die USA zu hindern. Oder ich habe von einer Soldatenmutter gelesen, die nach dem Tod ihres Sohnes erklärt, sie würde die Truppen im Irak bis zum Endsieg unterstützen. Solche Grenzen kannst du nicht ohne weiteres einreißen. Und das erfüllt mich mit tiefer Angst und Frustration.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen diese geistigen Schranken?

Iñárritu: Normalerweise werden sie von Politikern und den Massenmedien geschaffen. Die Bush-Regierung hat eine Paranoia heraufbeschworen, die in Fremdenfeindlichkeit und Faschismus mündet.

SPIEGEL ONLINE: Ein harter Vorwurf. Ist "Babel" deshalb ein politischer Film?

Iñárritu: Nicht direkt. Bei meinen Reisen um die ganze Welt habe ich realisiert: Trotz aller offenkundigen Unterschiede haben wir Menschen extrem viel miteinander gemeinsam. Und so hatte ich die Idee, einen Film über Grenzen zu machen, die im Endeffekt völlig überflüssig sind. Natürlich spielt sich für jeden Bürger dieser Welt das Leben in einem politischen Kontext ab. Wenn du aus einem islamisch geprägten Land kommst und mit jemandem aus den Vereinigten Staaten zu tun hast, bekommt dieser Kontakt eine ganz andere Färbung. Ich gebe also einen Kommentar über politisch-soziale Themen ab, aber ein Film über Politik und Politiker an sich interessiert mich nicht. Dieser Menschenschlag ist mir sehr suspekt.

SPIEGEL ONLINE: Seltsamerweise hatte Hollywood mit einer solchen Agenda keine Probleme. Ihr Film ist immerhin von Paramount kofinanziert worden.

Iñárritu: An "Babel" waren gleich mehrere Studios interessiert. Womöglich waren diese Leute es einfach müde, immer die gleichen Filme zu machen, und da wollten sie einmal etwas riskieren. Offenbar muss ich auch bei den Treffen, bei denen ich das Projekt vorschlug, etwas richtig gemacht haben. Mir hat niemand reingeredet, ich besaß völlige künstlerische Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Oder lag es daran, dass Sie einen Superstar wie Brad Pitt an Bord hatten?

Iñárritu: Wir hatten unser Geld schon zusammen, bevor er zusagte. Ich kannte ihn von früher, da ich mit ihm mal einen japanischen Werbespot gedreht hatte. Da er ebenfalls das künstlerische Risiko liebt, ließ er sich schnell überzeugen. Seine Beteiligung war aber auch eine Herausforderung für mich, denn er durfte nicht wie Brad Pitt wirken. Das Publikum sollte das Gefühl haben, einen ganz normalen Menschen auf der Leinwand zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie verwandelt man Brad Pitt in einen normalen Menschen?

Iñárritu: Ich machte ihn im Film etwas älter. So merkt man ihm an, was seine Figur alles durchgemacht hat. Von dem Strahlemann aus "Troja" ist nichts mehr zu sehen. Er hat selbst gesagt, dass ihm das viel geholfen hätte. Aber vor allem liegt seine Wirkung an seinen schauspielerischen Fähigkeiten. Das äußere Erscheinungsbild ist da zweitrangig.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig setzten Sie aber auch Laiendarsteller ein. Was war die Logik?

Iñárritu: Es war völlig aberwitzig. Erst kurz vor Drehbeginn entschied ich mich dazu. Ich bin der Auffassung, dass in jedem Menschen ein Schauspieler steckt. Vorausgesetzt, die Person, die er darstellt, hat etwas mit ihm zu tun. Allerdings ist es sehr mühselig, für jede Rolle den Richtigen zu finden. Ich hatte Kinder, die in einer anderen Sprache als ihrer eigenen spielen mussten, ohne zu verstehen, was sie sagten. Das war eine ganz extreme Herausforderung, aber sie hat sich mehr als gelohnt. Amüsant war dabei, dass keiner dieser Darsteller Brad Pitt oder Cate Blanchett kannte. Für diese Leute waren die beiden eben nur gewöhnliche Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie "Amores Perros" und "21 Gramm" beschäftigt sich "Babel" mit den Kettenreaktionen tragischer Unfälle. Hegen Sie eine Obsession für dieses Thema?

Iñárritu: Obsession ist etwas zu stark ausgedrückt. Aber ich hatte in der Tat die Konzeption für ein Triptychon: In "Amores Perros" ereignet sich die Tragödie auf lokaler Ebene, in "21 Gramm" spielt sie sich im Ausland ab, mit "Babel" erreicht sie jetzt globale Dimensionen. Mich faszinieren Momente, die das Leben sowohl in positiver wie negativer Richtung verändern können. Zum Leben gehört der Tod und umgekehrt. Nur dass unsere Gesellschaft die Realität des Todes verleugnet. Und das ist krank. Nur wer sich bewusst ist, dass er sterben wird, kann das Beste aus seinem Leben machen. Ein Freund von mir sagte: Wenn eine Sekunde ausreicht, damit wir sterben, warum genügt uns dann eine Sekunde nicht, um das Leben zu genießen?

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an das Schicksal?

Iñárritu: Ja, durchaus. Der beste Drehbuchautor heißt Gott.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Babel" Ihren Kindern gewidmet. Gab es da einen Hintergedanken?

Iñárritu: Meine Kinder reisen mit mir um die Welt, als wären sie Teil einer Zirkustruppe, und opfern viel für mich. Nur Dank ihrer habe ich angefangen, das Leben zu verstehen und meine Themen entdeckt. Ohne sie hätte ich diesen Film nicht gemacht.

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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